Junge Federn

Ein Stückerl Tora

Aber wie sah es daheim aus mit unseren Gottesdiensten? Haben wir uns an Jesus erinnert? Ein Stückerl aus der Heiligen Schrift gelesen, darüber nachgedacht, vielleicht sogar meditiert? Machten wir anderweitige Erfahrungen mit Gott?
Coronavirus und Gebet
Foto: Andreas Arnold (dpa) | Wie sah es daheim aus mit unseren Gottesdiensten?

Die folgende Anekdote stammt aus Wien, Anfang der dreißiger Jahre, kurz bevor sich die Nazis auch Österreichs bemächtigt haben. Es muss in der Nähe vom Stephansplatz oder vom Burgtheater gewesen sein, wo noch heute die berühmten Fiaker stehen. Zwei jüdische Kutscher sitzen neben ihren Wagen am Halteplatz beisammen. Es regnet, beide frieren. Ihr Geschäft geht schlecht, die Fahrgäste bleiben aus. Da stößt der eine seinen Nachbarn an und sagt: „Geh, Joschi, sag mir ein Stückerl Tora.“

Die ungewisse Zukunft, die armselige Gegenwart, das schlechte Wetter und die Sorge um das nackte Existieren, um die paar Kleinmünzen, die ihnen vom Fahrgeld übrig blieben, die man aber braucht, um für die Familie daheim zu sorgen, all das schafft sich Luft, nicht im Protestieren und auch nicht im Klagen, sondern in der Sehnsucht nach dem Wort Gottes, das den beiden Männern Trost und Weisung gibt: „Sag mir ein Stückerl Tora!“

Was ist nun die Tora? Es sind die fünf Bücher Mose, die Weisung für das Volk Israel bieten. Hat das mit uns Christen etwas zu tun? Ja, denn Papst Benedikt schrieb in seinem Jesusbuch so schön, dass Jesus selbst „die lebendige Tora“ ist. In Jesus finden wir also Beziehung, die wir beim einfachen Vorlesen einer Schriftrolle wohl kaum vermittelt bekämen.

Auch in unseren Gottesdiensten hören wir von Jesus im Evangelium. Aber hinter uns liegt eine Zeit, die uns vorübergehend eine Kirche beschert hat, wo wir nicht das Wort Gottes vernehmen konnten oder ausgelegt bekamen. Wir konnten einige Wochen lang nicht gemeinsam Gottesdienst feiern aufgrund der Bestimmungen. Aber wie sah es daheim aus mit unseren Gottesdiensten? Haben wir uns an Jesus erinnert? Ein „Stückerl“ aus der Heiligen Schrift gelesen, darüber nachgedacht, vielleicht sogar meditiert? Machten wir anderweitige Erfahrungen mit Gott? Vielleicht beim Spazierengehen, wenn man Halt macht, über die Schöpfung staunt, dann ist Er da. Aber ist das nicht etwas kurios? An welchen Plätzen tauscht man sich schon über seinen Glauben aus, der doch immer sehr persönlich ist? Ich würde sagen, selbst an den ungewöhnlichsten Orten kommt unser Glaube zum Vorschein!

Als der FC Bayern kürzlich in der Champions League gegen Paris Saint-Germain gewonnen hatte, bekannte sich der Abwehrspieler Alaba zu seinem christlichen Glauben. Er streifte sich ein T-Shirt über mit der Aufschrift „Meine Kraft liegt in Jesus“, kniete neben dem Siegerpokal und reckte seine Zeigefinger gen Himmel. Ein ungewöhnliches Zeichen, merkwürdig vielleicht und für manche von uns sicher befremdlich, aber Jesus bedeutet diesem Mann viel. Unsere Kraft liegt in Jesus. Wo immer Menschen einander aus dem Geist Jesu heraus Trost und Hilfe zusprechen, da wird Er selbst gegenwärtig.

Der Autor, 27, ist Priester im Bistum Regensburg

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