Doch!

Du brauchst die Kirche

An den Mensch gewordenen Sohn Gottes glauben bedeutet, auch an sein Werk zu glauben. Es gibt nur diesen Weg für die Nachfolge Jesu Christi. Und ihm folgt man nicht privat, sondern gemeinschaftlich.
Fulda, Dom
Foto: (180344340) | An Jesus glauben geht nur in Gemeinschaft und diese Gemeinschaft ist die Kirche. Glaube und Kirche lassen sich nicht trennen.

„Ich glaube an Jesus, aber die Kirche brauche ich nicht.“ Diesen Satz hört man innerhalb unserer christlichen Gesellschaft immer häufiger. Die Corona-Maßnahmen mit ihrer Tendenz zur Isolierung des Einzelnen haben den Trend noch zusätzlich verstärkt. Als während der Pandemie Gottesdienste verboten wurden, was in der Geschichte des christlichen Europas bislang nur ein einziges Mal während des Terrors der Französischen Revolution vorkam, regte sich kaum Widerstand. Die Ironie der Geschichte wollte es, dass die Corona-Maßnahmen mit dem 75-jährigen Kriegsende zusammenfielen, zu dessen Gedenken die deutschen Bischöfe stolz erklärten, man werde nie wieder zulassen, dass die Kirche ihre Grundsätze der staatlichen Gewalt unterordne – nachdem sie soeben auf Geheiß des Staates sämtliche Kirchen geschlossen hatten.

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Besonders reif

Nicht nur scheint der moderne Christ davon überzeugt zu sein, seinen Glauben ohne die Kirche leben zu können, er empfindet diese Haltung geradezu als eine Form besonders reifen Glaubens, gleichsam wie der Jugendliche, der sich von seinem Elternhaus emanzipiert. Der Unterschied besteht freilich darin, dass der Jugendliche später zumeist selbst wiederum zum Vater wird und so die Tradition fortsetzt. Denn das muss jedem, der den anfangs zitierten Satz ausspricht, klar sein: Ohne die Kirche könnte er gar nicht an Jesus glauben, denn ohne sie, die den Glauben über Jahrhunderte bewahrt hat, hätte er niemals zu Jesus gefunden.

Aber selbst, wenn man den Aspekt der Weitergabe für einen Moment beiseitelässt, bleibt die Haltung fragwürdig. An Christus glauben, bedeutet, an sein Werk glauben, und die von ihm gegründete Kirche gehört wesentlich zu diesem Werk, wie bereits der Apostel Paulus schreibt: „Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie zu heiligen, da er sie gereinigt hat durch das Wasserbad im Wort! So will er die Kirche herrlich vor sich hinstellen, ohne Flecken oder Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos.“ (Epheserbrief 5,25-27)

Skandalkirche 

An dieser Stelle kann man innerlich bereits das Gegenargument vernehmen, dass die Kirche ja alles andere als heilig sei, was nicht zuletzt an den jüngsten Missbrauchsskandalen deutlich geworden sei, die viele Mitglieder zum Austritt veranlasst haben. So richtig diese Empörung ist, so falsch ist die daraus gezogene Konsequenz. Schon der heilige Augustinus stellte fest: „Vielmehr sollten wir uns der Gleichnisse der Heiligen Schrift entsinnen, der göttlichen Weissagungen und der zuverlässigen Beispiele, durch die vorausgesagt und bewiesen ist, dass die Bösen mit den Guten in der Kirche vermischt sein werden bis an das Ende der Welt, bis zu der Zeit des Gerichts, und dass den Guten, die nicht in ihre Taten einstimmen, aus der Einheit mit ihnen und aus ihrer Teilhabe an den Sakramenten kein Schaden erwachsen wird.“

Wir brauchen die Kirche

Der Rückzug ins Private, so verführerisch er sein mag, ist für Christen keine Option. Der christliche Glaube ist etwas Persönliches, nichts Privates. Persönlich bedeutet, dass etwas zu mir als Person gehört. Privat bedeutet, dass ich etwas vor anderen abzuschirmen versuche, weil es nur mich etwas angeht. Ersteres trifft auf den Glauben zu, Letzteres nicht. Persönlich wird unser Glaube immer sein, aber er ist nur authentisch, sofern er gemeinschaftlich ist. Wenn uns also jemand einreden will, wir bräuchten die Kirche nicht, sondern nur unser privates Glaubensbekenntnis, so dürfen wir ihm mit heiligem Trotz entgegenschleudern: Doch! Wir brauchen die Kirche!

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