Erzbischof Paolo Pezzi auf Mission in Moskau

Die diskrete, aber eindeutige Stimme der Katholiken in der russischen Hauptstadt: Eine Begegnung mit Erzbischof Paolo Pezzi. Von Regina Einig
Erzbischof Paolo Pezzi
Foto: KNA | Seinen letzten Hirtenbrief widmete er der Hoffnung: Erzbischof Paolo Pezzi von Moskau.

Volle Terminkalender sind das Schicksal des katholischen Episkopats. Von Erzbischof Paolo Pezzi FSCB geht dennoch keine Spur Hektik aus. Im Gegenteil: Beim Besuch in Bad Godesberg zieht sich der 58-Jährige vor der Vesper mit Firmlingen zunächst einmal zur wichtigsten Aufgabe eines Geistlichen zurück: dem Gebet. Entspannt taucht er nach einer halben Stunde wieder auf und plaudert mit den Jugendlichen, die ihn bereits im Gemeindezentrum neben der Herz-Jesu-Kirche erwarten. Ein Missionar, der nicht viele Worte macht und gut zuhören kann. Ein Italiener, der Gemeinplätze über mediterrane Quecksilbrigkeit Lügen straft. Seit 1993 wirkt der Ordensmann aus der Priesterbruderschaft der Missionare des heiligen Karl Borromäus in Russland. Über die katholische Kirche in Sibirien promovierte er an der Päpstlichen Lateranuniversität. Dann begann die Missionsreise durch die Apostolische Administratur von Westsibirien. Seit dem Mauerfall errichtet die katholische Kirche in Russland wieder Verwaltungsstrukturen. Ein weites Feld für Spannungen mit der Orthodoxie. Besonders heikel ist die Frage der Rückgabe der nach der Revolution beschlagnahmten katholischen Kirchen. Elf Sonntagsmessen in einem Moskauer katholischen Gotteshaus rufen geradezu nach Lösungen. Besonnene Köpfe sind gefragt. Man nimmt es Erzbischof Pezzi ab, dass die Kontakte zur russisch-orthodoxen Kirche gut seien. Ein ruhiger Metropolit, der mit unaufgeregter Stimme und sehr überzeugend den katholischen Glauben verkündet. Kein Verdacht der gefürchteten Proselytenmacherei fällt auf ihn. Dass Katholischsein in Russland etwas Besonderes darstellt, ist ihm bewusst. „In der katholischen Kirche habe ich Christus getroffen. Sie steht für die Wahrheit“, antwortet er ohne zu Zögern auf die Frage eines Firmlings, ob er schon einmal daran gedacht habe, orthodox zu werden.

Manchmal blitzt der Schalk auf. Auf der Karte zeigt Erzbischof Pezzi schmunzelnd „sein kleines Erzbistum“. Mit zweihunderttausend Katholiken zählt die seit 2002 bestehende Erzdiözese Mutter Gottes von Moskau zwar weniger Seelen als große deutsche Bistümer, umfasst aber ein Gebiet, das achtmal so groß ist wie Deutschland. Worin sieht der Metropolit seine Hauptaufgabe? „Menschen zu treffen.“ Und dabei denkt er nicht an Prominente – auch wenn Wladimir Putin ihn schon einmal mit Handschlag begrüßte. Jeden Sonntag besucht der Metropolit einen Pfarrer seiner Diözese. Der persönliche Kontakt zu seinen Priestern ist Erzbischof Pezzi viele Reisen wert: In Moskau, Kaliningrad und Petersburg finden monatliche Begegnungen des Oberhirten mit dem Klerus statt. Mit jungen Gläubigen trifft er sich einmal im Monat. Klar, aber unaufdringlich ermutigt er die Firmlinge in Bad Godesberg: „Das Gebet verbindet uns mit Gott und den Menschen wie keine andere Kraft.“ Und bittet sie um ihr Gebet für ihn und sein Bistum an ihrem Firmtag.

Missionarisches Bewusstsein ist das Leitmotiv Pezzis. Im Gespräch mit dieser Zeitung erklärt er: „Die Neuevangelisierung steht in unserer Diözese an erster Stelle – in dem Sinne, dass die Notwendigkeit einer Mission der katholischen Kirche in Russland in meinen persönlichen Überlegungen und oft auch in meinen Predigten an erster Stelle steht.“ Das konkreteste Beispiel sei eine intensive Diskussion über die Rolle der Pfarreien. Ab September sollen die vielsprachigen katholischen Gemeinden im Erzbistum Moskau darüber nachdenken, was die Pfarrei heute für sie sei und in welche Richtung sie sich in Zukunft bewegen solle. „Ich halte das für einen notwendigen Schritt unserer Diözese im Sinne der Neuevangelisierung“, so der Erzbischof.

Auf seinen Reisen erlebt er das Wiedererwachen „der Religiosität in Osteuropa, zumindest in Russland. Allerdings entspricht dies nicht einem Wachstum der christlichen Erfahrung.“ Ob ein Papstbesuch dreißig Jahre nach dem Mauerfall realistisch ist? Der Erzbischof antwortet vorsichtig: Ein Papstbesuch in Russland sei natürlich immer erwünscht und lang erwartet. „Und in diesem Sinne möchte ich wiederholen, dass sich dieser Besuch jeden Tag ein wenig nähert. Wie realistisch es ist – ich weiß es nicht.“

Zeichen der Hoffnung für die katholische Kirche in Russland gibt es jedenfalls. Für den Erzbischof steht an erster Stelle „eine unglaubliche, für mich erstaunliche Fähigkeit einiger unserer Gläubigen, die Leiden, die Schmerzen, die Ungerechtigkeiten dieses Lebens zu opfern mit der festen Gewissheit, dass dies alles für die Kirche und die Gesellschaft wichtige Früchte bringt.“ An zweiter Stelle: „Das Zeichen des Glaubens, da wir sehen, wie der Glaube in den Leuten wächst, und damit auch die Hoffnung starker wird. Das dritte Anzeichen ist, wenn man merkt, dass es keine Angst vor der Zukunft gibt. Es inspiriert mich besonders, wenn ich dies bei einigen unserer Gläubigen und auch in den Gemeinschaften sehe, dass die Begeisterung zunimmt und das Verlangen, die Gabe des Glaubens, die sie erhalten haben, weiterzugeben.“

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