Solidarische Gnadenfrüchte

Das Messopfer für Lebende und Verstorbene nimmt alle Gläubigen in das Gebet der Universalkirche hinein und vereint sie im Leib Christi. Von Helmut Hoping
Messopfer geht über die Grenzen der versammelten Gemeinde hinaus
Foto: KNA | Das Messopfer geht über die Grenzen der versammelten Gemeinde hinaus und verbindet Lebende und Verstorbene.
Messopfer geht über die Grenzen der versammelten Gemeinde hinaus
Foto: KNA | Das Messopfer geht über die Grenzen der versammelten Gemeinde hinaus und verbindet Lebende und Verstorbene.

Die Eucharistie wird von der versammelten Gemeinde unter dem Vorsitz eines Priesters gefeiert. Die Eucharistie hat aber nicht nur Bedeutung für die vor Ort versammelte Gemeinde, sondern für die ganze sichtbare und unsichtbare Kirche. Es ist guter katholischer Brauch, in einem besonderen Anliegen, wie man sagt, eine Messe „zu bestellen“ und „lesen zu lassen“. Die Rede ist vom Messstipendium. Dabei handelt es sich um eine in Geld gewährte Gabe, die einem Priester gereicht wird und ihn verpflichtet, eine heilige Messe nach der Intention des Spenders zu feiern (can. 945 und 949 CIC).

Wie die Lehre vom Messopfer stößt auch das Messstipendium heute vielfach auf Unverständnis. Handelt es sich dabei nicht um einen Fall von Simonie, ein Geschäft in geistlichen Dingen? Genügt es nicht, ein Gebet zu sprechen?

Am Anfang der Geschichte des Messopfers für Lebende und Verstorbene steht die Gabendarbringung (offertorium). Die Gläubigen spendeten Gaben, die für die Feier der Eucharistie, die Armen, zunehmend auch für den Unterhalt der Priester bestimmt waren: Brot, Wein, Honig und andere Gaben. Die Spenden wurden als Opfergabe (oblatio) betrachtet, denn sie galten als Zeichen der Hingabe und Opferbereitschaft der Gläubigen. Mit der zunehmenden Ritualisierung der Darbringung von Brot und Wein setzte sich die extramissale Gabe durch. Zwei Formen wurden dabei unterschieden: Bei der Frümgabe überreichte man dem Priester außerhalb der Messe eine Gabe mit der Bitte um ein besonderes Gedenken – in der Hoffnung, die Messe frumen, das heißt in einem besonderen Anliegen nutzen zu können. Eine andere Form war die Zelebrationsgabe, bei der dem Priester eine Gabe für eine Messe gereicht wurde, zu der er nicht verpflichtet war, damit er diese in einem besonderen Anliegen feiert. Es waren für eine Messe mehrere Frümgaben, aber nur eine Zelebrationsgabe erlaubt. Römisches und germanisches Rechtsdenken führten zu der Vorstellung, aus der Opfergabe erwachse die vertragliche Verpflichtung des Priesters, eine Messe in der Intention des Spenders zu feiern, die deshalb auch nicht mehr eigens genannt werden musste. Mit der Geldwirtschaft trat an die Stelle der Gabe von Naturalien die Geldoblation. So entstand auch der problematische Ausdruck „eine Messe kaufen“.

Einen Hinweis auf die Gläubigendarbringung enthält der Römische Kanon (Erstes Eucharistisches Hochgebet). Am Schluss des Gedächtnisses für die Lebenden betet der Priester: „Vor dich, den ewigen, lebendigen und wahren Gott bringen sie ihre Gebete und Gaben.“ Neben dem Gedächtnis für die Lebenden kennt der römische Kanon auch ein Gedächtnis für die Verstorbenen. Dieses hat seinen Ort nach der Konsekration der Gaben von Brot und Wein. Der ursprüngliche Ort für das christliche Totengedenken war aber nicht die Messfeier, sondern das Grab der Verstorbenen. Das frühchristliche Begräbnis entwickelte sich im Ausgang vom heidnischen Totenmahl, das man am Grab des Verstorbenen an bestimmten Tagen feierte. Die älteste Form des christlichen Totengedenkens ist das Gedächtnis am Todestag der Märtyrer (dies annus). Mit dem Bau von Kirchen an Märtyrergräbern verlagerte sich das Totengedenken vom Grab an den Altar. Wie mit den Märtyrern, so wussten sich die Gläubigen auch mit den übrigen in Christus Verstorbenen über den Tod hinaus verbunden. Frühchristliche Grabinschriften richteten an die Lebenden die Bitte, für die Toten zu beten. Nicht selten war die Grabinschrift schon in der Form eines fürbittenden Gebets abgefasst. In den Märtyrern und Heiligen sah man besonders wirkmächtige Fürsprecher für die Verstorbenen bei Gott.

Tertullian erwähnt erstmals das Jahresgedächtnis am Grab von Verstorbenen, die nicht das Martyrium erlitten, Cyprian eine Eucharistiefeier in Verbindung mit dem Begräbnis. Seit dem vierten Jahrhundert kennt die römische Begräbnistradition die Feier der Eucharistie in Gegenwart des Leichnams. Augustinus setzt dies für das Begräbnis seiner Mutter Monika im römischen Ostia voraus. Die Opfergaben wurden ursprünglich stellvertretend für die Verstorbenen dargebracht, um diese so in die Feier der Eucharistie einzubeziehen. Zum Jahresgedächtnis gehörte aber auch das fürbittende Gebet für jene Verstorbenen, von denen man glaubte, dass sie sich noch in unmittelbarer Nähe zu Gott befinden. Mit den Opfergaben war daher eine Art commendatio verbunden: die Seelen der Verstorbenen wurden Gott zur gnädigen Erinnerung anempfohlen. Die bedeutendsten Tage des Totengedächtnisses waren neben dem Sterbe- bzw. Begräbnistag das Jahresgedächtnis sowie der dritte, der siebente und der dreißigste Tag.

Der Ort des Gedächtnisses für die Lebenden und Verstorbenen war ursprünglich das Offertorium. Für die Messfeier am Sonntag, dem Tag der Auferstehung, war zunächst kein spezielles Gedächtnis für die Verstorbenen vorgesehen. Im Frühmittelalter etablierte sich das Gedächtnis für Lebende und Verstorben als fester Bestandteil des Eucharistiegebets. Die tägliche Messzelebration der Priester, die sich im Mittelalter durchsetzte, machte eine Vermehrung der Altäre notwendig. Die Theorie der Messfrüchte, wonach der Wert der Messe im Unterschied zum Kreuzesopfer Christi endlich ist, führte in Verbindung mit der Lehre vom Purgatorium (Reinigungsort) zu einer verstärkten Nachfrage nach Messfeiern. Die Ursprünge der Vorstellung eines postmortalen Reinigungsprozesses reichen bis in das dritte Jahrhundert zurück (vgl. die „Passio Perpetuae“). Gregor der Große betrachtet die wiederholte Messe als wichtige Hilfe für die Verstorbenen auf ihrem Weg zur Seligkeit bei Gott. Im sechsten Jahrhundert begegnet erstmals der lateinische Begriff purgatorium. Das Purgatorium ist Ausdruck eines nichtelitären Kirchenbildes. Für die verstorbenen Durchschnittschristen, die keine Heiligen sind, gibt es einen eigenen Weg zum Heil: durch Reinigung zur Seligkeit.

Verdunkelt wurde das Hoffnungspotenzial der Purgatoriumslehre durch den lange nachwirkenden Heilspartikularismus Augustins, der annahm, dass nur wenige gerettet werden (Heilsangst). Hinzu kam die Transformation des Purgatorium zu einer Art Hölle auf Zeit (Fegefeuer), aus der man sich und andere durch den Kauf von Ablässen meinte herauskaufen zu können. Martin Luther hatte allen Grund, sich gegen den Ablasshandel der Kirche zu wenden. Doch Luther lehnte ebenso einen postmortalen Reinigungsprozesses und das Messopfer für Lebende und Verstorbene ab.

Das Trienter Konzil hielt daran fest, dass in der Messfeier das Kreuzesopfer Christi mit seiner sühnenden Kraft sakramental gegenwärtig wird (DH 1740) und für Lebende und Verstorbene gefeiert wird (DH 1743). Das Konzil war bemüht, vom Messstipendium jeden Anschein von Gewinnstreben fernzuhalten. Doch erst Urban VIII. (1623-1644) entschied, dass für eine Messe jeweils nur ein Stipendium angenommen werden dürfe. Heute gibt es keinen Ablasshandel gegen Geld mehr. Und bei der geringen Summe eines Messstipendiums kann der Anschein eines Geschäfts nicht mehr aufkommen.

Ein Zugang zur Messfeier für Lebende und Verstorbene lässt sich am ehesten über den Gedanken der Communio Sanctorum als christlicher Solidargemeinschaft gewinnen. In der Frage des fürbittenden Gebetes für Verstorbene besteht zwischen Katholiken und Lutheranern heute ein weitgehender Konsens. So spricht sich das Gottesdienstbuch der Lutherischen Kirche Deutschlands (1996) für die Fürbitte für Verstorbene aus: „Das fürbittende Gebet für die Toten ist in der über den Tod hinausreichenden Gemeinschaft mit Christus begründet. Die betende Gemeinde hält sich an die Verheißung der Gnade ... Das Gebet nimmt die Hoffnung auf die Auferweckung und Vollendung auf.“ Im Dokument „Communio Sanctorum. Die Kirche als Gemeinschaft der Heiligen“ (2002) erklären die Deutschen Bischofskonferenz und die Kirchenleitung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands: „Gemeinsam sind wir überzeugt, dass es der Gemeinschaft, in der wir in Christus mit den schon Verstorbenen über ihren Tod hinaus verbunden sind, entspricht, für sie zu beten und sie in liebendem Gedenken der Barmherzigkeit Gottes anzuvertrauen. Denn alle – auch die, welche ein christliches Leben geführt haben – bleiben als Sünder hinter dem Anspruch Gottes zurück und bedürfen der annehmenden Liebe des barmherzigen Gottes.“

In der Liturgiekonstitution „Sacrosanctum Concilium“ (1963) des Zweiten Vatikanischen Konzils heißt es zum Opfer der Eucharistie: „Unser Erlöser hat beim Letzten Abendmahl in der Nacht, da er überliefert wurde, das eucharistische Opfer seines Leibes und Blutes eingesetzt, um dadurch das Opfer des Kreuzes durch die Zeiten hindurch bis zu seiner Wiederkunft fortdauern zu lassen“ (SC 47). Es ist unstrittig, dass dies nicht im Sinne einer Wiederholung des Kreuzesopfers in der Eucharistie zu verstehen ist, sondern seiner sakramentalen Gegenwart. So sollen die Gläubigen durch die Teilnahme am Mysterium der Eucharistie „Gott danksagen und die unbefleckte Opfergabe darbringen nicht nur durch die Hände des Priesters, sondern auch gemeinsam mit ihm und dadurch sich selbst darbringen lernen“ (SC 48). Die katholische Kirche hält aber daran fest, dass die Eucharistie die Darbringung des Opfers Christi ist (KKK Nr. 1362-1372) und das Messopfer für jene, die Christus gestorben sind, aber noch der Reinigung bedürfen, gefeiert wird (KKK 1371).

Beim Gedächtnis für die Verstorbenen, die uns vorangegangen sind, „besiegelt mit dem Zeichen des Glaubens“ (Erstes Eucharistisches Hochgebet), geht es nicht darum, Gott zu versöhnen oder in seinem Erbarmen gegenüber den Verstorbenen zu manipulieren. Das Gedächtnis für die Verstorbenen hat die Form der Fürbitte: Gott möge an den Verstorbenen vollenden, was in ihrem Leben nicht zur Vollendung kommen konnte. Wichtig ist es, dass mit der Messe für Verstorbene weder die Vorstellung verbunden ist, eine Messe oder bestimmte Gnadenfrüchte kaufen zu können, noch ein privates Verständnis der Messe, als ob diese exklusiv für einzelne Verstorbenen gefeiert würde. Dies gilt auch für andere Messintentionen. Jeder Pfarrer ist auch verpflichtet, an allen Sonntagen und gebotenen Feiertagen eine Messfeier für alle Gläubigen seiner Pfarrei zu feiern (can. 534 CIC), für die daher kein Messstipendium angenommen werden darf. Hier stellt sich auch die Frage nach dem angemessenen Ort für die Nennung der Messintention.

Vielfach werden die Intentionen heute nicht mehr im Eucharistischen Hochgebet, sondern in den Fürbitten (oratio fidelium) genannt. Es gibt auch die Praxis, sie unmittelbar vor der Messefeier oder nach der Eröffnung zu erwähnen. In manchen Pfarreien beschränkt man sich darauf, die Intentionen im Pfarrbrief zu nennen, ansonsten nur still zu kommemorieren. Zwar können Intentionen in Wort-Gottes-Feiern genannt werden, doch reicht dies für Intentionen, die an Messstipendien gebunden sind, nicht aus. Sie fordern zwingend eine Messfeier. Der Sinn der Messintention ist ein doppelter: Einerseits drückt sich darin unsere Solidarität und Treue gegenüber den Lebenden und Verstorbenen aus, die im einen Leib Christi miteinander verbunden sind. Andererseits werden wir dadurch mit unseren Anliegen in besonderer Weise in die Darbringung der Eucharistie hineingenommen.

Der Autor spricht auf dem Eucharistischen Kongress am Freitag um 16.30 Uhr zum Thema: Memento, Domine ...

Das Messopfer für Lebende und Verstorbene. Ort: Maternushaus.

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