In jesuitischer Tradition

Das Apostolische Schreiben Gaudete et Exsultate ist in Form und Inhalt vom hl. Ignatius inspiriert. Von Michael Karger
Dom Sankt Blasien
Foto: KNA | Der heilige Ignatius auf einem Deckengemälde in Sankt Blasien.
Dom Sankt Blasien
Foto: KNA | Der heilige Ignatius auf einem Deckengemälde in Sankt Blasien.

„Gaudete et exsultate“ („Freut euch und jubelt“), mit diesem Zitat aus den Seligpreisungen beginnt Papst Franziskus sein Apostolisches Schreiben über den „Ruf zur Heiligkeit in der Welt von heute“. Jesus verheißt denen Freude, Jubel und großen Lohn, die um seinetwillen „beschimpft und verfolgt, und auf alle mögliche Weise verleumdet werden“ (Mt 5,11). In den Paradoxien der Bergpredigt gelten die innerweltlichen Maßstäbe nicht mehr. Wer der Einladung in die Nachfolge des Gekreuzigten folgt, erhält Anteil an seinen Verheißungen, zu denen ein großer Jubel gehört, der bereits in den Bedrängnissen dieser Weltzeit beginnt. Ziel und Mitte des Schreibens sind damit bereits ausgesagt: Jesus Christus selbst ist der Weg der Heiligkeit und Heiligung.

Gegliedert ist der Text in fünf Kapitel: Nach der Darstellung, worin der „Ruf zur Heiligkeit“ besteht (1), werden zwei „subtile Fehlformen“ der Heiligkeit „entlarvt“ (2), dann folgt der zentrale christologische Teil „Im Licht des Meisters“ (3), ehe sich der Papst in den beiden letzten Kapiteln den lebenspraktischen Fragen zuwendet: „Merkmale der Heiligkeit“ (4) und „Kampf, Wachsamkeit und Unterscheidung“ (5). Im ersten Kapitel wird Heiligkeit sozusagen vom Sockel geholt und unter dem Stichwort „Mittelschicht der Heiligkeit“ auf die Alltagsheiligung und ihre vielen stillen und wenig beachteten Formen hingewiesen. Der Papst ist Jesuit. Dem Orden ging es stets um die Erneuerung der gelebten Frömmigkeit auf der Basis einer tiefen Glaubenserfahrung. Das Schreiben des Papstes ist eine Art Exerzitienvortrag, der darum auch ohne Begriffsbestimmungen und tiefere Systematik auskommt. Dies macht die Stärke und Schwäche des Schreibens zugleich aus. Häufig spricht der Papst den Leser direkt persönlich an. In „Gaudete et exsultate“ geht es nun darum, dass jeder seinen individuellen Weg der Heiligkeit findet, ohne sich durch Orientierung an unerreichbaren Heiligkeitsidealen aus der Kirchengeschichte zu überfordern. Besonders betont werden die „weiblichen Stile“ der Heiligkeit.

Charakteristisch für den Stil des Schreibens ist ein ständiger Wechsel der Sprachebenen. Auf eine schlichte Beispielerzählung über eine Hausfrau, die sich vornimmt, mit der Nachbarin nicht schlecht über Dritte zu reden, folgt die volle Wucht der Christologie der Exerzitienfrömmigkeit des heiligen Ignatius, in der es darum geht, „in der eigenen Existenz verschiedene Aspekte des irdischen Lebens Jesu nachzubilden: sein verborgenes Leben, sein Leben in Gemeinschaft, seine Nähe zu den Geringen, seine Armut und seine Formen der Hingabe aus Liebe.“ Demgemäß besteht das Maß der Heiligkeit darin, „wie sehr wir in der Kraft des Geistes unser ganzes Leben nach seinem Leben formen“. Der heilige Ignatius hat sein Einsiedlerleben aufgegeben und eine Priestergemeinschaft gegründet. Jesuiten leben nicht hinter Klostermauern, darum schärft der Jesuitenpapst auch die wichtige Lebensregel seines Ordensvaters ein: Wir sind gerufen „die Kontemplation auch inmitten des Handelns zu leben“. Sicherlich ist mit folgender Aussage kein Vorbehalt gegen kontemplative Orden gemeint, sondern eine Warnung davor, sich bequem zurückzuziehen: „Es ist nicht gesund, die Stille zu leben, und die Begegnung mit anderen zu meiden, Ruhe zu wünschen und Aktivitäten abzulehnen, das Gebet zu suchen und den Dienst zu verachten.“

Im zweiten Kapitel wendet sich der Papst gegen „Gnostizismus“ und „Pelagianismus“ als „Verfälschungen der Heiligkeit“. Was unter „Gnostizismus“ verstanden wird, hat dabei gar nichts mit der spätantiken Konkurrenz zum Christentum zu tun, sondern wohl mehr mit einem innerkirchlichen Feindbild des Heiligen Vaters. Allgemeine Abqualifizierungen werden aneinandergereiht: „narzistisches und autoritäres Elitebewusstsein“, „im Subjektivismus eingeschlossener Glaube“, der „anstatt die anderen zu evangelisieren, sie analysiert und bewertet und … die Energien im Kontrollieren verbraucht“, Religion im Dienst von „sinnlosen Gedankenspielen“. Wen der Papst vor Augen hat, wenn er von der „alarmierenden Aktualität“ der Gnostiker und ihrer „vermeintlichen doktrinellen Sicherheit“ warnt, sagt er nicht. Allgemein heißt es nur, dass sie „in Bildungszentren Philosophie und Theologie lehren“. Handelt es sich hier um die Verfechtung des Vorranges der Orthopraxie vor der Orthodoxie, der aus der Theologie der Befreiung bekannt ist? Neu ist, dass er nun vom obersten Lehramt selbst vertreten wird. Als „Neopelagianer“ bezeichnet der Papst alle, die Überlegenheitsgefühle hegen, „weil sie bestimmte Normen einhalten oder einem gewissen katholischen Stil der Vergangenheit unerschütterlich treu sind“. Über die bisherige, sehr unbestimmte Begriffsverwendung im Sinne von Leistungsethik und Moralismus geht der Papst mit seinen pauschalen Unterstellungen weit hinaus. Da mit der Begriffswahl „Gnostizimus“ und „Pelagianismus“ altkirchliche Irrlehren anklingen und die heutigen angeblichen Irrlehrer nicht genannt werden, leistet der Papst eigentlich einem denunziatorischen Klima der allgemeinen Verdächtigung Vorschub.

Im dritten Kapitel werden die „Seligpreisungen“ als „Personalausweis des Christen“ bezeichnet und der Reihe nach ausgelegt. Klassisch ignatianisch wird die „heilige Indifferenz“ angemahnt, die man beim Heiligen Vater selbst schmerzlich vermisst, ebenso wie die Anwendung der Mahnung: „Auch wenn man seinen Glauben und seine Überzeugung verteidigt, muss man es ,bescheiden‘ tun (1 Petr 3,6) und selbst die Gegner müssen mit ,Güte‘ behandelt werden (2 Tim 2,25).“ „Mit demütiger Sanftmut reagieren, das ist Heiligkeit“ heißt es im Text.

Ausdrücklich wird im Zusammenhang der Bergpredigt auf die Lage der Migranten verwiesen und von den Christen erwartet, „sich in die Lage des Bruders und der Schwester zu versetzen, die ihre Leben riskieren, um ihren Kindern eine Zukunft zu bieten“. Seine Vorstellung von unbegrenzter Aufnahmebereitschaft nennt der Papst das, „was Jesus von uns verlangt, wenn er uns sagt, dass wir mit jedem Fremden ihn selbst aufnehmen“.

Im vierten Kapitel werden die klassischen Mittel der Heiligung (Gebet, Eucharistie, Bußsakrament, geistliche Begleitung, Frömmigkeitsformen) ausdrücklich übergangen. Stattdessen werden „fünf große Bekundungen der Liebe zu Gott und zum Nächsten“ behandelt: Durchhaltevermögen, Geduld, Sanftmut, Freude und Sinn für Humor.

Im fünften Kapitel warnt Papst Franziskus davor, die Realität des Teufels als „Mythos, ein Schauspiel, ein Symbol, ein Bild oder eine Idee“ abzutun: „Dieser Irrtum bringt uns dazu, die Hände in den Schoß zu legen, nachlässig zu sein und mehr Gefährdungen ausgesetzt zu sein. Der Teufel hat es nicht nötig, uns zu beherrschen. Er vergiftet uns mit Hass, Traurigkeit, Neid, mit den Lastern.“ Ganz jesuitischer Tradition entsprechend werden hier die Mittel der Unterscheidung der Geister genannt, damit wir erkennen, „wie wir die Sendung, die uns in der Taufe anvertraut wurde, besser erfüllen können“.

Als Sohn des heiligen Ignatius wendet sich der Papst abschließend an die Gottesmutter: „Sie nimmt es nicht hin, dass wir fallen und liegenbleiben, und zuweilen nimmt sie uns in ihre Arme ohne uns zu verurteilen.“ In jedem Fall erinnert der Papst in seinem Schreiben an die Schönheit von Glaube und Kirche, die in der Heiligkeit liegt, nach der sich alle sehnen.

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