Buchrrezension

Kardinal Pell: Ein modernes Martyrium

Band 2 des Gefängnistagebuchs von Kardinal Pell zeigt einen Leidensweg für die Kirche.
Kardinal George Pell bei seiner Abführung
Foto: Erik Anderson (AAP) | "Der einzige Weg, die Kirche zu reformieren, ist, für sie zu leiden", schreibt Kardinal George Pell im zweiten Band seiner Gefängnistagebücher.

Auch der zweite Band des Gefängnistagebuchs von George Kardinal Pell ist ein Zeugnis von Glaubensstärke und scharfem Intellekt. Im Zentrum steht der 21. August 2019. An diesem Tag wies der Oberste Gerichtshof des Bundesstaates Victoria Pells Berufung gegen die Verurteilung zu sechs Jahren Haft wegen sexuellen Missbrauchs zweier Chorknaben mit 2:1 Stimmen ab. „Ich war erstaunt und sehr bestürzt“, schreibt Pell in sein Tagebuch. „Ich konnte nicht glauben, dass die Richter das Urteil der Geschworenen aufrechterhalten würden, nachdem sie die Beweise geprüft hatten… Dies hat mein Vertrauen in die Gerichtsbarkeit von Victoria beinahe ganz zerstört…“

klar, knapp, prägnant, humorvoll

Der Band umfasst die 20 Wochen vom 14. Juli bis 30. November 2019. Jeden Tag schreibt Pell in seinem Tagebuch zwei, drei, auch schon mal vier Seiten. Sie enthalten Notizen zum Gefängnisalltag, zum Prozess, zu den Personen, die ihn besuchen, zu den zahlreichen Briefen, die er erhält, zu Entwicklungen in Kirche und Welt und insbesondere zu den Finanzen des Vatikans, deren Ordnung ihm als Präfekten des von Papst Franziskus neu errichteten Wirtschaftssekretariats von 2014 bis zu seiner Rückkehr nach Australien im Juni 2017 anvertraut war. Ein Gebet schließt den täglichen Eintrag ab.

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Pell schreibt klar, knapp, prägnant, mit Humor und getragen von einem tiefen Glauben. Er lässt aber auch spüren, dass er sich mit den Mühen der Ebene herumschlägt: Die Hoffnung auf eine schnelle Freilassung ist dahin, die Unsicherheit, ob der Oberste Gerichtshof von Australien eine weitere Berufung überhaupt annimmt, groß. Aber auch in dieser Situation trägt ihn sein Glaube: „Wie bei jedem Leiden, auch bei unwillkommenen und unerwarteten, kann alles dem Herrn zum Wohl der Kirche aufgeopfert werden. Das ist ein großer Trost.“

„Gibt es eine römische Verbindung?"

Pell war am 18. Dezember 2018 von einer Jury von Geschworenen als schuldig und am 13. März 2019 zu sechs Jahren Haft verurteilt worden. Wiederholt erreichen ihn Berichte von Journalisten und anderen Personen, die ihn zwar für unschuldig halten, aber das Urteil dennoch billigen, weil er „wegen des Verhaltens einiger Priester und der Untätigkeit einiger Bischöfe trotzdem verdiene, im Gefängnis zu sein“ oder weil er „seine Karriere mit dem Bashing von Homosexuellen und Geschiedenen gemacht habe“.

Ob auch Personen der Kurie Einfluss auf den Prozess gegen ihn genommen haben, dazu äußert sich Pell nicht direkt. Er stellt im Zusammenhang mit der Rekonstruktion der gegen ihn erhobenen Anschuldigungen, die der Kläger nicht weniger als 24-mal verändert hat, nur vorsichtig die Frage „Gibt es eine römische Verbindung?“ Groß ist seine Erleichterung, als der Oberste Gerichtshof von Australien im Oktober 2019 entscheidet, Pells Berufung ohne weitere Anhörung zuzulassen. Der Freispruch durch den Obersten Gerichtshof von Australien am 7. April 2020 ist Gegenstand des dritten Bands seines Gefängnistagebuchs, dessen deutsche Übersetzung noch nicht gesichert ist.

Niemand wusste, wo sich die Finanzen des Vatikans befanden

In Pells Notizen zu kirchlichen Entwicklungen dominieren zwar die Finanzen des Vatikans, für deren Ordnung ihn Papst Franziskus 2014 von Sidney nach Rom holte, aber es finden sich auch aufschlussreiche Anmerkungen zur Kurie und zum Synodalen Weg der katholischen Kirche in Deutschland. Die Ordnung der Finanzen stehe vor zwei großen Herausforderungen: einem strukturellen Gesamtdefizit von 20 bis 25 Millionen Euro jährlich und dem sich abzeichnenden Defizit im vatikanischen Pensionsfond.

„Unser Ehrgeiz war es, ein Beispiel für eine optimale Arbeit abzugeben, und unsere öffentlichkeitswirksamste Leistung war die Entdeckung von nicht notierten Vermögenswerten im Wert von 1,3 Milliarden Euro. Das ist zwar besser als die Entdeckung von Schulden in vergleichbarer Größe, aber das Ergebnis zeigte, dass niemand genau wusste, wo sich die Finanzen des Vatikans befanden, nicht einmal die ein oder zwei Verantwortlichen, die behaupteten, sie wüssten es.“

Kriminalität und Inkompetenz im Vatikan

Mit den nicht notierten Vermögenswerten sind die Mittel gemeint, über die das Staatssekretariat verfügte, ohne Rechenschaft abzulegen, und aus denen auch der verlustreiche Londoner Immobilienkauf finanziert wurde. Die mit der Apostolischen Konstitution „Praedicate Evangelium“ am 5. Juni 2022 in Kraft tretende Kurienreform scheint aus Pells Erkenntnissen die Konsequenzen zu ziehen: Sie entzieht dem Staatssekretariat die finanzielle Autonomie. Alle Ausgaben über 150 000 Euro müssen nun vom Wirtschaftssekretariat genehmigt werden.

Sein Resümee zur Ordnung der vatikanischen Finanzen: „Der Kampf gegen die Kriminalität im Vatikan ist wahrscheinlich schon gewonnen (ich hoffe, das ist nicht naiv), aber der Kampf um die Beseitigung von Inkompetenz und die Herstellung von Rentabilität noch lange nicht.“ Es gebe „eine Kluft zwischen denjenigen, die sich bemühen, Korruption und Inkompetenz zu verhindern und zu beseitigen, und denjenigen, die dazu – aus welchen Gründen auch immer – nicht bereit sind“.

..., wie der nächste Papst sein sollte

Wer sind die, die dazu nicht bereit waren? Das lässt sich nur indirekt aus Pells Bemerkungen über einige Kritiker seiner Arbeit rekonstruieren. Er nennt ausdrücklich Domenico Kardinal Calcagno, den Präsidenten der Güterverwaltung des Apostolischen Stuhls und Giovanni Kardinal Becciu, den Substituten des Staatssekretariats. Was die Position von Papst Franziskus betrifft, so lässt Pell keinen Zweifel aufkommen, dass er die Reform der Finanzverwaltung wünschte, sich aber in öffentlichen Stellungnahmen dazu immer wieder „schlecht, ja falsch informiert“ äußerte.

Pell, der inzwischen das 80. Lebensjahr vollendet hat, macht sich auch Gedanken über die Zeit nach Papst Franziskus. Es werde auf Grund seines Alters zwar immer unwahrscheinlicher, dass er im nächsten Konklave noch mitstimmen kann. „Aber ich habe den Ehrgeiz, lange genug zu leben, um beim nächsten Vorkonklave über das Leben der Kirche zu sprechen und darüber, wie der nächste Papst sein sollte.“

Kirche in Deutschland spricht nicht über Gott, Christus, Gnade, Sakramente ...

Der Synodale Weg der katholischen Kirche in Deutschland, seine Themen und Protagonisten sowie die Gefahr eines Schismas der Kirche beunruhigen Pell. Die katholische Kirche in Deutschland, „die reich ist, viele große Werke der Wohltätigkeit im eigenen Land und in der Welt vollbringt, einen gut ausgebildeten Klerus und Laien hat“, sei „im Niedergang begriffen“. Ihre Kirchenführer seien sich der wirklichen Probleme nicht bewusst. Sie beschäftigen sich vor allem mit Sexualmoral, Zölibat und Frauenordination und sprechen nicht über Gott, Jesus Christus, die Gnade, die Sakramente und den Glauben, die Hoffnung und die Liebe.

Einige deutsche Bischöfe, angeführt von Rainer Kardinal Woelki, würden zwar die Herausforderungen verstehen. „Aber unter den Laien und dem Klerus scheinen die rechtgläubigen Christen, also die Stimmen derjenigen, die sich am Evangelium orientieren, schwächer zu sein als in jedem anderen großen europäischen Land.“ Die dominierende liberale Fraktion habe nichts aus der Heilsgeschichte seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil gelernt.

Kardinal Marx im Zentrum des Niedergangs

Reinhard Kardinal Marx stehe im Zentrum dieses Niedergangs. Pell nennt ihn an einer anderen Stelle nur „Kardinal X“ und beschreibt ihn als einen Mann, „der nichts als heiße Luft verbreitet und der wahrscheinlich bei ernsthaftem Widerstand einknicken wird“.

Aber die Deutschen um ihn herum „könnten aus härterem nationalistischem Holz geschnitzt sein und auf ihrer Überzeugung bestehen, es besser machen zu wollen als Jesus, indem sie die Lehren über Sexualität, Ehe, Familie, Amt und Moral (sogar in Fragen des Lebensrechts) umgestalten und somit die apostolische Tradition in eine schwächere, untergeordnete Position drängen“. Papst Franziskus habe bereits einen warnenden Brief an die deutschen Bischöfe geschrieben, der in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurde. Es werde wichtig sein, dass er diesem alle erforderlichen Maßnahmen folgen lässt.

Der einzige Weg, die Kirche zu reformieren, ist, für sie zu leiden

Während seines Theologiestudiums in Rom zur Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils habe er das Tagebuch eines Landpfarrers von Georges Bernanos gelesen. „Ich fühlte mich dabei etwas unbehaglich und fand die Lektüre nicht besonders unterhaltsam, was wohl an meiner Naivität und meinem jugendlichen Optimismus lag. In jenen aufregenden Tagen in Rom … habe ich gedacht, die Kirche würde immer mehr an Stärke gewinnen, etwa wie ein neues Pfingsten, das sich ereignen würde, indem sie eine offenere, modernere und angemessenere Entwicklung nehmen würde.

Als Bischof, der viel Zeit damit verbracht hat, sich für Reformen einzusetzen, und dies wieder tun würde (wenn er die Möglichkeit dazu hätte), finde ich, dass dieses Zitat von Bernanos … mein damaliges Unbehagen erklärt: ,Der einzige Weg, die Kirche zu reformieren, ist, für sie zu leiden. Man reformiert die sichtbare Kirche nur, indem man für die unsichtbare Kirche leidet.‘ Die Kirche braucht keine Reformer, sie braucht Heilige“.

George Kardinal: Die Berufung wurde abgewiesen. Das Gefängnistagebuch, Band II, Übersetzung von A.  Letzkus und G. Geirhos, Media Maria Verlag Illertissen 2022, 393 Seiten, ISBN 978-3-947931-31-6, EUR 22,–

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