Glaubenslehre

In der Treue zu Christus bleiben

Wie kann und darf eine Weiterentwicklung der Glaubenslehre aussehen? Maßstab ist immer die Offenbarung des Herrn selbst.
Der emeritierte Papst Benedikt XVI.
Foto: imago stock&people | Der emeritierte Papst Benedikt XVI.

Nachdem wir beim ersten Symposium die Bedeutung und Sendung des Amtes in der Kirche bedacht, das zweite Symposium der fundamentalen Frage nach Gott gewidmet und im dritten Symposium über die schöne Botschaft der Erlösung von uns Menschen in Jesus Christus nachgedacht haben, steht heute die Frage nach dem Verhältnis zwischen verbindlicher Wahrheit des Glaubens und Weiterentwicklung der Lehre der Kirche im Mittelpunkt des Symposiums.

Weiterentwickung oder Veränderung?

Es handelt sich dabei um eine keineswegs leichte, aber leicht missverständliche Fragestellung. Denn wie kann die Wahrheit des Glaubens verbindlich und zugleich offen für Weiterentwicklungen sein? Ist dies nicht ein Widerspruch in sich selbst? Diese Frage stellt sich umso mehr, als in der Kirche zumindest in unseren Breitengraden oft das Postulat einer Weiterentwicklung der Lehre der Kirche erhoben wird, unter Weiterentwicklung jedoch Veränderung verstanden wird. Von daher erhebt sich die besorgte Rückfrage, wie die Wahrheit unseres Glaubens von Gott her verbindlich sein kann, wenn sie zugleich von uns Menschen verändert werden kann, und was folglich in richtiger Weise unter Weiterentwicklung zu verstehen ist.

Den entscheidenden Schlüssel zur Beantwortung dieser komplexen Frage ist uns im biblischen Zitat im Titel des Symposiums vorgegeben: "Ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch dann überliefert habe" (1 Kor 11, 23). Mit dieser Aussage in seinem Ersten Brief an die Korinther bekennt Paulus, dass er das und nur das den christlichen Gemeinden weitergeben kann, was er selbst empfangen hat. So schreibt er im 11. Kapitel über die rechte Feier der Eucharistie: "Denn ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch dann überliefert habe: Jesus, der Herr nahm in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und sagte: Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis!

Auferstehung und Eucharistie gehören zusammen

Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sprach: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut. Tut dies, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis!" (1 Kor 11, 23-25). Dieselbe Traditionsformel finden wir nochmals im 15. Kapitel, in dem Paulus über die Auferstehung spricht: "Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäss der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäss der Schrift, und erschien dem Kephas, und dann den Zwölf" (1 Kor 15, 3-5). Den Gehalt der beiden Textabschnitte, die im Ersten Korintherbrief eingeflochten sind, hat Paulus in Jerusalem kennen gelernt und er dürfte bis in die 30er-Jahre, also kurz nach dem Tod Jesu, zurückreichen.

 

Die beiden Texte enthalten grundlegende Elemente der christlichen Überlieferung, die sich auf die Auferstehung Jesu und die Feier der Eucharistie beziehen. Denn beide Glaubensgeheimnisse gehören für Paulus unlösbar zusammen, insofern die Auferstehung Jesu Christi der verheissungsvolle "Beginn eines Präsens" ist, "das nicht mehr endet", und die Eucharistie das "Präsens des Auferstandenen, der in den Zeichen der Hingabe immerfort sich selber gibt und so unser Leben ist". Mit diesen beiden Texten dokumentiert Paulus unmissverständlich, dass er das Entscheidende des christlichen Glaubens nicht selbst erdacht oder erfunden, sondern dass er es empfangen hat. Und damit kommt an den Tag, wie Paulus seine Sendung der Weitergabe des Evangeliums gesehen hat, nämlich in den beiden Bewegungen des Empfangens und des Überlieferns. 

Verhältnis von Wahrheit des Glaubens und Weiterentwicklung der Lehre 

Mit den beiden Verben, und zwar in dieser strikten Reihenfolge, ist das Thema des heutigen Symposiums angetönt. Auf diesem Fundament der Vorgaben des Apostels Paulus hat die Kirche das Verhältnis von verbindlicher Wahrheit des Glaubens und Weiterentwicklung der Lehre in ihrer Geschichte stets gestaltet und auch vertieft. Dies zeigt bereits ein Blick auf jene Grundvorgänge, mit denen die Kirche bereits in apostolischer Zeit konstituiert ist und die zu ihren bleibenden Wesensmerkmalen gehören: Der erste Grundvorgang besteht in der Ausbildung des Kanons der Heiligen Schrift, die gegen Ende des zweiten Jahrhunderts zu einem gewissen, aber noch nicht endgültigen Abschluss gekommen ist. Die Heilige Schrift in der Zwei-Einheit von Altem und Neuem Testament ist ein Buch der Kirche, das aus der kirchlichen Überlieferung hervorgegangen ist und durch sie weitergegeben wird.

Bei der Auswahl von jenen Schriften, die von der Apostolischen Kirche als Heilige Schrift anerkannt worden sind, hat die Kirche einen Masstab verwendet, den sie als regula fidei, als Glaubensregel bezeichnet hat. Die grundlegenden Glaubensbekenntnisse der Christenheit bilden den eigentlichen Schlüssel, um die Heilige Schrift ihrem Geist gemäss auszulegen und weiterzugeben. Darin besteht der zweite Grundvorgang in der Apostolischen Kirche. Drittens gehen auch die Grundformen des Gottesdienstes, vor allem der Feier der Eucharistie, auf die Apostolische Kirche zurück und gehören zu ihrer Tradition, und zwar in der Überzeugung, dass das Gesetz des Betens und Feierns auch das Gesetz des Glaubens ist.

Vier Grundgegebenheiten in der Apostolischen Kirche

In der frühen Kirche hat sich schliesslich auch die Überzeugung von der Apostolischen Sukzession im Bischofsamt herausgebildet, die im Dienst der treuen Weitergabe der Offenbarung Gottes und der apostolischen Tradition steht. Kanon der Heiligen Schrift, Glaubensregel, Grundform des eucharistischen Gottesdienstes und apostolische Sukzession im Bischofsamt sind die vier Grundgegebenheiten in der Apostolischen Kirche, die man nicht voneinander isolieren darf, sondern unlösbar zusammengehören. In diesen Grundvorgängen zeigt sich, wie das Zusammenspiel von Empfangen und Überliefern in harmonischer Weise geschieht.

Die Offenbarung Gottes richtet sich in erster Linie an die Kirche, von der sie empfangen und weitergegeben wird. Die Weitergabe der Offenbarung in der Tradition ist dabei ein komplexes, weil lebendiges Geschehen. Unter der Tradition ist nicht einfach eine gleichsam mechanische Weitergabe des ererbten Glaubensgutes im Sinne einer Archivierung des Gewesenen zu verstehen. Sie ist vielmehr als ein "dynamischer Prozess" zu betrachten, in dem das überkommene Glaubensgut  "zugleich neu ausgelegt und auf die jeweilige Situation der Kirche hin entfaltet" wird (Joseph Ratzinger).

Glaubenslehre muss zugleich tradiert und verständlich ausgelegt werden

Eine legitime und notwendige Weiterentwicklung der Glaubenslehre hat von daher einen wesentlichen Grund darin, dass auf der einen Seite Gott in Jesus Christus alles offenbart hat, was er uns sagen wollte, und dass die Apostel die Offenbarung vollständig bezeugt haben, dass aber auf der anderen Seite damit noch nicht garantiert ist, dass die vollständige Bezeugung in der Kirche auch vollständig empfangen und verstanden ist. 

Aufgrund dieser Unterscheidung steht die Kirche immer wieder vor der Aufgabe, die Lehre des Glaubens ursprungsgetreu und zeitgemäss zugleich zu tradieren und auszulegen. Die besondere Sendung des bischöflichen und päpstlichen Lehramtes besteht dabei in der Sorge um die Ursprungstreue des Glaubens. Denn Hierarchie heisst "heiliger Ursprung". Ihr kommt die Aufgabe zu, den "heiligen Ursprung" des Christusereignisses zu schützen und zu tradieren und dafür zu sorgen, dass eine immer wieder notwendige Weiterentwicklung der Glaubenslehre der Kirche in die jeweilige Zeit hinein so geschieht, dass sie zugleich ihrem Ursprung treu bleibt.

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