Jerusalem/Moskau

Eine Kirche mit Konfliktpotenzial

Wie die russisch-orthodoxe Alexander-Newski-Kirche in Jerusalem zum Schauplatz der russisch-israelischen Krise geworden ist.
Alexanderhof in Jerusalem
Foto: Andrea Krogmann (KNA) | Fassade des Alexanderhofs in Jerusalem. Die byzantinische Basilika soll an der Stelle errichtet worden sein, an der Simon von Kyrene Jesus das Kreuz abgenommen hat.

Wenn man das Innere der Alexander-Newski-Kirche im Herzen der Altstadt von Jerusalem besucht, kann man den Steinaltar in der Mitte nicht übersehen. Archäologen gehen davon aus, dass es sich um einen Teil eines der Pfeiler der ursprünglichen Auferstehungsbasilika oder Anastasis-Kirche handelt. Die byzantinische Basilika wurde im 4. Jahrhundert im Auftrag von Kaiser Konstantin dem Großen an der Stelle errichtet, an der nach christlicher Überlieferung das Kreuz, das Jesus auf dem Weg nach Golgatha trug, auf die Schultern von Simon von Kyrene gelegt wurde. Der Altar ist mit rotem Samt bedeckt und wird heute für Gottesdienste genutzt. Die Alexander-Newski-Kirche befindet sich neben der Grabeskirche. Es handelt sich um den wichtigsten russischen Außenposten in der Jerusalemer Altstadt, und es ist ein Muss für Pilger.

Kreml will die Kirche als Eigentum

Die Kirche wurde Ende des 19. Jahrhunderts mit Geldern russischer Gläubiger und Pilger erbaut. Sie wird seitdem von der Kaiserlichen Orthodoxen Palästina-Gesellschaft (OPS) mit russischen Großfürsten und Geistlichen an ihrer Spitze verwaltet. Aber die kaiserliche Gesellschaft, die die Newski-Kirche betreibt, akzeptierte die Autorität der russischen Kirche nicht vollständig und blieb unabhängig. In den letzten Jahren hat der Kreml den Druck auf die OPS erhöht, die Kirche seiner Kontrolle zu unterstellen.

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Der Kreml will sich gerade jetzt, mitten im russischen Überfall auf die Ukraine, sein Eigentum sichern. Im Krieg ist alles erlaubt, und Wladimir Putin versucht, Israel gegenüber seinen westlichen Verbündeten in eine unbequeme Lage zu bringen: Die Erfüllung eines Versprechens des ehemaligen israelischen Präsidenten Benjamin Netanjahu und die Übertragung des Eigentums am Kirchengrundstück in Jerusalem an Russland könnte in Kriegszeiten für Israel große diplomatische Unannehmlichkeiten mit sich bringen, während seine westlichen Verbündeten gegen Russland für dessen Invasion in der Ukraine Sanktionen aussprechen.

Begnadigung gegen "Alexanderhof"

Kürzlich erhielt das Büro des israelischen Premierministers Naftali Bennett einen Brief des russischen Präsidenten Wladimir Putin, in dem er die sofortige Erfüllung eines von Bennetts Vorgänger abgegebenen Versprechens forderte. Netanjahu hatte zugesagt, das Eigentum am „Alexanderhof“ an Moskau zu übertragen, um eine Begnadigung durch den Präsidenten für die junge israelische Staatsbürgerin Naama Issachar zu erwirken, die im April 2019 auf dem Moskauer Flughafen auf ihrem Flug von Indien nach Israel mit 10 Gramm Cannabis verhaftet wurde.

Monate später wurde Issachar zu sieben Jahren Haft verurteilt, und unter dem Druck ihrer Familie und der öffentlichen Meinung stimmte Netanjahu im Gegenzug für die Begnadigung Putins Forderungen zu. In Erfüllung von Netanjahus Zusage übertrug das israelische Justizministerium im Dezember 2019 den historischen Alexanderhof in Jerusalem an die Kaiserliche Orthodoxe Palästina-Gesellschaft.

Streit um Eigentumsrechte

Am 29. Januar 2020 unterzeichnete Präsident Putin die präzedenzlose Begnadigung, da zuvor noch kein verurteilter Ausländer von einem russischen Präsidenten begnadigt worden war. Russland kontrolliert das Eigentum an der Kirche bereits tatsächlich seit 1890, da sie unter dem Osmanischen Reich als zum „glorreichen russischen Königreich“ gehörend anerkannt wurde. 2017 hat Moskau vor der israelischen Justiz zum ersten Mal auf der Grundlage dieses Ausspruchs das Eigentum an der Stätte beansprucht, obwohl das russische Königreich nicht mehr existiert.

Der Leiter des israelischen Grundbuchamtes trug die russische Regierung als Eigentümerin der Kirche ein, doch die Kaiserliche Orthodoxe Palästina-Gesellschaft im Heiligen Land, der das Grundstück bis dahin gehörte, reichte Klage ein. Sie argumentierte, dass die Eigentumsübertragung politisch motiviert sei, woraufhin die Eintragung im März 2017 von einem Richter des Jerusalemer Bezirksgerichts annulliert wurde.

Menschenrechtsverletzungen vertuscht

Die israelische Regierung versuchte die Entscheidung mit dem Argument zu verteidigen, dass die Russische Föderation die Nachfolgerin der kaiserlich-russischen Regierung ist, die während der osmanischen Herrschaft als Eigentümerin eingetragen war. In der Zwischenzeit verlor Benyamin Netanyahu die Wahlen und wurde abgesetzt. Das israelische Gericht hat den Fall an die Regierung von Naftali Bennett zurückverwiesen, da es sich eher um eine diplomatische als um eine religiöse Angelegenheit handelt.

Vor wenigen Wochen stimmte Israel bei den Vereinten Nationen für die Aussetzung der Mitgliedschaft Russlands im Menschenrechtsrat. Es beschuldigte Moskau, Kriegsverbrechen zu begehen. Nun wird Israel in Putins Schreiben beschuldigt, die ukrainische Frage zu nutzen, um seine eigenen Menschenrechtsverletzungen im Konflikt mit den Palästinensern zu vertuschen.

Die Besorgnis über eine diplomatische Krise wächst

Die geopolitischen Beziehungen zwischen Jerusalem und Moskau sind kompliziert. Seit dem Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine hat Israel vermieden, eine klare Haltung gegenüber Russland einzunehmen. Der Kreml kontrolliert den syrischen Luftraum und unterhält Militärstützpunkte in Syrien. Israel führt häufig Luftangriffe durch, um die Präsenz des Irans auf dem Territorium seines Nachbarlandes zu verhindern, und greift über syrischem Territorium Waffenlieferungen von Teheran an die Hisbollah im Libanon an. Zu diesem Zweck unterhalten das israelische und das russische Militär direkte Kontakte, um unnötige Reibungen zu vermeiden.

Darüber hinaus verkauft Israel Waffen an westliche Länder, die die Ukraine militärisch unterstützen, wobei manchmal Waffen mit israelischer Technologie Kiew übertragen werden. Russland hat sein Unbehagen über die israelische Haltung im Ukraine-Krieg zum Ausdruck gebracht, die sich von der Zweideutigkeit der ersten Wochen zu einer offenen Verurteilung der Tötung von Zivilisten in Butscha gewandelt hat. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte, sein Land erwarte, dass „Israel die notwendige Unterstützung für die Übergabe des Kirchenkomplexes an Russland leistet“. Er fügte hinzu, das Thema stehe seit langem ganz oben auf der Tagesordnung der russisch-israelischen Beziehungen. In Jerusalem wächst indessen die Besorgnis über die sich abzeichnende weitere Verschlechterung der Beziehungen zu Moskau und eine ausgewachsene diplomatische Krise.

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