Eine Hommage an Benedikt XVI.

Wohltuend unaufgeregt: Die Internationale Liturgische Tagung in Herzogenrath würdigt das Motu proprio „Summorum Pontificum“. Von Regina Einig
Erzbischof Alexander K. Sample aus Portland
Foto: Andreas Düren | Erzbischof Alexander K. Sample aus Portland in den Vereinigten Staaten bei seinem Vortrag bei der Liturgischen Tagung in Herzogenrath.

Herzogenrath (DT) Wer meint, die Zeit der alten Messe sei vorbei, kennt Erzbischof Alexander K. Sample von Portland (Oregon) nicht. In einem elektrisierenden Vortrag berichtete der Geistliche, der sich „als hundertprozentiges Geschöpf des Zweiten Vatikanums“ bezeichnet, am Donnerstag auf der Internationalen Liturgischen Tagung in Herzogenrath über seine geistliche Entdeckungsreise zur außerordentlichen Form des römischen Ritus. Zur selben Zeit reifte in ihm seine Berufung zum Priester. Außer Frage stand für Sample, dass Papst Benedikt XVI. die liturgische Landschaft dank der allgemeinen Zulassung der alten Messe durch das Motu proprio „Summorum Pontificum“ verändert hat. Seiner Erfahrung nach haben viele junge Gläubige, insbesondere Familien, die überlieferte Liturgie seitdem schätzen gelernt. Zudem beobachtet er bei Gemeinschaften, die den klassischen römischen Ritus feiern, überdurchschnittlich viele Berufungen.

Sample: Nach dem Konzil ein Traditionsbruch

Sample war der erste Bischof in den Vereinigten Staaten, der die alte Messe im Dom zelebrierte. Geht es nach ihm, soll die außerordentliche Form des römischen Ritus zum festen Bestandteil des kirchlichen Lebens gehören und kein Nebenschauplatz sein. Die Jahre nach dem Konzil erlebte Erzbischof Sample als Traditionsbruch. Nun sei die Zeit reif für eine authentische Erneuerung der heiligen Liturgie. „Wenn wir die Liturgie nicht in Ordnung bringen, werden wir im kirchlichen Leben weiterhin viele Probleme haben“, so seine feste Überzeugung.

Ohne einen Schuss Konfliktfähigkeit werden die Anhänger der Reform der Liturgiereform wohl auch in Zukunft ihren Platz in der Kirche nicht behaupten. Zehn Jahre nach „Summorum Pontificum“ stößt der Gedanke, sich von der klassischen Form des römischen Ritus inspirieren zu lassen, mancherorts noch übel auf. Seit Kardinal Joseph Ratzinger 2002 in der französischen Benediktinerabtei Fontgombault seine Vision einer erneuerten Liturgie beschrieb, scheiden sich daran die Geister. Dass auch Papst Franziskus den Begriff „Reform der Reform“ ablehnt, scheint die Liturgische Tagung in diesem Jahr mit einem Denkverbot zu belegen. Das Thema „Quelle der Zukunft – Zehn Jahre Motu proprio ,Summorum Pontificum‘ von Papst Benedikt XVI.“ mochte bei oberflächlicher Betrachtung wie ein Anachronismus wirken. Auch die Absage des Präfekten der Gottesdienstkongregation Kardinal Robert Sarah wegen „Terminschwierigkeiten“ – nach vorheriger Zusage – sprach für sich.

Pfarrer Guido Rodheudt, der Initiator, verschwieg zum Auftakt nicht, dass die an diesem Samstag endende Tagung unter einem „unglücklichen Stern“ stehe. Seit Jahren greifen die Veranstalter das Anliegen Papst Benedikts auf und distanzieren sich von einem einseitigen Traditionsverständnis.

Kardinal Joachim Meisner würdigte in einem Grußwort „die Großtat Benedikts XVI.“. Er habe das liturgische Leben der katholischen Kirche aus der Engführung herausgebracht, in das es durch „falsche Akzentsetzung der liturgischen Erneuerung durch das Zweite Vatikanische Konzil“ geraten sei. Der emeritierte Kölner Erzbischof verhehlte seine Skepsis über den Status quo der Umsetzung der Liturgiereform nicht. „Durch die sogenannten selbst gestrickten Liturgien in manchen Pfarrgemeinden haben die Gottesdienste allen Glanz und alle Anziehungskraft verloren.“

Als Trostpflaster aus Rom ein Referat von Kardinal Sarah

Ein Trostpflaster aus Rom kam immerhin: Am Freitag wurde ein eigens für den Anlass verfasstes Referat Kardinal Sarahs verlesen. Deutlicher hat sich ein Kurienkardinal selten geäußert. Die Philippika galt insbesondere dem fehlenden Traditionsbewusstsein des Klerus. Zwar glaubten viele Menschen, dass das Konzil einen „wahren Frühling“ in der Kirche ausgelöst habe. Doch eine wachsende Anzahl an Geistlichen betrachte diesen „Frühling“ als eine Ablehnung ihres jahrhundertealten Erbes. Scharf fiel das Urteil des Kardinals über die liturgische Entwicklung nach dem Konzil aus: „Heute nimmt man sich die Fragmentierung und die Zerstörung des heiligen Missale Romanum vor, indem man es der kulturellen Vielfalt und den Produzenten von liturgischen Texten aussetzt.“

Aus Sarahs Sicht spricht die gesamte nachkonziliare Entwicklung für die von Benedikt XVI. eingeleitete Reform einer Liturgiereform. Sie sei „eine vor allem geistliche Notwendigkeit“. Das Zweite Vatikanum habe niemals gefordert, „Tabula rasa mit der Vergangenheit zu machen und demzufolge auch nicht das sogenannte Missale des heiligen Pius V. abzuschaffen.“ Ausdrücklich gesteht der Kardinal den Gläubigen ein Recht auf eine würdige Feier der Liturgie zu. Allerdings seien viele in den letzten Jahrzehnten „schlecht behandelt, ja sogar zutiefst verwirrt worden – durch Zelebrationen, die von einem oberflächlichen und verheerenden Subjektivismus geprägt waren“. Diesen „liturgischen Heimatlosen“ solle die beiden Formen des römischen Ritus verbundene liturgische Bewegung ihre „Heimat“ zurückgeben. Als Ansatz für einen Neuanfang in der Liturgie schlug der Präfekt der Gottesdienstkongregation einen Dreischritt vor: Stille, Anbetung und liturgische Ausbildung. Letztere solle von einer Glaubensverkündigung ausgehen, deren Maßstab der Katechismus der katholischen Kirche sei.

Dass eine solche Kurskorrektur auch der Liturgiewissenschaft zugute käme, legte der Freiburger Dogmatiker Helmut Hoping in seinen Ausführungen über den Unterschied von Offertorium und Gabenbereitung dar. Er spannte einen Bogen von Thomas von Aquin (1225–1274) bis Josef A. Jungmann (1889–1975). Die Reform des Offertoriums nach dem Zweiten Vaticanum, insbesondere ihre Umsetzung im deutschen Messbuch, werfe einige Fragen auf. So schwäche die Übersetzung den Oblationscharakter in den Gebeten ab, die zur Darbringung von Brot und Wein gesprochen werden. „Nach katholischem Verständnis gehören zum Opfer sowohl die Darbringung als auch die Heiligung der Gaben“, so Hoping. Er forderte eine bessere liturgische Bildung und eine dem „Geist der römischen Messliturgie angemessene ars celebrandi der Priester“, um bei der Messfeier in der erneuerten Form die Einheit von Darbringung, Heiligung, Opfer und Kommunion in der eucharistischen Liturgie klarer zu erkennen zu geben.

Nicht nur das gesprochene Gebet, sondern auch Musik und Architektur bilden Brücken zum Verständnis der Liturgie. Zwei exzellente Beiträge von Krystian Skoczowski (Hanau) und Peter Stephan (Potsdam) beleuchteten, wie der Gregorianische Choral liturgische Kontinuität garantiert und die Kunst der Schönheit der Liturgie Geltung verschafft. Sie waren nicht der einzige Lichtblick: Bischof Steven J. Lopes, erster Bischof des Personalordinariates „Katedra Petri“ in Houston (Texas) stellte das Missale „Divine Worship“ für die Katholiken mit anglikanischer Tradition vor und zelebrierte ein Pontifikalamt.

Heute eine freie Debatte über die Zelebrationsrichtung

Mut im Unglück bezeugte Pater Cassian Folsom OSB, Gründer des von einem Erdbeben zerstörten Benediktinerklosters in Nursia. Die Kommunität habe überlebt und drei neue Kandidaten: „Gott gibt uns auch Früchte.“

Wohltuend unaufgeregt verliefen die Diskussionen. Über die Zelebrationsrichtung könne man heute in der Liturgiewissenschaft frei diskutieren, „ohne in eine bestimmte Ecke gestellt zu werden“, stellte Hoping fest. Auch liberale Liturgiewissenschaftler hätten gemerkt, dass hier ein Grundproblem liege. Mut zur freien Rede sprach auch aus der mit Applaus bedachten Wortmeldung, es sei der Piusbruderschaft zu verdanken, dass die alte Messe nach dem Konzil bewahrt worden sei. Und Erzbischof Sample riet den Teilnehmern, ihre Ziele friedlich zu verfolgen. Ob der Wunsch Benedikts XVI., die Kirche mit ihrer Vergangenheit zu versöhnen, auch durch die Heilung des Bruchs mit der Priesterbruderschaft in Erfüllung geht, wird die Zukunft zeigen. Doch der Grundtenor der Veranstaltung klang alles andere als nostalgisch. Das Publikum teilte die Position von Pfarrer Rodheudt: „Wir reden hier mehr von der Zukunft als von der Vergangenheit“.

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