Kirche

Erik Peterson: Ein theologischer „Outsider“

Über den im Jahr 1930 zur katholischen Kirche konvertierten Theologen Erik Peterson ist ein herausragender Aufsatzband erschienen. Von Harm Klueting
Erik Peterson, Theologe
Foto: KNA | Papst Benedikt XVI. charakterisiert Erik Peterson als redenden Theologen vor dem Wort Gottes.

Täglich laufen in Rom Ströme von Pilgern und Touristen, auch aus den deutschsprachigen Ländern, die Via di Porta Angelica entlang, die vom Petersplatz zu den Vatikanischen Museen führt. Sie passieren die Porta Sant'Anna und werfen einen Blick auf die Hauptzufahrt des Staates der Vatikanstadt. Wer von ihnen mag ahnen, dass in dem Haus gegenüber – bis zu seinem Tod, der ihn 1960 in seiner Geburtsstadt Hamburg ereilte – ein mehr als nur bemerkenswerter deutscher Theologe und Historiker wohnte, der den Weg des Konvertiten vom evangelischen zum katholischen Theologieprofessor gegangen war?

Erik Peterson, 1890 geboren und 1920 in Göttingen als evangelischer Theologe mit seiner Dissertation für Kirchengeschichte und Christliche Archäologie habilitiert, war von 1924 bis 1929 ordentlicher Professor der evangelischen Theologie mit einem Lehrstuhl für Kirchengeschichte und Neues Testament an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn. Das waren theologiegeschichtlich bewegte Jahre, besonders in der evangelischen Theologie mit der dem Krisenbewusstsein der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg deutlich werdenden Antiquiertheit der von Adolf von Harnack repräsentierten liberalen Theologie der Vorkriegszeit und dem Aufstieg der dialektischen Theologie Karl Barths, aber auch für Peterson selbst und für seinen eigenen theologischen Weg. Am Ende stand seine Konversion, die den Verlust des Lehrstuhls nach sich zog – von der stattdessen erhaltenen Professur in der Bonner Philosophischen Fakultät war er von Anfang an beurlaubt – und Ende 1930 die förmliche Aufnahme in die katholische Kirche in der Basilika San Pietro in Rom.

Papst Benedikt XVI. sagt in seiner Ansprache, die in dem hier vorzustellenden, auf eine Tagung im Oktober 2010 in Rom zurückgehenden Band aufgenommenen wurde: „Er ist aus der sicheren Geborgenheit eines Lehrstuhls ins Ungeborgene, ins Unbehauste hinausgetreten und sein ganzes Leben lang ohne sicheren Grund und ohne sichere Heimat geblieben, wirklich unterwegs mit dem Glauben und für den Glauben – in dem Vertrauen, dass in diesem unbehausten Unterwegssein er auf andere Weise zu Hause ist“. Der Heilige Vater charakterisiert Peterson als redenden Theologen vor dem Wort Gottes – als Repräsentanten einer „Theologie, die „einerseits den ganzen historischen Ernst aufbringt, Texte zu verstehen, zu untersuchen, sie mit allem Ernst historischer Forschung zu analysieren“, die zugleich aber „die Selbstüberschreitung des Buchstabens mit vollzieht, in diese Selbstüberschreitung des Buchstabens mit hineintritt, sich von ihr mitnehmen lässt und damit in die Berührung mit dem kommt, von dem her sie stammt – mit dem lebendigen Gott“.

Der von dem Religionsphilosophen Giancarlo Caronello herausgegebene Band mit den Beiträgen der von ihm organisierten Tagung schließt an eine Tagung im Jahre 2000 in Mainz an, deren Vorträge Barbara Nichtweiß 2001 unter dem Titel „Vom Ende der Zeit. Geschichtstheologie und Eschatologie bei Erik Peterson“ vorgelegt hat. Ein Jahrzehnt später kann Caronello diesem Aufsatzband eine Sammlung von – ohne den Redetext des Papstes – 27 Studien an die Seite stellen, von denen es einige verdienten, wie Bücher in einer eigenen Rezension ausführlich gewürdigt zu werden. Das gilt zum Beispiel für Gabino Uríbarris Abhandlung „Die systematische Stellung der Auferstehung in der Theologie Erik Petersons“, der die systematischen Kernpunkte der Theologie Petersons entscheidend durch die Auferstehung Christi geprägt sieht und deutlich macht, dass für Peterson die Kirche eine Größe der „eschatologischen Zeit“ ist: „Wenn Christus ruhmvoll ein zweites Mal kommen wird, dann liegt das daran, dass er nach dem Tod, mit dem sein erstes Kommen endete, auferstanden ist. Somit ist die Auferstehung Jesu eine notwendige Bedingung für das Verständnis des Unterschieds, den Peterson zwischen der irdischen ekklesía und der Himmelsstadt macht.“ Mit anderen Worten: „Die Kirche existiert, weil es nicht zur Rückkehr des Menschensohnes gekommen ist.“ Das ist – ein Petersonscher Begriff – der „eschatologische Vorbehalt“.

Zu den Aufsätzen, die eine eigene Rezension verdient hätten, gehört auch die Studie von Giuseppe Segalla, „Die Vorlesung über das Johannesevangelium von Erik Peterson zwischen Geschichte und Theologie“, in der sich zeigt, dass Person von Johannes und nicht von Paulus herkommt – Peterson in Bezug auf den Römerbrief des Paulus behandelt Romano Penna, während Thomas Söding Peterson als „Ausnahme-Exeget“ herausstellt – , womit seine Überwindung des reformatorisch-protestantischen Schriftprinzips der alleinigen Autorität der Heiligen Schrift – Martin Luthers sola scriptura – und damit ein Stück von Petersons Weg zur katholischen Kirche zusammenhängt: „Die Evangelien sind deshalb in dem Sinn inspiriert, dass sie den Geist des Lebens enthalten, Christus selbst, den neuen Äon. Und das Evangelium des Johannes, das antignostisch ist – auf ,Erik Peterson und die Gnosis‘ geht der evangelische Theologe Christoph Markschies ein –, krönt die Vollendung des Evangelienkanons.“ So führt das Johannesevangelium, in dem ja die Gestalt des parákletos begegnet, zum Begriff der Tradition und zu Petersons Position, dass die Heilige Schrift nicht die letzte göttliche Autorität ist: „Letzte Autorität ist die katholische Kirche und ihre Überlieferung.“

Der Kategorie herausragender Beiträge ist auch der Aufsatz von Hubertus R. Dobner, „Erik Person und die Patrologie des 20. Jahrhunderts: Pietismus, Hellenisierung und Melito von Sardes“, zu dem nur scheinbar nebensächlichen Thema des zuerst von Peterson geführten und später von anderen bestätigten Echtheitsbeweises der Paschapredigt des Melito von Sardes aus dem zweiten Jahrhundert zuzurechnen. Der Nachweis der Authentizität der Homilie des Melito trug zur Erschütterung der vor allem von Adolf von Harnack vertretenen Hellenisierungsthese – Eindringen der heidnischen Rhetorik in die christliche Predigt im vierten Jahrhundert und Verformung der ursprünglichen christlichen Botschaft durch klassisch-griechische Beeinflussung – bei, die Petersons Arbeit von der ersten Vorlesung des Privatdozenten bis zu seinem Buch „Die Kirche aus Juden und Heiden“ von 1933 durchzog. Seiner Auseinandersetzung mit Harnack geht auch der evangelische Pfarrer Christian Nottmeier nach, der sich mit dem Briefwechsel zwischen Peterson und Harnack auseinandersetzt, den Peterson 1932 zur Begründung seiner Konversion veröffentlichte.

Weitere herausragende Abhandlungen wären zu nennen – voran Stefan Heids Aufsatz „Zeugenschaft und Martyrium bei Erik Peterson. Biblische Grundlegung: hagiographische und liturgische Ausfaltung“ und der Beitrag „Erik Peterson und Jacques Martain: eine Freundschaft im Streit“ von Philipp Chenaux. Stattdessen sollen nur noch zwei Texte herausgestellt werden: Raffaele Kardinal Farinas Aufsatz „Eine überfällige Anerkennung: Erik Peterson und die Vaticana“ – gemeint ist die Bibliotheca Apostolica Vaticana – und Stefan Heids Darstellung „Erik Petersons Lehrtätigkeit am Päpstlichen Institut für Christliche Archäologie“. Aus den beiden Arbeiten geht hervor, dass der Heilige Stuhl für Peterson – von dem Karl Kardinal Lehmann in seinem Beitrag sagt, dass er in Rom „größte Mühe hatte, seine Familie zu ernähren“, und über den Jacques Maritain in einem von Chenaux zitierten Brief schrieb: „Das ist das erste Mal, dass ein ordentlicher Professor für evangelische Theologie Katholik geworden ist, und nun sehen Sie, wie man ihn behandelt“ – mehr tat als wohl für jeden anderen Deutschen im Rom des Faschismus, des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit. Kardinal Farina weist auch auf die Vermittlungsbemühungen des Kurienkardinals Giovanni Mercati, des Archivars und Bibliothekars des Vatikans, von 1938 zugunsten Petersons bei der Katholischen Universität in Washington hin: „Peterson lehnte den angebotenen Lehrstuhl allerdings zugunsten des jungen Patristikers Johannes Quasten ab“.

Peterson, als evangelischer Theologe unverheiratet, ging 1933 in Rom eine Ehe mit einer Römerin ein und hatte fünf Kinder, nachdem er, wie sich aus dem Beitrag von Stefan Heid ergibt, 1931 wohl auch daran gedacht hatte, Priester zu werden. 1937 erhielt er auf Intervention Papst Pius' XI. einen besoldeten Lehrauftrag für Christliche Literatur der Antike am Päpstlichen Institut für christliche Archäologie in Rom, woraus 1947 ein Extraordinariat – eine Stellung als außerordentlicher Professor – wurde. Das war materiell nicht dasselbe wie ein mit dem Beamtenstatus verbundener Lehrstuhl in Deutschland. Aber auch nach Peterson sind evangelische Theologieprofessoren konvertiert und haben ihren Lehrstuhl verloren – wenn sie an kirchlichen Hochschulen tätig waren, ohne in eine philosophische Fakultät versetzt zu werden – , aber auch sie fanden bei Bischöfen und in katholischen theologischen Fakultäten Unterstützung. Darüber hinaus gilt, was Kardinal Farina schreibt: „Das ,Anderssein‘ des Christen in der Welt kennt nur eine Anerkennung – jene, die täglich im Empfang des Kyrios herangereift ist.“

Giancarlo Caronello verdanken wir mit seinem Aufsatzband über den theologischen „Outsider“ Peterson – als „Outsider“ bezeichnet ihn der Untertitel des Bandes, der damit eine von Barbara Nichtweiß in ihrem Beitrag zitierte briefliche Äußerung Karl Barths von 1931 aufgreift – eine der wichtigsten theologischen Veröffentlichungen der Gattung Tagungsband des Jahres 2012 – und das für beide Konfessionen.

Erik Peterson. Die theologische Präsenz eines Outsiders.
Herausgegeben von Giancarlo Caronello. Duncker & Humblot Verlag. Berlin 2012.
652 Seiten, ISBN 978-3-428-13766-4, EUR 98,-

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Themen & Autoren
Benedikt XVI. Bischöfe Deutsche Theologen Evangelische Kirche Evangelische Theologen Harm Klueting Jesus Christus Karl Barth Kurienkardinäle Martin Luther Pius XI. Religionsphilosophen Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität

Weitere Artikel

Kardinal Sarahs Meditationen über den Priester sind geistliche Arznei gegen die Kirchenkrise unserer Zeit.
28.11.2022, 05 Uhr
Guido Rodheudt
Deutsche Stimmen zum römischen Einspruch: Wie soll es weitergehen nach den Referaten der Kardinäle Luis Ladaria und Marc Ouellet?
01.12.2022, 13 Uhr
Redaktion
Die Einträge im digitalen Kondolenzbuch für Benedikt XVI. zeigen einen deutlichen Kontrast zum öffentlichen Bild, das vom verstorbenen Pontifex gezeichnet wird.
04.01.2023, 16 Uhr
Oliver Gierens

Kirche

Der Kardinal hatte aus Altersgründen seinen Rücktritt angeboten. Sein Nachfolger wird der Bischof von Chiclayo in Peru, Robert Francis Prevost.
30.01.2023, 15 Uhr
Meldung
Kirchenführung durch Interviews wahrzunehmen, halte er für äußerst fragwürdig, so der DBK-Vorsitzende. Am „Synodalen Ausschuss“ will er weiter festhalten.
27.01.2023, 15 Uhr