Heilung durch eine erneuerte Theologie

Heilsamer Stachel im Fleisch der Gegenwartstheologie – Was von Matthias Scheeben (1835–1888) heute zu lernen wäre. Von Stefan Hartmann
Matthias Joseph Scheeben - Ein großer deutscher Gottesgelehrter
Foto: Wikipedia | Ein großer deutscher Gottesgelehrter: Matthias Joseph Scheeben.

Die Krise der Kirche ist immer auch eine Krise des Glaubens und der christlichen Lebenspraxis. Deutsche Bischöfe und Laiengremien möchten „Strukturen“ reformieren, vergessen aber meist die wahren Ursachen, die zum Rückgang der Glaubenspraxis und der Berufungen geführt haben. Strittige Fragen wie Priesterzölibat, Frauenweihe und Sexualmoral können nicht durch Rationalisierungen eine überzeugende Antwort finden, sondern erst durch ein Bedenken im Gesamtkontext des katholischen Glaubens. Die übernatürliche Welt Gottes und seiner Geheimnisse ist durch eine bis zum praktischen Atheismus führende „anthropologische Wende“ oft außer Blick geraten. Sicher gab es manchmal einen extremen „Supranaturalismus“, der den Kontakt zur Wirklichkeit verloren hat. Aber „der veruntreute Himmel ist der große Fehlbetrag unserer Zeit“ (Franz Werfel), auch in Kirche und Theologie.

Eine Erneuerung der Theologie geht zurück zu den Quellen – zur Bibel, zu den Kirchenvätern, zu großen Theologen und geistlichen Aufbrüchen. Romano Guardini, obwohl eigentlich Religionsphilosoph, hat tragende Schichten einer an der Kirche und der Offenbarungswahrheit orientierten Theologie aufgezeigt. Katholische Theologie muss wieder zu ihrer geistlichen und geistigen Mitte finden, damit auch Hirten der Kirche selbstbewusst und lösungsorientiert mit Krisen umgehen. Der bedeutende Kölner Theologe Matthias Joseph Scheeben (1835–1888) kann dazu vielleicht sogar mehr als bekanntere Klassiker der Theologiegeschichte aktuelle Wegmarken setzen. Nach seiner jesuitischen Ausbildung am Germanicum in Rom kam er als Professor ans Kölner Priesterseminar, folgte nie einem Ruf an eine Universität und verfasste neben einer Dogmatik die viel beachteten Werke „Natur und Gnade“ (1861), „Die Herrlichkeiten der göttlichen Gnade“ (1862) und „Die Mysterien des Christentums“ (1865). Aus der „römischen Schule“ stammend war er dennoch nicht einfach Neuscholastiker, sondern konnte auch die deutsche Theologie der Tübinger Schule weiterführen. Scheebens Anliegen war nicht zuerst die Verteidigung des Glaubens, sondern seine besonnene Darlegung aus einer trinitarisch-übernatürlichen Gesamtperspektive. Gegen die Defizite einer oft säkularisierten und relativistischen Universitätstheologie sollen fünf Schwerpunkte aus Scheebens Theologie kurz hervorgehoben werden.

1. An erster Stelle ist es die vergessene oder verdrängte Übernatur, an die zu erinnern und auf die theologisch neu zu achten wäre. Das meint bei Scheeben gerade nicht ein überholtes Zweistockwerkdenken von Natur und Gnade, sondern eine organische Verbindung, die sich aber nicht wie bei Karl Rahner transzendental verflüchtigt oder in eine theologische Anthropologie auflöst. Alle Priorität des Denkens und Glaubens gehört dem trinitarischen Gott. Das Übernatürliche ist der Natur zu- und vorgeordnet, kann nicht aus ihr selbst erschlossen werden. Utilitaristisches oder befreiungstheologisches Immanenzdenken sollte in Kirche und Theologie überwunden werden.

2. Die Versehrung und Schwächung der menschlichen Natur durch die Erbsünde ist Grund ihrer Erlösungsbedürftigkeit in Christus. Die Diffamierung der paulinisch-augustinischen Lehre als unheilvolles Erbe der Theologiegeschichte sollte ein Ende haben. Auch die Freiheit des Menschen ist durch die Erbsünde gezeichnet und kann daher nicht „autonom“ der Offenbarungswahrheit gegenübergestellt werden, wie das von Karl-Heinz Menke (Bonn) jüngst unter anderem gegenüber Magnus Striet (Freiburg) zu Recht kritisiert wurde.

3. Die menschlichen Rationalisierungen vorgeordnete übernatürliche Offenbarung Gottes ist der Urquell aller christlich-katholischen Theologie. Christus ist das „Universale concretum“ und für Scheeben „der Knotenpunkt der ganzen übernatürlichen Weltordnung und Geschichte“ (Mysterien, 355). Offenbarungsglaube ist kein einlullendes Gefühl, sondern eine von der Vernunft geleitete Entscheidung des menschlichen Willens. Sie führt in der Kraft des Heiligen Geistes zur Einwurzelung in Christus und zur mystischen Erkenntnis der göttlichen Welt der Übernatur und ihrer Gnadenherrlichkeiten.

4. Die Verankerung des Christentums statt in einer moralisierenden Ethik in den übernatürlichen Mysterien des Glaubens lässt sich von Scheeben besonders in seinem großen Werk „Die Mysterien des Christentums“ lernen. Diese beziehen sich nicht allein auf das Leben Jesu, sondern auf Schöpfung und Trinität, Urstand und Erbsünde, Kirche und Sakramente, besonders die Eucharistie. Die Mysterien des Glaubens sind nicht unerreichbar für den Menschen, sondern wollen von ihm gläubig erfasst, verstanden und durchdrungen werden. Es geht weniger wie bei Karl Rahner um ein monistisches „absolutes Geheimnis“, sondern um den organischen Zusammenhang der verschiedenen Mysterien untereinander, den „nexus mysteriorum“, wie ihn die oft rationalistisch missverstandene Glaubenskonstitution des I. Vatikanum (DH 3016) gelehrt hat.

5. Schließlich ist auch die Kirche nicht nur soziologisch als „Versammlung“ oder Volk Gottes zu sehen, sondern als in der Übernatur verwurzeltes Geheimnis der Begegnung und Einigung von Gott und Mensch in Christus und im Heiligen Geist. Die Sakramentalität ist die „reale Verbindung des Übernatürlichen mit dem natürlichen Leiblichen“ (Mysterien, 466). Maria ist dann Urbild und Herz der Kirche als „bräutliche Gottesmutter“, worüber vom Bozen-Brixener Bischof Ivo Muser eine vorzügliche Arbeit vorliegt (Rom 1995). In Aufsätzen hat Scheeben den Zusammenhang der neuen kirchlichen Dogmen der Immaculata und der päpstlichen Unfehlbarkeit einleuchtend aufgezeigt.

Diese fünf Brennpunkte könnten heilsame Stachel im Fleisch der Gegenwartstheologie sein und zu einer Vertiefung der Dogmatik, der Moraltheologie und der Liturgie der Sakramente beitragen.

Schon der Bonner Fundamentaltheologe Karl Eschweiler stellte in seinem damals viel beachteten Werk „Die zwei Wege der neueren Theologie“ (Augsburg 1926) Scheebens Mysterientheologie dem aufklärerischen Rationalismus eines Georg Hermes gegenüber. Diese Wegscheidung ist weiter aktuell. Theologen wie Martin Grabmann, Michael Schmaus, Hans Urs von Balthasar und Leo Scheffczyk haben Scheebens Größe erkannt.

Eine umfassende Gesamtdarstellung seiner Theologie liegt seit kurzem vom Passauer Priester Florian Haider vor („Die Würde des Christen. Die Bedeutung des Übernatürlichen für Dogmatik und Moral bei Matthias Joseph Scheeben, St. Ottilien 2017).

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