In der Schule des Herrn

Selbstevangelisierung mit der Benediktsregel – Das Kloster als Kraftort für Weltoblaten. Von Barbara Stühlmeyer
Abtei St. Hildegard in Rüdesheim bei Eibingen
Foto: KNA | Gemäuer, deren Innenleben ein ganzes Leben verändern kann: Die Abtei St. Hildegard in Rüdesheim bei Eibingen.

Was, du bist katholisch? Du bist doch sonst ganz in Ordnung.“ Ich habe keine Statistik darüber geführt, wie oft ich das gefragt worden bin, aber es war immerhin so oft, dass ich mir den Satz bis heute gemerkt habe. In Bremen, wo ich aufgewachsen bin, war katholisch sein etwas Exotisches. Wenn man es war und vorhatte, es zu bleiben, lernte man schnell, Antworten auf die vielen Anfragen zu geben. Das hat gut getan und mein Bewusstsein für den Glauben gestärkt. Ungeachtet aller Schwächen des Bodenpersonals habe ich mich in der katholischen Gemeinde zuhause gefühlt. Weil ich Musik liebte und sie als vertiefte Form des Glaubensausdrucks empfand, lag es nahe, Orgelspielen zu lernen, Kirchenmusik zu studieren.

Auf dieser Zeit geht auch mein erster Kontakt zu einem Kloster zurück, der Abtei Königsmünster in Meschede. Unser Hochschulunterricht in Gregorianischem Choral, den wir von einem ehemaligen Mitstudenten erhielten, war erbärmlich, und so suchte ich nach einer Möglichkeit, dieses Fach wirklich zu lernen, denn ich fühlte mich von dieser Musik, die Wort und Ton so zu einem Klangleib verschmolz, dass das Singen zu einem spirituellen Erlebnis wurde, magisch angezogen. Der Kantor des Konventes, Pater Michael Hermes, war Dozent für Choral und bot einmal im Jahr eine Intensivstudienwoche an, die die Möglichkeit eröffnete, den praktischen Einsatz der Gesänge zu erleben. Ich habe in diesen intensiven Tagen weit mehr gefunden als einen hervorragenden Semiologieunterricht. Es war der Rhythmus des Lebens, den ich in der Teilnahme am Stundengebet spürte und es war die Antwort auf eine Frage, die sich mir bei einem Aufenthalt in Taize dringlich gestellt hatte. Denn sosehr mich die Gottesdienste dort beeindruckten, sie waren nicht auf meinen Alltag übertragbar. Es war einfach nicht so, dass ich diese Art des Betens und Singens für den Rest meines Lebens zu meiner hätte machen wollen. Und so suchte ich nach einer Form, die zu mir passte. Dabei stieß ich auf die Bücher für das Stundengebet und ging das Wagnis ein, mich in diese fremde Welt einzufinden. Ich sagte mir, dass ich schon die Mühe auf mich nehmen musste, zu verstehen, wie dieses uralte Gebet der Kirche funktionierte und gab mir ein Jahr, in dem ich morgens die Laudes und abends die Vesper und Komplet beten würde, um zu sehen, ob dieses Gebet für mich lebbar war.

Im Kloster erlebte ich das, was ich Tag für Tag tat, getragen von der Gemeinschaft der Mönche. Wenn ich dort als Kirchenmusikerin hätten arbeiten dürfen, wäre ich ohne weiteres dageblieben. So aber begnügte ich mich mit der jährlichen Studienwoche und fuhr später einmal zu Exerzitien dorthin. Von der Möglichkeit der Oblation ahnte ich damals nichts.

Während meiner wissenschaftlichen Studien wählte ich als Promotionsthema die Gesänge Hildegard von Bingens. „Du musst in die Abtei fahren, die diese Nonne gegründet hat“, sagte mein Schwager, der sich damals darauf vorbereitete, Priester zu werden. „Ich kenne da jemanden, ich mache dir einen Termin.“ Ich war unsicher. Aber die Schwestern, denen ich begegnete, nahmen mich ernst, obwohl ich von meinem Thema kaum mehr wusste, als dass ich den Wunsch hatte, darüber zu schreiben. Die Atmosphäre der konkreten Gemeinschaft und des Ortes vermittelte mir in starkem Maße etwas, das ich in dieser Intensität noch nirgends gefunden hatte: Orientierung.

Diese Erfahrung blieb während all der Jahre konstant, in denen ich als Wissenschaftlerin immer wieder mit Fragen dorthin kam. Dort erkenne ich, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Im Laufe der Zeit begannen sich die Schwerpunkte zu verschieben. Die innere und die äußere Suche liefen in eins zusammen. Dieser Wegabschnitt war, wie so oft, durch einen Zufall eingeleitet worden. Ein Kollege, der mitbekommen hatte, dass ich das Stundengebet betete fragte mich, ob ich Oblatin sei. „Was ist das denn?“, fragte ich zurück. Ich weiß noch, dass er versuchte, es mir zu erklären, aber er wusste es wohl auch nicht so genau und so blieb die Erklärung nur halb verständlich und wurde schnell vergessen. Die Frage aber hatte meine Sehnsucht geweckt. Und so merkte ich auf, als ich einige Zeit später in einem Klosterbuchladen auf das Handbuch für Benediktineroblaten stieß. Ich kaufte es und las es in einer Nacht durch.

Ich hatte durchaus den Eindruck, dass die Oblation genau das war, was ich gerne leben wollte, aber ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen wie. Und so blieb es noch eine ganze Weile bei den sporadischen Kontakten zu „meiner“ Abtei, die Orientierung gaben und die Sehnsucht vertieften. Doch in Bezug auf die Oblation konkret zu werden, traute ich mich nicht. Mein Lebensweg schien mir nicht an dem geeigneten Punkt zu sein und angesichts der offensichtlichen Schwierigkeiten, die es bereitete, als Wissenschaftlerin ein zutiefst religiöses Thema zu bearbeiten, schien es mir auch einfach nicht angebracht. Die Fragen aber blieben. Einige Zeit später nahm ich an einer kirchenmusikalischen Tagung im Tagungshaus eines Benediktinerpriorates teil. Wieder spürte ich mit äußerster Intensität eine Sehnsucht, die nach Antwort verlangte. Ich sprach einen der Mönche an und bat ihn um eine Regel. Er sagte: „Man kann sie kaufen, im Klosterladen.“ Ich sagte: „Ich will aber keine gekaufte, ich will eine, nach der schon jemand gelebt hat.“ Da holte er eine und schenkte sie mir. Auch die Regel des heiligen Benedikt las ich in einer Nacht und es schien mir ein durch und durch vernünftiges Buch, nach dem es sich zu leben lohnt.

An diese Erfahrung knüpfte ich an, als ich mich vor die Frage gestellt sah, wie ich meinem spirituellen Leben eine konkret wirksame und dauerhafte Orientierung geben könne. Da entschloss ich mich, das Oblatenhandbuch aus den Tiefen meines Bücherregals hervorzuholen. Ich nahm es mit auf eine lange Busfahrt, die mich zunächst an der Abtei St. Hildegard vorbei und dann für einen Besuch der Reisegruppe von nur einer Stunde dorthin führte. Während wir auf der anderen Seite des Flusses an der Abtei vorbeifuhren, las ich das ganze Handbuch von vorne bis hinten durch. Danach entschloss ich mich, der Oblatenrektorin zu schreiben und sie zu bitten, mich auf dem Weg zur Oblation zu begleiten.

Damals wie heute bedeutet Oblation für mich, meinem Leben eine feste Orientierung zu geben und mich bedingungslos Gott hinzuhalten. Ich stelle mein Leben in Gottes Licht. Das ist schön und anstrengend zugleich, denn bei dieser Gelegenheit werden die diversen Flecken meiner Seele gut beleuchtet. Aber es ist richtig, was der heilige Benedikt schreibt: Die Schule des Herrn erfordert Mühe, die auf dem Weg zur Freude ist. Wenn man sich Schritt für Schritt daran gewöhnt, sein Leben nach dem Evangelium und der Regel Benedikts auszurichten, weitet sich das Herz, vertieft sich die Freude, verwurzelt sich die Hoffnung.

Der Weg zur Oblation ist dabei meistens länger als man denkt. Ich hatte viel Zeit, mich vorzubereiten und ich verbrachte mehrere Jahre als Kandidatin, bevor ich gemeinsam mit mehreren anderen ins Probejahr eintrat. Dieses Jahr dient ähnlich wie das Noviziat der intensiven Prüfung unter der Frage: kann ich diesen Weg gehen? Die Erfahrung der Oblatengemeinschaft verstärkt die Orientierung, die verschiedenen „Zugangswege“ der Einzelnen machen Mut. Ich lernte die Regel, an der ich mich mein ganzes Leben lang orientieren will, noch einmal neu kennen im Echo der anderen. Für mich war die Oblation am Ende des Probejahres die Erfahrung der Fülle der Freude in der Bindung an die Quelle des Lebens. Was immer jetzt kommt, ich bin auf eine Weise schon angekommen.

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