Porträt

Der Großmeister des Gregorianischen Chorals

Der Choralforscher Dom Joseph Gajard, Benediktinermönch der Abtei St. Pierre de Solesmes, leitete nahezu sechs Jahrzehnte den Chor der Abtei Solesmes.
Dom Joseph Gajard, Benediktinermönch der Abtei St. Pierre de Solesmes
Foto: privat | Benediktiner Dom Joseph Gajard vereinte didaktisches Geschick mit Liebe zum Gregorianischen Choral und einem sympathischen Wesen. Er wurde weit über Frankreichs Grenzen bekannt als Lehrer für Gregorianik.

Dom Joseph Gajard wurde am 25 Juni 1885 in Sonzay (Indre-et-Loire) geboren. Aufgewachsen in einem ebenso musikalischen wie gläubigen Umfeld - ein Onkel war Kanonikus der Kathedrale zu Tours, ein Bruder und zwei Neffen Priester der Diözese Tours - , trat er mit 12 Jahren in das bischöfliche Kolleg in Tours ein. Bereits in dieser Zeit und durch Besuche der Abtei Fontgombault zeichnete sich seine Berufung ab. Er trat in das Priesterseminar Tours ein und empfing am 5. Juni 1909 die heilige Priesterweihe. Doch bereits ein Jahr zuvor verspürte Dom Gajard den Ruf in die Abtei Solesmes. Seine Ordensprofeß am 15. August 1911 fand in der Abtei Quarr (Insel Wight) statt. Dort lebten die Mönche der Abtei Solesmes nach den Kongregationsgesetzen von 1901 Frankreich im Exil.

Restaurierung des Gregorianischen Chorals

Erst unter Abt Dom Germain Cozien kehrten die Mönche 1921 nach Solesmes zurück. Doch bereits im September 1914 übernahm Dom Gajard auf Wunsch seines verdienstvollen Vorgängers Dom André Mocquereau die Leitung des Chores von Solesmes.  Das in den 1830er Jahren von Dom Prosper Guéranger, Abt von 1837 bis 1875, wiederbegründete Kloster wurde ein Zentrum liturgischer Erneuerung und leistete einen wichtigen Beitrag zur Stärkung des Katholizismus in Frankreich; insbesondere gingen die Restaurierung des Gregorianischen Chorals und die Studien zur Geschichte des Gregorianischen Chorals von dort aus.

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Dom Gajard gab im Jahre 1927 den zweiten Band von Dom Mocquereaus fundamentalem Werk „Le nombre musical“, Theorie und Praxis des Gregorianischen Chorals heraus. Nach dem Tode Dom Mocquereaus im Jahre 1930 wurde Dom Gajard zu seinem Nachfolger als Direktor des Ateliers für gregorianische Paléographie nominiert. Bei der Neuausgabe mehrerer gregorianischer Ausgaben wie beispielsweise des Antiphonale monasticum (1934) war Dom Gajard federführend beteiligt.

Lehrer für Gregorianik weit über Frankreich hinaus

Eine Vielzahl beeindruckender Tonaufnahmen unter der Leitung Dom Gajards aus den 1930er und 1950er Jahren dokumentiert das hohe Niveau des Mönchsgesanges unter seiner Leitung. Sein didaktisches Geschick, seine Liebe zum Gregorianischen Choral und sein sympathisches Wesen führten ihn als Lehrer für Gregorianik weit über Frankreich hinaus.

Die Teilnahme Gajards an einem erfolgreichen Kirchenmusikkongress in Paris wurde zur Initialzündung der Gründung des „Institut grégorien de Paris“, wo er einige Jahre lehrte. Schließlich gab er die Vorlesungen in die Hände des Institutsdirektors Auguste le Guennant (1881 – 1972) zu übergeben.

Nachhaltige Früchte

Durch die Zusammenarbeit mit dem Gregorianischen Institut von Paris konnte Dom Gajard die für einige Jahre ausgesetzte „Revue grégorienne“ wieder begründen. Nachhaltige Früchte seiner Arbeit gingen aus der auf seine Initiative hin im Jahre 1938 gegründeten „Schola Saint-Grégoire du Mans“ zurück. Die methodisch-didaktische Arbeit Dom Gajards wurde durch eine Reihe Gregorianiker, u.a. Suzanne Bellin, Denise Lebon, Theodore Marier weitergegeben, besonders an junge Seminaristen, Ordensschwestern, Sänger und Kirchenmusiker. Am 25. April 1972 legte Dom Gajard sein Leben in die Hände seines Schöpfers zurück.

Anlässlich seines 50. Todestages zeigte ein Symposium in seiner jahrzehntelangen Wirkungsstätte Solesmes kürzlich die auch heute noch bestehende Wertschätzung seiner Arbeit, die grundsätzlich bei selbstverständlichem theoretischem Können auf speziellen Dispositionen des singenden Beters aufbaute : „ Es sind diese, welche die gregorianische Melodie selbst so perfekt zum Ausdruck bringt: Dispositionen wahrer Demut, des Glaubens und der Liebe. „ (Dom Joseph Gajard: „La méthode de Solesmes“, 1951)

 

 

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