Rezension

„Goldene Legende“ Neuausgabe: Antwort der Heiligen

Die Neuausgabe der „Goldenen Legende“ entspricht der Sehnsucht vieler Christen nach authentischen Vorbildern im Glauben.
Santi Quattro Coronati
Foto: Gerlinde Pfirsching (KNA) | Die Boten steigen auf den Berg zum heiligen Silvester - Darstellung der "Goldenen Legende" in der Silvesterkapelle der Basilika Quattro Coronati in Rom.

Das ist doch bloß eine Legende, lautet eine landläufige Meinung über Geschichten, die von Heiligen überliefert werden. Alles nur erfundene Geschichten? Weit gefehlt. Denn der Begriff „Legende“ bezeichnete in früheren Zeiten, wie Bruno W. Häuptling in seinem kenntnisreichen Vorwort zur kompletten deutsch-lateinischen Ausgabe der berühmten Sammlung „Legenda Aurea“ ausführt, ursprünglich einfach nur „das Gelesene“.

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Legte Wert auf Fakten

Ob das, was man über den Heiligen an seinem jeweiligen Gedenktag liest, historisch korrekt ist oder eine Erinnerung des Herzens wiedergibt, ist eine Frage, die Jakobus von Voragine stellte. Tatsächlich legte der Dominikaner und spätere Bischof von Genua durchaus Wert auf nachprüfbare Fakten, wie man beispielsweise an der von ihm verfassten Chronik seiner Bischofsstadt sehen kann. Auch bei der von ihm erstellten Sammlung der Lebensgeschichten der Heiligen ging es ihm darum, möglichst genau zusammenzutragen, was man über deren Leben und Sterben in Erfahrung bringen konnte. Die Quellenlage, der er sich bei der gewaltigen Aufgabe einer Gesamtschau auf das Leben der damals bekannten Heiligen gegenübersah, war naturgemäß sehr unterschiedlich.

Jakobus sieht sich gleichermaßen als Kompilator, der vorliegende Texte zusammenträgt und in eine einheitliche Form bringt, wie als Autor, der selbst recherchiert und mit eigenen Worten die Ergebnisse zusammenfasst. Dass er die gewaltige Aufgabe, die Legenda Aurea zu verfassen, im Auftrag seines Ordens unternahm, zeigt, dass die Dominikaner im 13. Jahrhundert ein ausgeprägtes Interesse an lebendigen Beispielen für ein im teleologischen Sinne zielführendes Leben hatten und diese für ihre Predigttätigkeit benötigten. Andernfalls hätten sie keine Kapazitäten für die jahrelangen Vorarbeiten freigestellt, die erforderlich waren, um die auch in der vorliegenden, sorgfältig nach den Quellen gestalteten Edition fast 2 500 Seiten umfassende Grundlage ihrer Verkündigung zu erarbeiten.

Unklarheit über den Glauben

Dass Prediger auf die Heiligen setzten, hängt auch damit zusammen, dass im 13. Jahrhundert ein erhebliches Verkündigungsdefizit und Unklarheit über den Glauben bestand. Das Wissen um ihn war vielfach nebelhaft, sodass häretische Gruppen wie die Katharer es leicht hatten. Die von Jakobus von Voragine redigierte und verfasste Sammlung der Lebensgeschichten jener Männer und Frauen, die den Glauben auf je eigene Weise beispielhaft gelebt hatten, bildete also zum einen eine Sammlung von Vorbildern, nach denen die Gläubigen sich konkret richten konnten, und zum anderen die Grundlage für die Predigten, die den Dominikanern so sehr am Herzen lagen, weil ihnen die Verantwortung der Priester und Bischöfe für die Verkündigung der gesunden Lehre bewusst war.

Die starke Rezeption der „Legenda Aurea“, die nicht nur von Priestern, sondern auch von Laien und in den Klöstern gelesen wurde und deren Rezeption sich in Bildwerken, Statuen, Liedern und Gedichten zeigt, macht deutlich, dass die Sehnsucht nach Beispielen gelingenden Lebens groß war.

Die Geschichten wurden nicht nur selbst gelesen und in Konventen, Schulen und Familien vorgetragen, sie wurden auch mündlich überliefert und bildeten bald eine eigene Erzählkultur. Deren Spuren kann man in den vielen unterschiedlichen Ausgaben der „Heiligenleben“ verfolgen, die noch bis vor 50 Jahren ganz selbstverständlich in den Bücherregalen katholischer Familien zu finden waren und als Fundgruben für stärkende Lebensbegleiter genutzt und immer wieder neu zur Hand genommen wurden.

Legenda Aurea

Mit der dreibändigen durchgesehenen Neuausgabe der „Legenda Aurea“ liegt nun eine vollständige zweisprachige Edition vor, die zur Wiederentdeckung dieses Schatzes einlädt, den so viele in zerbrechlichen Gefäßen tragen und der doch seine Leuchtkraft nie verlieren wird. Neben den Heiligenviten und den Erzählungen über die Wunder, die sich um sie ereigneten, enthält die „Legenda Aurea“ auch weitere wichtige Informationen über in Vergessenheit geratene, für die Erneuerung der Kirche aber wichtige Traditionen wie beispielsweise das Quatemberfasten, das im Rhythmus des Jahreskreises jeweils auf die Übergänge zwischen den Jahreszeiten ausgerichtet ist und so das sich Einschwingen in das Kirchenjahr vertieft.

Die Einführung in das dreibändige Werk, die einen Überblick über die Forschung zur „Legenda Aurea“ gibt, der ausführliche Kommentar und die Quellennachweise machen das dreibändige Werk zu einer unerlässlichen Grundlage für die Beschäftigung mit dem Leben jener lichten Gefährten, die unsichtbar aber wirkmächtig um uns sind, und hilft nachhaltig dabei, sie besser wahrzunehmen und mit ihnen gemeinsam am Reich Gottes zu arbeiten.


Fontes Christiani: Jacobus de Voragine: Legenda Aurea. Goldene Legende. Lateinisch-Deutsch. Herder, Freiburg 2022, 3 Bände, 2472 Seiten, ISBN 978-3-451-39322-8, EUR 98,–

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