Kampf zwischen Christen und Römischem Reich Der Historiker Klaus Rosen sprach im Karlsruher Roncalli-Forum über die Christenverfolgung im zweiten Jahrhundert

Karlsruhe (DT) "Warum kam es zu Christenverfolgungen im angeblich so toleranten Römischen Reich?" Klaus Rosen, Professor für Alte Geschichte an der Universität Bonn, nähert sich mit methodischer Unvoreingenommenheit dem Untersuchungsgegenstand. Auf Einladung des Roncalli- Forums in Karlsruhe hat er am Dienstagabend über "Martyrium und Märtyrer im frühen Christentum" gesprochen. Aktuelle Bezüge gewinnt das Thema durch islamistische Selbstmordattentäter, die als Märtyrer verehrt werden. Doch was haben diese mit antiken (und heutigen) christlichen Märtyrern zu tun? "Nichts", erklärt Rosen: "Kein christlicher Märtyrer hat je sich selbst das Leben genommen." Manche fielen einem Lynchmord zum Opfer wie Stephanus, der erste Märtyrer. Die meisten wurden nach einem ordentlichen Gerichtsverfahren zum Tode verurteilt, weil sie ihrem Glauben nicht abschworen. Allerdings dauerte es lange, bis römische Behörden von sich aus gegen Christen vorgingen, also die Gesinnung bestraften. Anfänglich wurde das Christentum vom römischen Staat als jüdische Sekte geduldet. Das Judentum war eine erlaubte Religion. "Die schlimmsten Feinde waren zunächst die lieben Nachbarn, denen die Anhänger der neuen Religion ein Dorn im Auge waren", beschreibt Rosen die Anfänge der Verfolgungen. Christen machten sich verdächtig, weil sie die uralte Vielgötterei ablehnten, merkwürdige Riten zelebrierten und an den Festen und am öffentlichen Leben ihrer bürgerlichen Gemeinde nicht teilnahmen. "Hass auf das Menschengeschlecht" lautete ein gängiger Vorwurf. Kaiser Nero benutzte ihn 64 n. Chr., um den Christen die Schuld am Brand Roms zuzuschieben, dessen er selbst verdächtigt wurde. Aus den Hinrichtungen machte der brutale Tyrann Volksbelustigungen. Unter den Opfern waren auch Petrus und Paulus. Weil sich um 110 n. Chr. in der Provinz Pontos und Bithynien am Schwarzen Meer Anzeigen gegen Christen häuften, darunter viele anonyme, bat der Statthalter Plinius den Kaiser Trajan um rechtliche Klärung. Die Antwort aus Rom: Anonyme Anzeigen durfte der Statthalter, der zugleich Richter war, nicht annehmen. Wem das Christentum seines Nachbarn missfiel, musste persönlich gegen ihn klagen. Schwor der Christ nicht ab, indem er den Göttern und dem Kaiser opferte, wurde er hingerichtet. "Christ sein war also ein Straftatbestand geworden", bewertet Rosen die neue Situation. Der Heide, der nicht wollte, dass in seiner Gemeinde statt der vielen Götter der eine Christengott verehrt wurde, bekam Recht. Der Kaiser reagierte damit auch auf die wachsende Zahl von Christen. Den meisten Richtern wäre allerdings am liebsten gewesen, wenn sie die angeklagten Christen durch die drohende Todesstrafe wieder zur Religion der Väter, dem religiösen Fundament des Staates, bekehrt hätten. "Neues ist schlecht, altes ist gut." Auf diese einfache Formale bringt Rosen eine in der Antike im Blick auf die Religion verbreitete Denkweise. Deswegen müssten Christen - notfalls mit Gewalt - dazu gebracht werden, zur Religion der Väter zurückzukehren. "Wir sind über die Christenverfolgungen im zweiten Jahrhundert gut informiert", führt Rosen aus und verweist vor allem auf die so genannten Martyrerakten: "Bei diesen Dokumenten handelt es sich zum Teil um originale Prozessprotokolle." Andere seien erbauliche Erzählungen, aus denen sich manchmal noch die Protokolle herausschälen lassen. Sie zirkulierten in den Christengemeinden und wurden im Gottesdienst vorgelesen. Von Bischof Polykarp, dem Schüler des Apostels Johannes, oder von Justin, der um 166 n. Chr. in Rom hingerichtet wurde, existieren noch solche Akten. Rosen referiert aufschlussreiche Passagen aus dem autobiographischen Bericht, den die Märtyrerin Perpetua im Gefängnis verfasste. Sie stellte ihren christlichen Glauben über ihre Familie und ihr Leben. Das Paradoxe für die Heiden war, dass die Zahl der Christen trotz aller lokalen Verfolgungen, wie etwa der in Lyon 177 n. Chr., immer größer wurde. "Das Blut der Märtyrer ist der Samen der Kirche", zitiert Rosen den Kirchenvater Tertullian zu Beginn des dritten Jahrhunderts. Als daher das Römische Reich in der Folgezeit durch innere und äußere Schwierigkeiten in eine lange Krise geriet, veranstaltete Kaiser Decius 250 n. Chr. die erste reichsweite Christenverfolgung. Alle Christen sollten gezwungen werden, die Götter durch ihr Opfer zu versöhnen, wie es die Heiden taten. Wer opferte bekam eine Bescheinigung. Mehrere Dutzend solcher "libelli" haben sich in Ägypten erhalten. Ziel des Kaisers war die Ausrottung des Christentums. Alle Bürger sollten zur römischen Staatsreligion zurückgeführt werden. Eindämmen ließ sich das Christentum jedoch nicht mehr. Das gelang selbst Kaiser Diokletian nicht, dem härtesten Christenverfolger. Sein Nachfolger Galerius erließ daher 311 n. Chr. ein Toleranzedikt. Es gestattete den Christen freie Religionsausübung unter der Bedingung, dass sie für Kaiser und Reich zu ihrem Gott beteten. Ein Jahr darauf setzte mit Kaiser Konstantin die "Konstantinsche Wende" ein, die dazu führte, dass am Ende des vierten Jahrhunderts das Christentum Staatsreligion wurde. Das Christentum hatte gesiegt. Autor: VON ALBERT KÄUFLEIN

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