Kraft aus der Höhe

10 000 Jugendliche beim „Fest der Jugend“ der Loretto Gemeinschaft. Von Bernadette Lang
„Fest der Jugend“: Gleichgesinnte Gläubige der eigenen Generation treffen
Foto: Loretto | Gleichgesinnte Gläubige der eigenen Generation zu treffen wird für immer mehr Jugendliche ein seltener Luxus. In Salzburg erlebten Tausende die Gemeinschaft der Kirche mit Gleichaltrigen.

Mit dem Geräusch von Hunderten von rollenden Koffern über das Salzburger Kopfsteinpflaster, gezogen von tausenden Jugendlichen, die aus allen möglichen Richtungen auf den Salzburger Domplatz strömten, begann am Pfingstwochenende das neunzehnte „Fest der Jugend“ der Loretto Gemeinschaft. „Ich wurde verändert, komplett neu! Ich habe mich Gott noch nie so nah gefühlt wie an diesem Wochenende!“, schreibt Mia, eine junge Teilnehmerin auf der Zeugnisseite des Events.

In diesen pfingstlichen Tagen wurde in Salzburg ein Bild von Kirche sichtbar, das man sonst in unseren Breiten nicht kennt: Eine Stunde vor dem jeweiligen Programmstart sammelten sich bereits Tausende von Jugendlichen vor dem Dom, um mit Einlass die vordersten Plätze auf dem roten Teppich zu ergattern. Etwa zehntausend junge Menschen aus 28 Ländern, großteils aus Österreich und Deutschland, kamen angereist, um die „Kraft aus der Höhe“ zu empfangen.

Der Domvorplatz wurde von einem riesigen Zelt geschmückt, das als Chill-Out Lounge diente. Dabei luden kecker violetter Teppichboden, schwarze Ledercouchen, Palmen, Snacks, Getränke und ein riesiger Screen zum Kennenlernen und Verweilen ein.

Eröffnet wurde das Fest der Jugend mit einem Poetry Slam eines 18-jährigen Mädchens, in dem sie über Berufung nachdachte. Auch das nachfolgende, sehr professionell aufgezogene Musical, welches von drei Studenten geschrieben wurde, handelte von der Suche nach der eigenen Identität und der Aufgabe, die Gott für uns bereithält.

Salzburgs Erzbischof Franz Lackner ließ sich das Festival auch heuer nicht entgehen. In seinen Eröffnungsworten ermutigte er die Jugendlichen, sich von Gott finden zu lassen: „Das ist das Großartige unseres Glaubens: Wir suchen – und Gott findet uns!“ Beim Gebet über Stadt und Land zogen die Jugendlichen gemeinsam mit dem Erzbischof hinauf zur Festung, um mit ausgestreckten Händen über den Städten und Ländern zu beten, aus denen sie gekommen waren.

Mehr als dreitausend Beichten am Wochenende

Auch der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler feierte mit der fröhlichen Schar im überfüllten Dom. „Ich sehe hier auf dem Fest der Jugend eine Explosion von Freude. Man atmet Zukunft“, sagte er bei der Predigt am Samstag. In mehr als 70 Workshops wurde den Teilnehmern ein vielfältiges Programm geboten: Von „Bible-Power – wie man mit dem Wort Gottes lebt“, „Jüngerschaft – unfertig Jesus hinterher“ bis hin zu Theologie des Leibes und „Gottes Stimme im Alltag hören“ war alles dabei.

Auch ein Flashmob-Tanz wurde einstudiert und abends aufgeführt. „Warte nicht, bis du perfekt bist, um Christus nachzufolgen“, rief der junge Schweizer Andreas Boppart, Leiter von Campus für Christus Schweiz, in seiner Katechese am Samstagmorgen der versammelten Menge zu.

In erfrischender Weise erklärte der Youtube-Star und Buchautor den Teens und Twens, dass Gott uns trotz unserer Schwächen verwenden möchte – wie Moses. „Vergesst nicht, Mose war ein Mörder – und trotzdem hat Gott mit ihm gemeinsame Sache gemacht, um sein Volk aus der Sklaverei in Ägypten herauszuführen. Gott will mit dir co-worken.“ Diese Botschaft durchzog das Wochenende und ließ viele Teilnehmer Hoffnung schöpfen, dass Gott auch mit unfertigen Menschen arbeiten möchte.

Als heimliches Highlight galt der Abend der Barmherzigkeit. Diakon Matthäus Trauttmannsdorf von der Gemeinschaft St. Martin in Frankreich bereitete die Jugendlichen auf die Beichte vor. Er ermutigte, die Quelle innerer Heilung in Anspruch zu nehmen und keine Angst zu haben. „Es gibt nichts, was ihr getan habt, was Gott euch nicht vergeben kann. Er will euch alles schenken, wenn ihr es zulasst!“

Mehr als hundert Priester, darunter der Erzbischof und der Weihbischof von Salzburg, hörten drei Stunden lang Beichte, während das Allerheiligste durch die Reihen getragen wurde. Die sanfte Musik und der atmosphärisch lichtgetauchte Dom machten die Stimmung am Samstagabend überwältigend. Gut dreitausend Beichten wurden am gesamten Wochenende gehört. „Der Samstagabend macht echt einen Unterschied. Die Leute kommen mit dicken Rucksäcken und gehen unter Freudentränen, fast schwebend von der Beichte weg. Gott schenkt einfach so einen tiefen Frieden“, bilanzierte Florian, der vor ein paar Jahren hier zu Gott gefunden hat und jetzt im Priesterseminar ist.

Die explosive Kraft der Freude war vor allem am Sonntag zu spüren. Nachdem Tausende der jungen Menschen das erste Mal Jesus ihr Leben anvertrauten hatten, brach die Freude endgültig durch. „Der Dom hat so richtig gebebt! Alle haben getanzt und sind vor Freude gesprungen. Es war überwältigend!“, berichtet Martina aus Oberösterreich. Auch Markus ist schwer beeindruckt: „Bis jetzt spielte der Glaube nicht so eine große Rolle. Aber das, was ich in diesen Tagen erlebt habe, war ein so schönes Gefühl von Gemeinschaft. Der Lobpreis hat mich besonders berührt und fasziniert.“

Auch Touristen und Besucher entkamen dem jugendlichen Stadtflair nicht. Gegenüber vom großen Festspielhaus wurde eine Kapelle in einen durchgängigen Gebetsraum mit Lobpreis umgewandelt. Viele Festspielgäste wurden Zeugen der tiefen Gebetsstimmung und fröhlicher musikalischer Gebetsklänge. Auf den Straßen konnte man an allen Ecken und Enden singend Jugendliche antreffen. Die Unterbringung der Teilnehmer erfolgte in Schulen. Gut 350 Helferinnen und Helfer gestalteten den Unterbau des Festivals.

Über die Medien feierten eine Million Menschen mit

Was das Geheimrezept der Loretto Gemeinschaft sei, wo doch so viele Kirchen jugendleer sind? Hauptorganisator Georg Mayr-Melnhof sieht es in der Vermittlung der Botschaft: „Das, was wir sagen, ist die Botschaft Jesu, die bleibt seit 2 000 Jahren gleich. Aber wir versuchen die Sprache zu finden, die die Jugendlichen berührt. Das können am besten Jugendliche selbst.“ Verantwortung abzugeben sei dabei ein wichtiger Schlüssel, meint Christian Berghammer, Mitorganisator des Festivals. So ist beispielsweise der Chef des zwanzigköpfigen Kamerateams ein 26-jähriger Oberösterreicher, die Leiterin der Social-Media Crew ein junges Mädchen aus Abtenau. „Die unzähligen Helfer sind ein absoluter Traum. Die jungen Leute kommen mit ihren Fähigkeiten und Ideen und bringen sich mit ihrem ganzen Herzblut ein. Jeder gibt an diesem Wochenende alles“, freut sich Georg Mayr-Melnhof. Der vierfache Familienvater und Pastoralassistent tourt mit Vorträgen durch das Land und hat als Student die Bewegung der Loretto Gemeinschaft ins Leben gerufen. Waren sie anfangs zu dritt, so ist Loretto mittlerweile zu einer riesigen Bewegung geworden, deren Reichweite nicht mehr übersehbar ist.

Rekordzahlen wurden nicht nur vor Ort erreicht, sondern vor allem über die mediale Welt. Mehr als eine Million Menschen waren via Radio, Fernsehen, Kabel-TV und Social Media mit dem Festival in Salzburg verbunden. Auch hier wurde die Stimmung aus dem Dom sichtlich spür- und erlebbar. So schreibt Anna als Feedback auf die Übertragung: „Heulend vor lauter Berührung sitze ich vor dem genialen Livestream und bin sprachlos von dieser Lebensübergabe. Dieses Fest gibt nicht nur Hoffnung für die Kirche in Österreich, sondern für die ganze Welt.“

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