„Prozesse moderieren“

Im März 1968 gründeten die deutschen Bischöfe einen eigenen Rechtsträger: den Verband der Diözesen Deutschlands mit Sitz in Bonn. Ein Gespräch mit dem Geschäftsführer Pater Hans Langendörfer SJ. Von Heinrich Wullhorst
Pater Hans Langendörfer
Foto: dpa | Pater Hans Langendörfer will Überzeugungsarbeit für die Kirchensteuer leisten.

Wie hat sich der Verband der Diözesen in den vergangenen 50 Jahren entwickelt?

Der VDD hat sich von Beginn an als Dienstleister verstanden, der allen Bistümern einen Zugewinn bringen soll, ohne direkte Steuerungsaufgaben zu übernehmen. Dabei ist es strukturell geblieben. Allerdings haben sich viele Aufgaben geändert. Neue Tätigkeitsbereiche sind hinzugekommen. Dazu gehören die Ausarbeitung von Novellierungen des kirchlichen Arbeitsrechts oder des Datenschutzrechts. Hier moderiert der Verband die Prozesse und erarbeitet Vorschläge, ohne den Bistümern etwas aufzupfropfen.
 
Was sind die aktuellen großen Herausforderungen für den VDD?

Wir arbeiten an einer Überprüfung von Strukturen und Verfahren und einer besseren Vernetzung mit den Aufgaben der Bischofskonferenz. Der Verband hat durch die vielfältigen Aufgaben im rechtlichen Bereich, zu denen auch beispielsweise die Vertragsverhandlungen mit der GEMA und den anderen Verwertungsgesellschaften oder auch die administrative Besorgung des neuen Gotteslobs gehören, eine eigene Schwerkraft entwickelt. Berücksichtigung verdienen aber auch die Themen, die in der Bischofskonferenz verhandelt und bei denen von dort aus Prioritäten gesetzt werden, die sich dann in VDD-Haushaltsansätzen niederschlagen. Hier sind wir gerade dabei, in einem Reformprozess die Möglichkeiten der strukturellen und inhaltlichen Zusammenarbeit zu überarbeiten.

Wie sehr belastet die Finanzlage verschiedener Diözesen die Arbeit des VDD?

Das geht natürlich nicht spurlos am VDD vorüber. Gleichwohl sind wir nicht die Konzernspitze der Kirche. Aber wenn die Frage aufkommt: Wie steht es eigentlich mit der Transparenz des kirchlichen Finanzwesens – dann sind wir als Verband natürlich gefordert, in unseren Gremien weiterführende Antworten darauf zu entwickeln.

Gibt es eine gemeinsame Linie der Diözesen im Umgang mit finanziellen Schieflagen?

Wir können in solchen Situationen immer nur moderierte Angebote zum Austausch schaffen. Eine gemeinsame Strategie ist schwierig, weil die Problemlagen zu unterschiedlich sind. Im Beispiel Eichstätt ist das Bistum wohl Opfer strafbarer Handlungen einzelner Mitarbeiter geworden. Im Erzbistum Freiburg ging es um Unstimmigkeiten bei der Abrechnung von Sozialversicherungsbeiträgen. In Hamburg ist kein Geld mehr für den Betrieb von Schulen im bisherigen Umfang da. Bei allen Überlegungen auf Bundesebene müssen stets die Besonderheiten vor Ort im Blick behalten werden, eine schematische Vorgehensweise nach dem One-Fits-All-Konzept hilft uns nicht weiter. Es geht also immer darum, maßgeschneiderte Lösungen zu finden. Es gibt allerdings die gemeinsamen Bemühungen der Bistümer, auf der Ebene des Verbandes oder mit der Unterstützung durch den Verband gewisse Rahmenabsprachen zu treffen. Diese können keines der eigenständigen Bistümer rechtlich binden, sie können aber in eine Richtung weisen.

Können finanzielle Probleme dazu führen, dass Bistümer zusammengelegt werden?

Das ist meines Erachtens an keiner Stelle ein Diskussionsthema. Auch der Heilige Stuhl, der für solche Entscheidungen zuständig ist, denkt meiner Kenntnis nach nicht in diese Richtung. Deshalb glaube ich nicht, dass es über Kooperationen hinaus Veränderungen geben wird. Allenfalls insoweit, als dass bestehende Strukturen der Zusammenarbeit noch einmal überprüft werden.

Wie stellt sich der VDD in seiner Krisenkommunikation auf?

Wir sind mit der Pressestelle der Deutschen Bischofskonferenz gut aufgestellt, um auch in Krisen angemessen zu kommunizieren. Wir haben einen Blick darauf, was in einzelnen Bistümern in Hinblick auf Darstellungen in den Medien geschieht. Zur Krisenkommunikation gehört die Koordination von Reaktionen, die möglichst mit einer Stimme und nicht in einer Stimmenvielfalt erfolgen sollten.

Wie sehr belastet die Diskussion um die Hamburger Schulen das Image von Kirche? Ist das ein Fall für ein notwendiges solidarisches Handeln im VDD?

Entscheidungen wie die der Schulschließungen in Hamburg tragen sicherlich nicht zur Attraktivität der Kirche bei. Was wir mit unseren eingeschränkten Möglichkeiten als VDD tun können, ist, auf der Ebene der Bischofskonferenz die Argumente pastoraler Art zu bündeln, die für ein starkes kirchliches Bildungssystem sprechen. Das Stichwort Solidarleistungen wird an dieser Stelle immer sehr gerne bemüht, allerdings will das Erzbistum Hamburg die Situation erst einmal aus eigener Kraft meistern. Ganz unabhängig davon könnte man über die Einrichtung eines Fonds für Notfälle einmal ergebnisoffen diskutieren.

Wie weit ist die Deutsche Bischofskonferenz bei der Umsetzung geforderter Transparenz in finanziellen Angelegenheiten bislang gekommen?

Viele Bistümer haben nach den Limburger Ereignissen, als die Transparenzoffensive ihren Anfang nahm, damit begonnen, ihre Bilanzen zu veröffentlichen und auch online zugänglich zu machen. Das gilt auch für den Jahresabschluss des VDD. An anderen Stellen gibt es weiterführende Projekte. Im Zuge der Transparenzoffensive ist allerdings noch einmal deutlich geworden, dass es im Raum von Kirche große Unterschiede und immer wieder regionale oder lokale Besonderheiten oder Traditionen gibt.

Der Kölner Professor Höhn hat zuletzt angemerkt, dass mit zunehmender Transparenz „mancherorts ein bestürzendes Ausmaß an Inkompetenz“ offenbar werde?

Ich muss da zunächst einmal um Vertrauen für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Finanzdezernaten der Bistümer werben. Dort sind fachkompetente Personen tätig. Selbstverständlich gibt es immer wieder Prozesse, die der Optimierung oder der Erneuerung bedürfen. Und es gibt gelegentlich Fehlverhalten. Allerdings hat man in den vergangenen Jahren in den Generalvikariaten mit großer Sorgfalt darauf geachtet, qualifizierte Mitarbeiter für sich zu gewinnen.

Welche ethischen Kriterien müssen für Geldanleger im Raum von Kirche gelten und wie stellt der VDD sicher, dass diese Kriterien eingehalten werden?

Wir haben hierzu in Zusammenarbeit mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken eine Broschüre als Orientierungshilfe herausgegeben. Unter dem Titel „Ethisch nachhaltig investieren“ geht es dort um Kriterien im Blick auf einzelne wirtschaftliche Aktivitäten der Kirche. Wir zeigen auf, in welchem Bereich sich Kirche als Investor bewegen kann und benennen deutlich die Grenzen. Aber auch diese Empfehlungen sind kein bindendes Recht für die Bistümer, aber es ist ein definierter Standard im wirtschaftsethischen Handeln.

Kirchenaustritte werden im Zug von Gewissensentscheiden auch für praktizierende Katholiken eine Option werden, die selbst über ihr Geld bestimmen wollen und mit ihrem Pfarrer eine entsprechende Einzelfallregelung treffen. Wie wollen Sie die Menschen langfristig vom Sinn der Kirchensteuer überzeugen?

In der Frage spricht tatsächlich die kulturelle Entwicklung gegen uns. Dabei geht es gar nicht in erster Linie um die Ablehnung von Kirche. Vielmehr wächst der Wunsch der Menschen nach Freiwilligkeit und autonomer Entscheidung, wofür ihr Geld verwendet werden soll. Der Verband wird über bessere Beteiligungsformen zum Beispiel mit dem ZdK reden. Aller Kritik kann man nur mit mehr Transparenz und der überzeugenden Darstellung dessen, was mit dem Geld geschieht, begegnen.

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