Heiliger Hieronymus: Gigant der Geistesgeschichte

2020 jährt sich der Todestag des heiligen Hieronymus zum 1 600. Mal – Eine gute Biografie stellt sein Leben und Werk vor. Von Clemens Schlip
Heiligenfigur
Foto: KNA | Hieronymus, dargestellt in der Vierung des Kölner Doms.
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Foto: KNA | Hieronymus, dargestellt in der Vierung des Kölner Doms.

Es dürfte kaum eine Kunstgalerie mit Gemälden Alter Meister geben, in der man diesem Heiligen nicht begegnet. Entweder als Büßer in der Wüste, der sich reumütig an die Brust schlägt. Oder als ruhig am Schreibpult seiner Klause arbeitender Gelehrter. Der heilige Hieronymus (347–420) ist einer der am häufigsten dargestellten Heiligen der Kunstgeschichte. Das ist kein Zufall. Denn mit seiner lateinischen Neuübersetzung der Bibel – der Vulgata – hat der in Dalmatien geborene Hieronymus die Christenheit entscheidend geprägt. Auch um die Kirchengeschichtsschreibung hat er sich verdient gemacht, und sein literarisches Gesamtwerk gehört zu den umfangreichsten, die aus dem Altertum überliefert sind.

Eine aktuelle Biographie aus der Feder des Saarbrückener Althistorikers Heinrich Schlange-Schöningen beleuchtet nun das Leben, Werk und Nachwirken dieses lateinischen Kirchenvaters, wobei auch die kunstgeschichtliche Rezeption zu ihrem Recht kommt. Schlange-Schöningen begegnet dem Protagonisten seines Buches insgesamt mit freundlicher Distanziertheit. Er widmet sich allen relevanten Aspekten und fällt nüchterne und stets gut begründete Urteile. Es gelingt ihm hervorragend, die historischen und geistesgeschichtlichen Hintergründe zu erklären. Hieronymus wirkte in einer Zeit, in der der Sieg des Christentums entschieden war. Um den römischen Bischof herum entfaltete sich nun eine Prachtentfaltung, die den Vergleich mit den alten Eliten nicht scheuen musste. Der Stadtpräfekt Praetextatus, einer der letzten Heiden, bemerkte zu jener Zeit einmal spöttisch, er würde jederzeit gerne zum Christentum übertreten, falls man ihn im Gegenzug zum Papst machte. Doch auch wenn das Christentum gesiegt hatte: An die Stelle der Verfolgungen traten nun innerkirchliche Kontroversen, die Hieronymus oft zur Positionierung und Verteidigung seiner eigenen Rechtgläubigkeit zwangen – wobei ihm seine einzigartige Fähigkeit zur Polemik zugute kam. Und auch die rein innerweltlichen Krisen und Probleme waren nicht verschwunden. Ganz im Gegenteil erlebte das römische Reich infolge der Völkerwanderung schwerste Erschütterungen. Als 410 die Goten unter Alarich Rom plünderten, traf das Hieronymus tief. Gut arbeitet Schlange-Schöningen heraus, wie Hieronymus angesichts solcher politischer Umbrüche zwischen Weltuntergangstopik und der Hoffnung auf eine Wende zum Besseren changierte.

Es gelingt ihm auch, Verständnis für die Mentalität des Hieronymus zu wecken, die einem modernen Publikum in vielen Punkten fremd erscheinen muss.

Das beginnt schon mit seinem zwiespältigen Verhältnis zur vorchristlichen antiken Bildungstradition. Einerseits verdankte er ihr die literarischen Fähigkeiten, die die Basis für seinen Ruhm darstellten. Andererseits resultierte aus der Beschäftigung mit den heidnischen Klassikern ein schlechtes Gewissen, das sich gelegentlich in scharfen Ausbrüchen Bahn brach („Was hat Horaz mit dem Psalterium zu tun, was Vergil mit den Evangelien, was Cicero mit den Aposteln?“). In einer berühmten Traumvision erlebte Hieronymus nach eigenen Worten sogar, wie er von Gott als „Ciceronianer“ verworfen wurde und gelobte, künftig keine weltlichen Handschriften mehr zu besitzen und zu lesen. Allerdings hat Hieronymus sich an dieses Versprechen nachweisbar nicht gehalten (was die Faktizität der Traumvision doch sehr in Frage stellt). Und auch sein gelegentlicher Versuch, einen rein christlichen Erziehungsplan zu entwerfen, der ganz ohne die alten Klassiker auskam, blieb erfolglos. Fremdartig wirkt auch der strikte Asketismus des Hieronymus, der damit zum gesuchten geistlichen Ratgeber vornehmer Damen aus der besseren Gesellschaft Roms wurde. Der jungen Eustochium riet er etwa, sie solle nur Freundinnen haben, „die durch Fasten mager und deren Gesichter blass geworden seien“. Seine Vorschläge zur Kindererziehung waren gesundheitsschädlich und grausam. Seine abwertende Haltung gegenüber der Ehe beruhte nicht zuletzt auf der Vorstellung, vor dem Sündenfall habe die Sexualität nicht existiert.

Eine der vornehmen römischen Damen gewann für Hieronymus besondere Bedeutung. Denn letztlich war es erst das Geld der Paula, das die von ihnen beiden in Bethlehem betriebenen Klostergründungen möglich machte. Ausführlich vollzieht Schlange-Schöningen die Pilgerreise nach, die Hieronymus und Paula gemeinsam in Ägypten und im Heiligen Land unternahmen.

In Bethlehem setzte Hieronymus sein schon in Rom begonnenes Projekt fort, die gesamte Bibel aus den Ursprachen neu zu übersetzen. Dabei folgte er philologischen Grundsätzen, mit denen allerdings manche christliche Zeitgenossen wenig anzufangen wussten, die seine Textrevisionen entweder für unnötig oder sogar für frevelhaft hielten. Selbst Augustinus bewies im Briefwechsel mit Hieronymus wenig Verständnis für die Notwendigkeit eines philologisch fundierten Bibelstudiums. Er sah nur die Gefahr, dass ungewohnte Neuübersetzungen in den lateinischsprachigen Gemeinden zu Irritationen führen könnten. Auch hielt er an der seltsamen Vorstellung fest, die unter dem Namen „Septuaginta“ bekannte griechische Übersetzung des Alten Testaments sei göttlich inspiriert, was einen Rückgriff auf den hebräischen Text unnötig mache. Es sei daher unstatthaft, von der Septuaginta abzuweichen. Hieronymus ließ sich von niemandem in seiner Arbeit verunsichern. Nicht zuletzt, da er immer wieder auf Passagen der hebräischen Bibel stieß, die vor ihm noch niemand übersetzt hatte.

Rationalistische Engführung bei der Bibelexegese war ihm dennoch fremd. Selbstverständlich griff er gerade zur Erklärung des Alten Testaments auch auf die allegorische Methode zurück.

Ohne einen jüdischen Lehrer hätte Hieronymus seine hebräischen Sprachstudien nie betreiben können, und auch später nahm er immer wieder zum besseren Verständnis schwieriger Textstellen die Hilfe gelehrter Juden in Anspruch. Damit kontrastieren in unguter Weise seine mitunter recht aggressiven Äußerungen über die Juden insgesamt.

Erasmus von Rotterdam bezeichnete den heiligen Hieronymus als seinen Lieblingsschriftsteller und nahm ihn sich zum Vorbild. Allerdings blendete er dabei die extremen asketischen Ambitionen des Kirchenvaters konsequent aus. Vielleicht ist es für Menschen der Neuzeit tatsächlich schwierig, Hieronymus vorbehaltlos sympathisch zu finden. Dass er einer der Giganten der abendländischen Geistesgeschichte ist, steht außer Frage. In Schlange-Schöningen hat er einen guten und würdigen Biographen gefunden.

Heinrich Schlange-Schöningen: Hieronymus. Eine historische Biografie. WBG Philipp von Zabern, Darmstadt 2018, gebunden, 320 Seiten,

ISBN 978-3-8053-5149-2, EUR 29,95

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