Kirche

Luther als Verehrer Mariens

Die Mariologie ist der Schlüssel zum Phänomen „des katholischen Reformators“. Von Klaus Berger
Mariendarstellung aus der Abtei von Montecassino
Foto: IN | Eine Mariendarstellung aus der Abtei von Montecassino.

Die heilige Anna ist Luthers Lieblingsheilige, ihr widmet er seine Berufung zum Mönchtum. Und Luther ist einer der bedeutendsten Marienverehrer. Man kann, sagt er, nicht oft genug das Ave Maria beten. Maria ist ohne Sünde empfangen („Unbefleckte Empfängnis“), hat Jesus ohne Schmerzen geboren und ist ein Vorbild für alle Frauen in ihrer Demut und in ihrer Hilfsbereitschaft, zum Beispiel gegenüber der heiligen Elisabeth, der Mutter Johanes des Täufers. Luthers Auslegung des Magnificat ist eine der schönsten, die die Christenheit hervorgebracht hat. Es gilt die Regel: Je strenger ein Orden ist, umso ausgeprägter ist seine Marienverehrung. Luthers Orden, die Augustiner-Eremiten, bestätigen mit ihrer Strenge und ihrer Verehrung der Muttergottes diese Regel. Maria ist für Luther auch die „Fürsprecherin“, allerdings nicht aufgrund ihrer guten Werke, sondern als die aus Gnaden Erwählte.

Und damit ist das Stichwort gegeben, das Luthers Marienverehrung mit seiner sonstigen Theologie verbindet. Denn der Erzengel Gabriel sagt zu Maria nach Lukas 1,76 (Übersetzung Luther): „Sei, gegrüßt, Holdselige“. „Holdselig“ ist ein schönes altes deutsches Wort, ich freue mich immer, wenn ich es höre. Es steckt das Wort „Huld“ darin, eine Übersetzung des Wortes Gnade, und „holdselig“ ist der Ausdruck eines Mädchens, einer Frau, die der Himmel mit reicher Huld gesegnet hat. Zudem ist holdselig das Gesicht einer anmutigen Frau, und wer dächte dabei nicht an die Anmut und das Lächeln gotischer Madonnen?

Es gibt ein erstes Lächeln in den Frauengesichtern der archaischen kretischen, etruskischen und griechischen Plastik, das wir Modernen allerdings als rätselhaft wahrnehmen und nicht verstehen. Das holdselige Lächeln der gotischen Madonnen dagegen können wir noch verstehen, denn wir finden es bei kleinen Mädchen zu Weihnachten wieder.

Zu Lukas 1,76 tritt – und Luther sieht das als Bestätigung seiner Botschaft an – noch Lukas 12,45 (Elisabeth zu Maria: Und selig bist du, weil du geglaubt hast, denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn) und ebenso Lukas 11,27 (Selig ist der Leib, der dich getragen hat und die Brüste, die dich genährt haben). Zum Magnificat erklärt Luther: „Und an diesen beiden Weibsbildern, Maria und Elisabeth, magst du sehen, wie ein trefflich Ding es ist um einen rechten Glauben, denn er verändert den Menschen nicht nur nach der Seele, sondern auch nach dem Leibe. Elisabeth ist eine andre Frau worden, geht in solcher Freude dahin, dass sie's nicht ausdrücken kann und Leib und Zunge werden so fröhlich, dass sie Prophetin wird. Das macht der Glaube allein ohn alle Werke… So geht es einem jeglichen Menschen, wenn er einen richtigen, frischen Glauben hat. Sünd, Bosheit und schwere Gedanken vergehen und ist lauter Gerechtigkeit im Herzen. Drum folgt auch ruhig Gewissen und große, mächtige Freude.“

Die Luther-Übersetzung von 1984 übersetzt in Lukas 1,76 „du Begnadete“. Das ist theologisch sehr korrekt und führt moderne Leser in die lutherische Gnadentheologie ein. Denn das Herzstück der Reformation ist die Rechtfertigung aus Gnaden allein. Luther verdankt sie der augustinischen Tradition seines Ordens. Er steht in seiner Auffassung von Gnade in einer langen und radikalen innerkirchlichen Tradition, die sich über folgende Brückenpfeiler spannt: Paulus, Augustinus, Bernhard von Clairvaux, Wilhelm von Saint Thierry, und Wilhelm von Staupitz, der Ordensobere Luthers.

Der Zisterzienser Wilhelm von Saint Thierry ist in dieser Linie besonders bedeutsam: Er schrieb den schönsten Kommentar des Mittelalters zum Römerbrief. Dieser Kommentar ist ein einziger Lobpreis der göttlichen Gnade. Bei diesem gelehrten und frommen Zisterzienser, dem Freund des heiligen Bernhard, fallen Anfang des zwölften Jahrhunderts die Stichworte „sola fide“ (Glauben allein), „sola gratia“ (Gnade allein), „solus Christus“ (Christus allein). Luther hat ihn nicht gekannt, weil er nicht gedruckt war. Denn hätte Luther damals oder hätten Theologen heute Wilhelm bemerkt, er wäre eine wunderbare Brücke zwischen den Konfessionen.

Schon vor Jahren hat eine deutsche Theologenkommission, zu der damals auch Kardinal Joseph Ratzinger gehörte, festgestellt, dass in der Rechtfertigungslehre die unterschiedliche Deutung gewiss nicht kirchentrennend sei. Denn weder hat Luther Gnade und Barmherzigkeit erfunden, noch haben Katholiken und Juden die Religion der perfide stolzen Werkgerechtigkeit. Kein ernsthafter Theologe kann heute noch an dieses Differenzkriterium glauben.

Luthers Frau Katharina war Zisterzienserin. Und Luther liebte den heiligen Bernhard, den wichtigsten der Zisterzienserstifter, als den größten christlichen Theologen. In den meisten seiner Lehransichten ist Luther radikaler Augustinist wie die Zisterzienser auch. Und wie alle Mönche aller Jahrhunderte ist er zu radikaler Hierarchiekritik aufgelegt.

Er ist einer der bedeutendsten Marienverehrer, und wenn man ihn wirklich kennen lernen will, lese man seine Auslegung des Magnifikat. Sie ist schöner als die des von ihm bewunderten Bernhard, des „doctor mellifluus“ (der honigsüße Lehrer). Die Lutherrose ist ein marianisches Symbol (fünf Rosenblätter/ fünf Buchstaben: M.A.R.I.A.). Nach Luther ist Maria „ohne Sünde“ und die „größte Heilige“.

Maria als Versöhnerin zwischen den Konfessionen

Einmal mehr ist Maria damit die Botschafterin der Versöhnung zwischen verschiedenen Konfessionen, ja Religionen. Als jüdische Mutter Jesu, bei der Jesus beten und Hebräisch lernt sowie die Psalmen und Vätergeschichten der Bibel, so ist Maria die Mutter des jüdischen Messias. Und Maria ist die einzige Frau, die der Koran mit Namen nennt. Sie ist auch nach muslimischer Ansicht ohne Sünde und hat, als Jungfrau und schwanger durch den Heiligen Geist, Gottes Wort geboren. Maria ist nach Luther „die Morgenröte“, weil sie Christus, den wahren Tag, das ewige Licht und die Sonne der Gerechtigkeit zur Welt gebracht hat – „ohne Manns- und Menschenwerk“. Selbst die fehlende Mitwirkung des heiligen Joseph deutet Luther im Sinne seiner Rechtfertigungslehre: „...ohne Mann- und Menschenwerk“ wurde Maria Gottesmutter.

Und Maria ist auch zwischen den christlichen Konfessionen die Brücke, weil sie das herausragende Musterbeispiel für die Rechtfertigung aus Glauben und Gnaden ist.

Darin werden freilich auch die Grenzen der Zuneigung Luthers zu Maria sichtbar: Wo immer auch nur der leiseste Anschein entsteht, Maria habe ihre himmlische Qualität aus guten Werken erlangt, blockt er ab. Deshalb trifft er die (meines Erachtens sinnlose) Unterscheidung, Maria sei zwar Fürbitterin (wie die anderen Heiligen), aber nicht Fürsprecherin, denn das könnte ja mit ihren Verdiensten zusammenhängen. Ebenso befürchtet er eine Verdunkelung der Person Jesu, wenn Maria zu viel verehrt würde. Dazu ist zu sagen: Im Himmel gibt es keine Konkurrenz. Gott und die Heiligen stehen nicht in einem System rivalisierender Ehrsucht, denn sie sind keine deutschen Hochschullehrer.

Ein paar Worte zu den Grundlagen, die Luther aus dem Augustinismus des Mittelalters empfangen hat: Die religiöse und emotionale Grundentscheidung des Apostels Paulus ist in der augustinisch-zisterziensischen Lebensform am überzeugendsten erhalten und fortgesetzt. Das gilt auch für die paulinische Option, dass das Gebet die Mutter aller Theologie sei. Kontemplative Exegese ist das Wiederkäuen (ruminare) der Schrift, dank der „Memoria“, verbunden mit der sinnlichen „Imaginatio“ des Betrachters. Die Hymnen des Stundengebets, Magnificat, Benedictus und Te Deum sind die angemessene Fortschreibung paulinischer Gnadenlehre.

Entsprechend bemerkt Wilhelm von Saint Thierry in seinem Römerbrief: Denn weil der Glaube die Rechtfertigung erwirkt und Gott jedem Einzelnen sein Maß an Glauben zumisst, setzt die Gnade Gottes keinerlei menschliches Verdienst voraus. Denn auch über den Glauben heißt es: Alles, was man hat, das hat man geschenkt bekommen. Daher sagt auch der Apostel: „Ich habe Erbarmen erlangt, so dass ich glauben kann. Der Glaube ist ein freies Geschenk Gottes, und so nimmt von Gott alles Gute seinen Anfang.“ Denn „wenn kein Glaube da ist, kann man nicht beten“.

Fazit: Luthers Mariologie ist unvergleichlicher Ausdruck einer Katholizität. Sie ist damit der Schlüssel zu dem Phänomen „der katholische Luther“. Denn nach Luther empfiehlt Maria ihre große Demut, großer Glaube und herzliche Liebe gegen alle Menschen.

Der katholische Luther, das heißt: Luther trägt bis 1524 die Mönchskutte und betet täglich das Stundengebet bis zu seinem Tod, und eben deshalb ist seine Frömmigkeit so von den Psalmen geprägt. Selbst seine Meinung, der Papst sei der Antichrist, ist katholischen Ursprungs bei Franziskanern des vierzehnten Jahrhunderts in Italien. Einen solchen Kirchenhass findet man immer nur bei enttäuschten Katholiken.

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