Kirche

Zentralkomitee der deutschen Katholiken: In die Jahre gekommen

Politische Vorfeldkommission, innerkirchliche Opposition, katholische Laienbewegung: 150 Jahre ZdK. Von Martin Wind
Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK)
Foto: dpa | Das Sprachrohr katholischer Laien - relevant in der Vergangenheit, aber auch in Gegenwart und Zukunft? Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken und sein Präsident Thomas Sternberg.

Das „Zentralkomitee der deutschen Katholiken“ (ZdK) ist in die Jahre gekommen. Rechnet man die ersten Vereinigungen katholischer Christen ohne Weihe mit dem Ziel einer Einflussnahme auf Gesellschaft und Politik zur Geschichte des ZdK, so könnte das Komitee in diesem Jahr mehr als 170 Jahre seines Bestehens feiern.

Damals firmierten dezentral gegründete Vereinigungen noch unter dem Titel „Piusverein für religiöse Freiheit“. Die Wurzeln dieser Vereine in den Länder des „Deutschen Bundes“ reichen bis vor die Wirren der sogenannten „Märzrevolution“ von 1848/49 zurück, als ein selbstbewusst gewordenes Bürgertum sich gegen bisherige Herrschaftsstrukturen auflehnte. Schon zuvor hatten Katholiken sich gegen repressive Maßnahmen gegen die Kirche und deren Mitglieder seitens der zumeist protestantischen Obrigkeit gewandt.

Ein Bollwerk gegen Säkularisierungsforderungen

1848 versammelten sich vom dritten bis zum sechsten Oktober Vertreter der unabhängig voneinander gegründeten Vereine in Mainz zum ersten „Katholikentag“ bei der ersten „Generalversammlung der katholischen Vereine Deutschlands“. Von nun an traf man sich jährlich an wechselnden Orten im gesamten Reichsgebiet. Die Zusammenkünfte bedurften einer immer ausgefeilteren und umfangreicheren Vorbereitung: Die Idee einer Institutionalisierung der Vorbereitung der Katholikentage schlug sich in der Gründung eines „geschäftsführenden Zentralkomitees“ nieder. Nach rund zwanzig Jahren war mit der Wahl des ersten Präsidenten dieses Zentralkomitees – Fürst Karl zu Löwenstein – die Konsolidierungsphase der Organisation weitgehend abgeschlossen. Das „Zentralkomitee“ war damit 1868 gegründet. Gerade rechtzeitig, denn spätestens seit 1871 trat der sogenannte Kulturkampf des Reichskanzlers Bismarck in seine heiße Phase und sollte rund ein Jahrzehnt andauern.

Die Kirche und ihre Amtsträger konnte jede Unterstützung gut brauchen in der Abwehr der Übergriffe seitens des Staates. Eine breit aufgestellte katholische Basisrepräsentanz und Interessenvertretung war zum damaligen Zeitpunkt wichtig und hilfreich. Mehr denn je galt der Leitspruch aus den Anfangszeiten der Bewegung: „Die Freiheit der Kirche ist die Mutter einer besseren Zukunft für Deutschland. Das ist die Grundidee des Katholischen Vereins Deutschlands.“ Nun galt es, den Auswüchsen der obrigkeitlichen Säkularisierungsforderungen entgegenzutreten und das permanente Zurückdrängen der Kirche aus den Strukturen der Gesellschaft zu unterbinden. Trotz aller Bedrängnis galt es den Laien damals, ihre Treue zur Kirche, zum Lehramt und zum Papst begründet und standhaft nach außen darzustellen. Diese engagierten Laien von der Basis geben noch heute mit der Intention ihres damaligen Engagements ein leuchtendes Beispiel für das Eintreten für die Kirche gegen die Anfechtungen „der Welt“ und zeitlicher Moden.

Das war keineswegs die einzige Bewährungsprobe, die das Zentralkomitee in seiner bewegten Geschichte zu durchleben hatte. Auch unter dem Regime der Nationalsozialisten hatten Amtsträger und die Mitglieder der Kirche zu leiden. Viele Katholiken von der Basis erkannten schon lange vor der sogenannten Machtergreifung Hitlers, welches Bedrohungspotenzial der Absolutheitsanspruch und der brutale Durchsetzungswille dieser menschenverachtenden Ideologie in sich barg. Daran änderte auch der Konkordatsschluss der Kirche mit dem Deutschen Reich nichts. Zwar gab es in der Zeit des sogenannten Dritten Reichs keine Katholikentage, dennoch hatte das fruchtbare Wirken des Zentralkomitees und der Katholikentage vor allem in das katholische Gemeinschafts- und Vereinsleben hinein Früchte getragen: Katholisch-christliche Glaubens- und (Selbst)Bewusstseinsbildung gab vielen Katholiken das Rüstzeug, dem Regime tapfer die Stirn zu bieten.

Alles hat seine Zeit. Und so begann nach dem Krieg eine Zäsur im Selbstverständnis und in der Außenwirkung des ZdK. Nachdem bereits 1948 in Mainz der erste Nachkriegs-Katholikentag stattfand, berappelte sich das Zentralkomitee bis 1952, bevor es mit neuem Namen und neuem Statut erneut antrat: Das Kürzel „ZdK“ steht seither für die Begrifflichkeit, wie man sie in der Bundesrepublik kennengelernt hat: Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Hatte bis vor dem Krieg die Außenvertretung kirchlicher Lehre, Inhalte und Interessen im Vordergrund des Wirkens des Zentralkomitees gestanden, so wollte man sich in Zukunft verstärkt der Binnenorganisation der Strukturen, sprich der Gemeinschaften, Vereine, Verbände und Bünde innerhalb der Kirche widmen. Zugleich sollte deren Wirken der Öffentlichkeit stärker ins Bewusstsein gerückt werden.

Antiquiert und abgekoppelt von der Basis

Waren die Katholikentage vor dem Krieg und bis zum Ende der sechziger Jahre mehr oder weniger „Arbeitstreffen“ der Delegierten der vielfältigen Strukturorganisationen unter dem Dach des Zentralkomitees, so begann das ZdK gegen Ende der 60er Jahre – besonders beim Essener Katholikentag 1968 und seinen kritischen Tönen gegen Paul VI. und Humanae vitae – den Veranstaltungscharakter grundlegend zu wandeln. Einhergehend mit einer stärkeren tagespolitischen Politisierung und weiteren Statutenänderungen entwickelte sich der Katholikentag mehr und mehr zu einer Art Event, zu einem großen „Happening“ für alle unter der Schirmherrschaft des ZdK. Nach dem Geschmack vieler praktizierender Katholiken kommt dabei aber offenbar leider inzwischen die Freude am Glauben zu kurz.

Und so änderte sich über die Jahre schleichend auch die Außenwirkung des ZdK massiv. Vor den 68er Jahren waren die klar römisch-katholische Positionierung der Mitglieder und des Wirkens des Zentralkomitees häufig Objekte medialer Betrachtung und Berichterstattung und Anstoß für die Politik gewesen. Inzwischen entsteht aufgrund der medialen Rezeption und auch wegen vieler Wortmeldungen seitens der Mitglieder und aus dem Präsidium des ZdK häufig der Eindruck, das ZdK verstünde sich als innerkirchliche Opposition, die gewillt ist, Teile der Lehre der Kirche durchaus massiv in Frage zu stellen. Das führt unübersehbar zu offenen Verwerfungen zwischen der Organisation und vielen römisch-katholischen Laien von der Basis. Eine deutliche Reaktion war unter anderem die Gründung des „Forums deutscher Katholiken“, das sich der aus den Gründerjahren des Zentralkomitees tradierten Treue zur Kirche und der Lehre verpflichtet sieht. Aber nicht nur auf Organisationsebene gibt es kritische Bewegung: In sozialen Netzwerken kann man heute vielfach beobachten, dass viele engagierte Katholiken auf ihren Blogs, ihren Profilen in sozialen Netzwerken oder auch in Kommentarspalten auf Medienhomepages deutlich kundtun, dass sie sich vom „ZdK“ nicht vertreten fühlten. Dazu wurden sogar eigens Buttons und Logos kreiert.

Zu diesem Vertrauensverlust und der Abkopplung von der Basis tragen sicher auch Vorgänge bei, die das ZdK oft eher als politische Vorfeldorganisation etablierter Politik erscheinen lassen. Das mag unter anderem an der heutzutage antiquierten Mitgliederstruktur liegen. Denn neben den Abgesandten aus katholischen Organisationen und aus den gewählten Laienvertretungen auf Gemeinde und Diözesanebene, werden dem Komitee auch noch Einzelpersönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft hinzugewählt. Inwieweit sich das positiv auf die Arbeit des Komitees auswirkt, wird dabei bis heute nicht erkennbar diskutiert. Es ist aber verführerisch, sich über klingende Namen aus Politik und Gesellschaft eine vermeintliche Relevanz aufzubauen.

Eigentlich sollte ein 150. Jahrestag der Gründung Grund zum Feiern geben. Aber wie schon erwähnt, scheint der Wandel in der Selbstwahrnehmung und bei den selbstgesteckten Zielen des ZdK mehr und mehr die Legitimation des Komitees vor der kirchlichen Basis zu zersetzen. Da kommt die Frage auf, ob man sich das Feiern dann eventuell lieber ersparen möchte. Dennoch ist es zumindest verwunderlich, dass das ZDK sein Jubiläum bisher weder auf seiner Homepage selbst thematisiert, noch dass es in irgendeiner Weise einen Hinweis auf geplante Festlichkeiten gibt. Auf telefonische Nachfrage war nur in Erfahrung zu bringen, dass es wohl am 13. September eine Feierstunde mit Gottesdienst und einem Festvortrag geben solle.

Seit 15 Jahrzehnten stützt und begleitet das „ZdK“ nun schon das Wirken kirchlicher Laien in Gesellschaft, Kirche und Politik. Das Positive dieser Bemühungen ist durchaus ein Grund zum Feiern. Es ist auch ein Grund, mit ein wenig Stolz auf diese Zeiten zurückzublicken. Der Blick auf die Geschichte zeigt, dass die Relevanz des ZdK immer dann am größten war, wenn es klar für die Belange der römisch-katholischen Kirche eintrat. Dem „ZdK“ könnte auf dem Fundament des Vorbilds der Vergangenheit eine segensreiche Zukunft bevorstehen. Viele Laien würden sich freuen.

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