Reise ins spätantike Heilige Land

Der Pilgerbericht der Egeria schwelgt in liturgischen Impressionen der byzantinischen Zeit. Von Fabian Brand

Wer sich heute aufmacht, um mit offenen Augen das Heilige Land zu erkunden, kommt an ihr und ihrem berühmten Reisebericht nicht vorbei. Egeria, eine vermutlich aus Nordspanien oder Gallien stammende Pilgerin, machte sich Ende des vierten Jahrhunderts auf, um auf den Spuren der Bibel zu wandeln. Was sie dabei erlebt und gesehen hat, hat sie detailliert in ihrem Pilgerbericht festgehalten. Darin beschreibt Egeria nicht nur die Reisen zum Sinai, zum Berg Nebo, nach Mesopotamien oder Konstantinopel. Sie überliefert auch einen genauen Ablauf des liturgischen Jahres und der gottesdienstlichen Vollzüge, wie sie im Jerusalem der Spätantike gepflegt wurden. Der Reisebericht der Egeria ist also mehr als nur eine bloße Aufzählung der besuchten Orte. Er lässt vielmehr eintauchen in das Heilige Land der byzantinischen Zeit, in der die christliche Erinnerungslandschaft gerade im Entstehen begriffen war.

Georg Röwekamp, als Repräsentant des Deutschen Vereins vom Heiligen Land selbst in Jerusalem ansässig geworden, hat den Reisebericht Egerias in der mittlerweile dritten Auflage herausgegeben. Bei der Überarbeitung des Textes wurde nicht nur neue Literatur ergänzt, sondern auch neue Fragmente des Itinerars berücksichtigt, die 2005 aus einer Madrider Privatsammlung veröffentlicht wurden.

Wer war die Frau, die schon zur damaligen Zeit eine so große Reise auf sich nahm? Aus dem Text ihres Reiseberichts selbst lässt sich schließen, dass sie vielleicht einem Frauenorden angehörte. Schon sehr frühe Quellen bezeichnen sie als „Nonne“ und „Jungfrau“, manchmal wird sie sogar als Klostervorsteherin gesehen. Doch alles dies bleiben vage Vermutungen. Sicherer ist hingegen, dass Egeria keine Frau aus dem einfachen Volk war, sondern wahrscheinlich der betuchten Oberschicht angehörte. Um eine solche Reise zu unternehmen, bedurfte es zur Zeit Egerias erheblicher finanzieller Mittel. Jedenfalls war die Pilgerin an vielerlei Dingen interessiert, auch wenn sie manche Informationen, die sie im Heiligen Land erhält, recht unkritisch wiedergibt. Über sich selbst hält Egeria deshalb ziemlich lakonisch fest: „Ich bin ja ziemlich neugierig“. Eindrucksvoll schildert Egeria in ihrem Reisebericht nicht nur die besuchten heiligen Orte, sondern auch die mitgefeierten Gottesdienste. Einen besonderen Rang nimmt dabei die Liturgie in Jerusalem ein, die Egeria in aller Ausführlichkeit beschreibt. Detailreich konzentriert sie sich dabei vor allem auf die Feier der Heiligen Woche, wie sie im Jerusalem der Spätantike vollzogen wurde. Dabei scheut sich Egeria nicht, die Ausgestaltung der Liturgie mit aller Theatralik, von der sie begleitet wird, wiederzugeben. So schreibt sie beispielsweise, am Gründonnerstag zieht die Gottesdienstgemeinde nach Getsemani hinab, betet und rezitiert verschiedene Bibelstellen. Dabei, so Egeria, „gibt es ein solches Jammern und Klagen des Volkes – einschließlich Weinen –, dass man die Klagelaute des Volkes wohl bis zur Stadt hören kann.“ Deutlich wird bei ihren Ausführungen zur Liturgie der drei österlichen Tage, dass es in gewisser Weise um ein „Nachspielen“, zumindest aber ein „Nachfühlen“ und „Nachfeiern“ der heiligen Ereignisse ging. Rückgrat dafür sind die passend zu Ort und Zeit angeordneten Evangelienlesungen, die vom Lazarus-Samstag über den Einzug nach Jerusalem am Palmsonntag bis zum Auferstehungsevangelium des Ostertags laufen. Verdeutlicht wird das Passions- und Ostergeschehen natürlich durch die liturgischen Feiern an den passenden Orten, an denen die unterschiedlichen Ereignisse der Passion komemoriert wurden. Beides zusammen macht die Feier der Liturgie in Jerusalem einzigartig. Die römische Liturgie hat die ganze Dramatik des Passionsgeschehens nie vollends aus Jerusalem übernommen. Während die Jerusalemer Liturgie bemüht war, an jedem Tag und zu jeder Stunde der Heiligen Woche jene Begebenheit in Erinnerung zu rufen, die der betreffenden Stunde dem biblischen Bericht gemäß entsprach, schlug die Liturgie Roms einen anderen Weg ein. Hier wurden das Erlösungsgeheimnis und die Leidensgeschichte stets als Ganzes gesehen. Wohl aber wurden einzelne Elemente aus Jerusalem übernommen, beispielsweise die Kreuzverehrung, die ursprünglich nur in der Grabes- und Auferstehungskirche praktiziert wurde.

Die Lektüre von Egerias Reisebericht lohnt sich auch heute noch. Sie vermittelt nicht nur einen nachhaltigen Eindruck vom spätantiken Palästina und den bereits im vierten Jahrhundert als heilig verehrten Orten. Er spiegelt auch das Leben einer tief spirituellen Frau wieder, die angetrieben von einem nachhaltigen Interesse die Entdeckungen ihrer Pilgerfahrt an ihre Umwelt weitergegeben hat. Davon können wir heute noch profitieren.

Egeria: Itinerarium – Reisebericht. Überarbeitete Neuausgabe von Georg Röwekamp (Fontes Christiani 20), Herder, Freiburg, 2017,

ISBN 978-3-451-38143-0, EUR 38,–

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