Würzburg

Im Blickpunkt: Wo sich echter Glaubenssinn zeigt

Der derzeit so oft beschworene "Sensus fidei" ist kein Argument für jede denkbare Reform in der Kirche. Echten Glaubenssinn kann man bei marianischen Wallfahrten erleben.
Gnadenbild der Schmerzhaften Muttergottes
Foto: Wolfgang Radtke (KNA) | Zum großen Wallfahrtstag kommen jedes Jahr Tausende Pilger am Donnerstag nach Fronleichnam in die Zisterzienserabtei Marienstatt in Streithausen.

Der 15. August und die folgenden dreißig Tage mit dem Reigen der Marienfeste sind eine Chance zur Kurskorrektur für die Katholiken in Deutschland. Im Herbst werden die Beratungen über Reformen in der Kirche wieder aufgenommen, doch schon im Vorfeld herrscht massive Verwirrung. Reform, was ist das eigentlich? Der Verweis auf den „Sensus fidei“ im Leben der Kirche wird von Spindoktoren eifrig als Joker ausgespielt, um die eigene Agenda zu verteidigen.

Doch nicht jede Forderung, die im Namen des Glaubenssinns der Gläubigen erhoben wird, eignet sich für eine seriöse Debatte. Mit dem übernatürlichen Instinkt des Volkes Gottes für die Wahrheit des Evangeliums wird insbesondere mit Blick auf die klassischen Reizthemen politisch motivierter Missbrauch getrieben. Der „Sensus fidei“ ist keine gefühlte Größe, sondern objektivierbar. Zwar haben die Gläubigen einen Instinkt für die Wahrheit des Evangeliums, der sie befähigt, echte christliche Lehre und Praxis zu erkennen und zu befürworten sowie zurückzuweisen, was falsch ist. Doch dieser übernatürliche Instinkt ist nicht zu trennen vom Glauben der Kirche – und genau hier liegt das Problem der Reformdebatte.

Weisheit, prophetische Gabe und Unterscheidungsvermögen hinsichtlich des Glaubens sind mit bewusster Ablehnung kirchlicher Lehre und Tradition nicht vereinbar. Mehr als ein Befürworter des „Synodalen Wegs“ setzt aber diesen Ungehorsam aber mit befremdlicher Selbstverständlichkeit voraus. Um Karikaturen des Glaubenssinns wie Maria 2.0 von authentischem Sensus fidei, der eine Ressource für die Neuevangelisierung ist, unterscheiden zu können, eignet sich Wallfahrten als lebendiger Anschauungsunterricht für organisches Wachstum der Kirche.

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Wallfahrtsorte zeigen praktischen Glaubenssinn

Wer traditionelle Marienwallfahrtsorte im deutschsprachigen Raum und anderswo besucht, erlebt auch, woran sich Glaubenssinn der Katholiken in der Praxis festmachen lässt: an der hohen Wertschätzung der Eucharistie, der Beichte und des Gebets. „Erkennbar wird der Sensus fidei“ an der Mobilität der Gläubigen, denen bewusst ist, dass der Weg zur Kirche keine lästige Pflicht ist, sondern auch Zeit und Einsatz kosten darf, an offenen Türen für Kinder, Kranke und Alten.

Dass Priester und Laien unterschiedliche Aufgaben in der Kirche wahrnehmen und ihre Zeit nicht mit fruchtlosem Gerangel um Machtfragen verschwenden, wird bei Wallfahrten in der Regel exemplarisch deutlich. Um reine Reformluft zu schnuppern, taugt eine Wallfahrt oft mehr als eine Gremiensitzung. Wer seinen persönlichen Blick vor Beginn des „Synodalen Wegs“ schärft, wird feststellen, dass das in Deutschland weitgehend gescheiterte Modell des Protestantismus (Seite 12) als Vorbild für authentische Reformen nicht taugt.

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