Lebensbild eines guten Bischofs

Franz Jung übersetzt und erläutert die Vita des Caesarius von Arles. Von Clemens Schlip
Bischofsweihe und Amtseinführung Franz Jung
Foto: Karl-Josef Hildenbrand | Mit seiner Übersetzung der Vita des Caesarius von Arles legt Franz Jung das Lebensbild eines guten Bischofs vor.
Bischofsweihe und Amtseinführung Franz Jung
Foto: Karl-Josef Hildenbrand | Mit seiner Übersetzung der Vita des Caesarius von Arles legt Franz Jung das Lebensbild eines guten Bischofs vor.

Und ich bitte euch, die Hirten zu belästigen, die Hirten zu stören, uns alle, die wir Hirten sind, damit wir euch die Milch der Gnade, der Lehre und der Führung geben können. ... Denkt an dieses schöne Bild des Kälbchens, wie es die Mutter nicht in Ruhe lässt, damit sie ihm zu trinken gibt.“ Mit diesen Worten wandte sich Papst Franziskus am 11. Mai 2014 an die zum Angelus-Gebet versammelte Menge. Ausgangspunkt für diese gewohnt plastische, doch im Lichte späterer Entwicklungen erstaunlich wirkende Aufforderung war ein Gleichnis, das der Papst nach eigenen Worten beim heiligen Caesarius von Arles (470–542) gefunden hatte. Dieser verglich die Gläubigen mit einem Kälbchen, das zur Mutterkuh geht und um Milch bettelt. „So müsst ihr mit den Hirten sein“, sagte Caesarius.

Wer war dieser Mann, der so einprägsame Bilder fand und offenkundig Realist genug war, um zu erkennen, dass Priester und Bischöfe nachlässig zu werden drohen, wenn sie von den Gläubigen nicht auf Trab gehalten werden? Auf jeden Fall eine wichtige und innovative Persönlichkeit. So stammt aus der Feder des Caesarius die erste Nonnenregel, für das Frauenkloster Sankt Johannes in Arles, dessen erste Äbtissin seine Schwester Caesaria war. Auf sie folgte seine gleichnamige Nichte, die dem Konvent große Bedeutung verschaffte.

Um Caesarius näher kennenzulernen, bietet sich nun eine lohnenswerte Lektüre: eine deutsche Neuübersetzung der Vita des heiligen Caesarius aus der Feder des Cyprian von Toulon, eines engen Freundes und Bischofskollegen; neben ihm wirkten noch vier weitere Autoren an dem Text mit.

Der Übersetzer und Herausgeber Franz Jung, zur Entstehungszeit des Buches noch Generalvikar in Speyer, ist seit Juni 2018 Bischof von Würzburg. Jung ist bereits durch eine Ausgabe des „Leben des Heiligen Honoratus“ aus der Feder des heiligen Hilarius von Poitiers hervorgetreten. Auch diese führt den Leser in das Gallien zwischen Spätantike und Frühmittelalter.

Eine Studie als Einleitung

Dem nicht übermäßig langen lateinischen Text und der Übersetzung hat Jung als „Einleitung“ eine umfängliche Studie vorangestellt, die alle relevanten Aspekte in den Blick nimmt. Die Sekundärliteratur zum Thema hat er dafür gründlich aufgearbeitet. Jung macht überzeugend deutlich, dass vom Wirken des Caesarius auch in der gegenwärtigen Situation wertvolle Anregungen für Kirche und Welt ausgehen können. Der Herausgeber führt in die Eigenheiten des damaligen Denkens ein und weist der Lebensbeschreibung ihren Platz in der damaligen literarischen Landschaft zu. Die durch verschiedene Autorschaft bedingten literarischen und sprachlichen Unterschiede zwischen dem ersten und dem zweiten Buch der Vita werden gut herausgearbeitet. Innerhalb eines einzigen Werkes lässt sich der Wechsel vom klassischen Latein zu den Barbarismen des Merowingerlateins nachvollziehen.

Betrachtet man das von Jung nachvollzogene Caesarius-Bild der Lebensbeschreibung, stechen einige Aspekte besonders ins Auge. Der gallische Bischof nahm seinen Verkündigungsauftrag sehr ernst. Als er bemerkte, dass Gläubige zu Beginn der Predigt die Kirche verließen, ließ er künftig nach dem Evangelium die Türen verschließen. Zum Ausgleich beschränkte er seine Predigten auf eine halbe Stunde. Caesarius beauftragte auch einfache Priester mit dem Predigen, was damals noch unüblich war. Auf dem Konzil von Vaison setzte er im Jahr 529 durch, Priestern das Predigtrecht offiziell einzuräumen. Ersatzweise durften auch Diakone einspringen, die allerdings nur bereits existierende Homilien der Kirchenväter vortragen durften.

Der hohe Wert der Predigt

Caesarius wusste, dass eine vernünftige Predigt ausreichende theologische Vorbildung erfordert. So bemühte er sich ausdauernd um die Hebung des Bildungsniveaus bei seinem Klerus, wobei das gründliche Studium der Heiligen Schrift im Vordergrund stand. Er selbst soll die gesamte Bibel viermal gelesen haben.

Daneben spielte die tätige Nächstenliebe in seinem Episkopat eine zentrale Rolle. Caesarius begründete das erste Krankenhaus in Gallien und stattete es großzügig aus. Zugleich trug er Sorge, dass die Kranken den Gottesdiensten in der benachbarten Basilika folgen konnten.

Dieses Zusammenspiel von Caritas und Pastoral begegnet auch bei dem Freikauf von Kriegsgefangenen, die es damals in großer Zahl gab, für den Caesarius enorme Summen aufwendete und in manchmal auch fragwürdiger Weise auf Kirchengut zurückgriff. Selbst liturgisches Gerät war nicht sicher. Im Kern war die Zielsetzung des Caesarius auch hier eine pastorale: Der Bischof fürchtete, die Gefangenen würden von ihren neuen arianischen Herren zur Aufgabe ihres katholischen Glaubens genötigt werden.

Wichtig zum Verständnis des Caesarius ist seine monastische Prägung. Gut zehn Jahre verbrachte der spätere Bischof zwischen 490 und 500 in dem berühmten Inselkloster von Lérins. Dort erhielt er entscheidende Anregungen für seine allegorische Auslegung der Heiligen Schrift und eignete sich gute Kenntnisse in der patristischen Literatur an.

Bei allen Vorzügen weist Jungs „Einleitung“ allerdings auch Schwachpunkte auf. So sind seine Aussagen zu den Wundergeschichten der Vita ein wenig schwammig. Die Frage nach ihrer etwaigen Historizität verschwindet hinter der Formulierung, dass sie als „wichtiges Zeugnis der Geistes- und Mentalitätsgeschichte gelten“ können und „wertvollen Aufschluss über das Weltbild der Epoche“ geben. Man vermisst hier eine Anerkennung der Tatsache, dass Wunder im Rahmen des christlichen Weltbildes stets als möglich zu betrachten sind. In der äußeren Erscheinung des Buches fällt zudem ungünstig auf, dass einige Fußnoten sich nicht auf derselben Seite befinden wie die zugehörige Stelle im Haupttext.

Doch insgesamt betrachtet liegt „Das Leben des heiligen Caesarius“ nun in einer wunderbaren neuen Ausgabe vor, die wissenschaftlichen Ansprüchen vollauf gerecht wird. Man kann eine interessante Fügung darin sehen, dass Jungs Buch über eine große Bischofsgestalt genau in dem Jahr erscheint, in dem er selbst zum Bischof ernannt worden ist. Dass er ein guter Gelehrter und Wissenschaftler ist, beweist das vorliegende Buch zweifelsfrei. In seiner Einleitung zur Vita stellt Jung heraus, was einen guten Bischof als Hirten und Glaubensverkünder ausmachen sollte. Als 89. Bischof von Würzburg hat er nun die Möglichkeit, diese Erkenntnisse umzusetzen.

Cyprian von Toulon: Das Leben des heiligen Caesarius. Herausgegeben und übersetzt von Franz Jung. Car-thusianus-Verlag, Fohren-Linden 2018, ISBN 978-3-941862-25-8, 239 Seiten, EUR 24,90

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