Doch!

Du brauchst die Tradition

Für die Kirche gilt das Prinzip der traditionellen Entwicklung, weil Christus selbst es so eingerichtet hat. Er hat den Samen gesät, aus dem sich der Glaube entfaltet hat. Würde man einen Stein herausnehmen, fiele alles zusammen.
Weise Worte von G. K. Chesterton
Foto: Gemeinfrei | G. K. Chesterton: „Die Tradition lehnt es ab, sich der kleinen und arroganten Oligarchie derer zu unterwerfen, die lediglich zufällig gerade auf der Erde herumlaufen.“

Wer an Christus glaubt, muss auch an die kirchliche Überlieferung glauben. Diese Aussage wird gleich mehreren christlichen Gruppierungen fragwürdig erscheinen. Da wären zum einen unsere evangelischen Brüder und Schwestern, die ja bekanntlich allein auf die Schrift vertrauen, nicht aber auf die kirchliche Tradition. Freilich tut sich hier unmittelbar ein Problem auf, denn die Zusammenstellung der biblischen Schriften in einen festgelegten Kanon ist ja bereits ein Produkt kirchlicher Überlieferung.

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Tradition

Noch problematischer wird es allerdings für jene Glieder der katholischen Kirche, für die Tradition wenig mehr ist als ein hinderlicher Klotz am Bein, der sie daran hindert, sich die Kirche nach ihren eigenen Vorstellungen zurechtzuzimmern. Hier sei an die weisen Worte G. K. Chestertons erinnert: „Die Tradition lehnt es ab, sich der kleinen und arroganten Oligarchie derer zu unterwerfen, die lediglich zufällig gerade auf der Erde herumlaufen.“ In der Tat ist es immer wieder faszinierend, wenn Modernisten ihre Aussagen beginnen mit Formulierungen wie: „Im Jahr 2022 kann man doch nicht …“, gar so, als hingen Fragen der Dogmatik, Ethik oder ganz allgemein der Wahrheit von der jeweiligen Zahl im Kalender ab.

Aber auch abgesehen von grundsätzlichen Überlegungen über den Wert überlieferter Sitten und Erkenntnisse gilt für die Kirche das Prinzip der traditionellen Entwicklung allein schon deshalb, weil Christus selbst es so eingerichtet hat. Nicht ohne Grund vergleicht unser Herr das Gottesreich, dessen Abbild die Kirche ja sein soll, immer wieder mit einem Samen, der in die Erde gepflanzt ist: „Die Erde bringt von selbst ihre Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn in der Ähre.“ (Markus 4,28) Nichts kann sich aus dem Samen entwickeln, was nicht bereits in ihm angelegt wäre. Wir dürfen und sollen diese Saat in ihrer Entwicklung pflegen und begleiten.

Samen gestreut 

Niemand hat das besser zu formulieren gewusst als der heilige Vinzenz von Lérins im fünften Jahrhundert: „Unsere Vorfahren haben vor Zeiten auf dem Saatfelde der Kirche die Samen des Glaubensweizens ausgestreut. Es wäre nun sehr unrecht und unpassend, wenn wir, ihre Nachkommen, statt der echten Wahrheit des Getreides den untergeschobenen Irrtum des Unkrautes einsammelten […] Denn wird einmal auch nur ein kleiner Teil der katholischen Glaubenslehre aufgegeben, so wird auch ein anderer und dann wieder ein anderer und zuletzt einer nach dem anderen wie gewohnheits- und rechtmäßig aufgegeben werden. Wenn aber die einzelnen Teile verworfen werden, was anders wird dann die letzte Folge sein, als dass das Ganze zugleich verworfen wird?“ Schauen wir uns ein beliebtes Gegenargument an, wie wir es beispielsweise auf den Seiten von Maria 2.0 finden:

„Wer meint, dass die Lehre der Kirche für die Ewigkeit festgeschrieben werden kann, der sollte einfach mal den heiligen Paulus lesen. Der sagt: Stückwerk ist alle Erkenntnis!“ Nun, zunächst einmal wurde das Wörtchen „alle“ hier in den Text hineingeschmuggelt. Richtig ist aber, dass Paulus unsere Erkenntnis als Stückwerk bezeichnet.

Doch gerade darin liegt ja das stärkste Argument für die kirchliche Tradition! Stück für Stück bauen wir das Haus der göttlichen Erkenntnis auf, von den Vätern und Märtyrern über die großen Gelehrten des Mittelalters bis hin zu den Heiligen unserer Tage. Diese Entwicklung wird weitergehen, und es werden neue Stücke hinzukommen. Aber wir können nicht bereits eingemauerte Steine wieder herausnehmen, ohne dass alles in sich zusammenkracht.

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