Kirche

Ein Meister der Apologetik

C.S. Lewis-Biografie: Wie der britische Konvertit vom Atheismus zum Konzept des bloßen Christentums fand.
C.S.Lewis. : Konvertit zum Christentums
Foto: IN | Gläubige Schriftsteller halfen ihm, den Weg zur Kirche zu finden: C.S.Lewis.

Jedes Land hat seine christlichen Apologeten, aber einige scheinen mehr gesegnet zu sein als andere: Das letzte Jahrhundert hat Großbritannien G.K. Chesterton beschert und zeitlich etwas später C.S. Lewis (1898–1963). Man kann, auf eine indirektere Weise, auch J.R.R. Tolkien (1893–1973) mit einbeziehen, den wiederum eine etwas schwierige Freundschaft mit Lewis verband. Tolkien ist heute der international bekannteste der drei. Das hat mit seinen Büchern vom Hobbit und dem Herrn der Ringe zu tun, die als Prosawerke wie als Verfilmungen internationale Erfolge wurden. In der angelsächsischen Welt ist aber auch Lewis bis heute sehr präsent. Im deutschsprachigen Raum war er lange nur mit den 1942 erschienenen „Screwtape Letters“ – auf Deutsch „Dienstanweisung für einen Unterteufel“ – vertreten, einer amüsant geschriebenen Innenansicht des Christentums gewissermaßen aus der Gegenperspektive. Wie Freund Tolkien gelang ihm ein Durchbruch zu größerer Rezeption mit einem Werk der phantastischen Literatur, das er, wie Tolkien, eher zum intellektuellen Zeitvertreib geschrieben hatte und das, wiederum wie bei diesem, einen christlichen Subtext aufweist und als Geschichte von Versuchung und Erlösung gelesen werden kann. Die „Chroniken von Narnia“ umfassten am Ende sieben Bände, wurden in 47 Sprachen übersetzt und verkauften sich bis heute über hundert Millionen Mal. Auch hier schloss sich eine erfolgreiche, noch nicht beendete Adaption als mehrteiliger Spielfilm an.

Ebenso feiert Chesterton bis heute mit seinem „Pater Brown“ auf der Leinwand Erfolge, so dass allen drei Briten das Händchen für eine multimediale Begabung attestiert werden kann. Das ist in Zeiten, in denen der Atheismus im Westen unter Einsatz aller Mittel in den Kampf zieht, nicht zu unterschätzen. Doch nützt die mögliche „Vermarktung“ eines Standpunktes wenig, wenn es an der Substanz fehlt. Gut, dass die aktuell beste Biografie von C.S. Lewis, geschrieben vom Londoner Theologieprofessor Alistair McGrath, nun auf Deutsch erschienen ist. Sie befreit Lewis endgültig von der Annahme, ein „Kinderbuch-Autor“ zu sein, indem sie Licht auf das intellektuelle Fundament eines Mannes wirft, der bis zum heutigen Tag auch als Literaturwissenschaftler – in seiner eigentlichen Profession – Beachtung findet. Seinen Schwerpunkt legt McGrath aber auf das Wirken Lewis' als Künder und Erklärer der christlichen Botschaft.

„Eine etwas seltsame Liebesbeziehung zur Mutter eines im Krieg gefallenen Freundes“
 

Lewis wuchs als zweitältester Sohn eines Anwalts und einer Pfarrerstochter in Belfast auf. Er konnte sich in der reichhaltigen Bibliothek des Elternhauses bedienen und nannte sich schon bei seiner Konfirmation 1914 einen gefestigten Atheisten. „Für Lewis gab es einfach keinen guten Grund, an Gott zu glauben“, sagt sein Biograf. „Kein intelligenter Mensch wolle an ein Schreckgespenst glauben, das bereit ist, ,mich für alle Ewigkeit zu foltern‘“, wie Lewis es beschrieb. Jeder Versuch, die Religion rational zu begründen, war nach seiner damaligen Sicht komplett zum Scheitern verurteilt. Zugleich erlebte der junge Lewis tiefe Gefühle eines Verlangens, dem er den Namen Freude gab und das sich unter anderem beim Lesen guter Literatur einstellte.

Während des Kriegsdienstes in Frankreich half ihm das Schreiben von Gedichten, wie bei so vielen seiner Generation, die eigene Ohnmacht angesichts des Grauens, das er erlebte, zu verarbeiten. Für McGrath enthalten diese Gedichte, die 1919 als erstes Werk des Autors erschienen, zwei Motive, die damals mächtig im jungen Leutnant Lewis wirkten: „Seine Verachtung gegenüber einem Gott, an dessen Existenz er nicht glaubte, dem er dennoch die Schuld an dem Gemetzel (...) geben wollte (...), und seine tiefe Sehnsucht nach der Sicherheit und Geborgenheit der Vergangenheit.“ Lewis, der seine Mutter früh verloren hatte, begann in der Oxforder Studienzeit eine etwas seltsame Liebesbeziehung zur Mutter eines im Krieg gefallenen Freundes, mit der er schließlich zusammenziehen sollte und die er gegenüber Dritten ohne weiteres als seine Mutter vorstellte. Überhaupt sind seine Beziehungen Frauen gegenüber erklärungsbedürftig – bis hin zu einer völlig überraschenden Heirat mit einer jüdischen Amerikanerin im Jahre 1956, die er erst kurz zuvor kennengelernt und die sehr zielstrebig nach ihm die Angel ausgeworfen hatte. Kinder hat er keine gehabt und war daran wohl auch nicht interessiert, wohl aber an einem einigermaßen geordneten Hausleben.

Schon während des Studiums – zunächst der klassischen Philologie, dann der Philosophie und der englischen Literatur – war schnell klar geworden, dass hier ein großer Gelehrter heranwuchs. 1925 wurde er zum Fellow und Englisch-Dozenten am Magdalen-College ernannt, wo er 29 Jahre bleiben sollte. Wohl im Zusammenhang mit dem Tod des ungeliebten Vaters 1929 begann Lewis – eher widerwillig, wie er selber sagte – wieder an Gott zu glauben – ein zunächst dünner, rein philosophischer Glaube nach Art der Theisten. Was ihn dazu brachte, wie er dazu kam, dazu hat er sich selber nur in wenigen Worten ausgelassen. Gespräche mit seinem Oxforder Kollegen Tolkien, den er seit 1926 kannte und die Lektüre eines Buches von Chesterton spielten eine Rolle – es war, wenn man so will, eine literarische Konversion.

Der Biograf weiß einige Beispiele aus der gleichen Zeit zu nennen – Evelyn Waugh, Graham Greene, T.S. Elliot – bei denen es ähnliche Prozesse gab, genährt von ausgedehnter Lektüre und freundschaftlichem Gespräch. Um den Austausch rationaler Argumente sei es dabei nur zunächst gegangen, vor allem aber um den anfangs zurückgedrängten, dann widerwillig zugelassenen Wunsch, es möge doch wahr sein, was sich so ganz anders präsentierte als die ernüchternde Nachkriegszeit. Lektüre und Gespräch „überzeugten Lewis nicht davon, an Gott zu glauben, sondern sie brachten ihn auf den Gedanken, dass ein solcher Glaube eine reichhaltige und robuste Vision des menschlichen Lebens bot“. Das schlug sich dann alsbald in den Werken von Professor Lewis nieder.

„Über den Schmerz“, erschienen 1940, war das erste den Glauben erklärende und anbietende Werk des als Literaturwissenschaftler immer bekannter werdenden Professors. Darin hält er Rückschau auf seine Zeit als Atheist, um sich zugleich dem drängendsten aller Probleme zu stellen – dem menschlichen Leid angesichts eines scheinbar tauben Himmels. „Gott flüstert in unseren Freuden, er spricht in unserem Gewissen; in unseren Schmerzen aber ruft er laut. Sie sind Sein Megaphon, eine taube Welt aufzuwecken.“ Das Buch fand breite Aufnahme und trug dazu bei, dass Lewis während des Zweiten Weltkrieges – zu dem er nicht mehr eingezogen wurde – von der BBC um eine Reihe von Radiovorträgen gebeten wurde, die ihn zwangen, das Thema der Begründung von Religion frisch und neu (und vor allem in einfacher Sprache) anzugehen. Kaum denkbar, dass die BBC – heute an der Vorfront „politischer Korrektheit“ – noch einmal katechetische Sendungen in Auftrag geben würde. Das Echo war wiederum beeindruckend positiv und aus der späteren revidierten Buchausgabe der Vorträge ergab sich das Konzept des „bloßen Christentums“ (mere christianity), das heute noch mit C.S. Lewis in Verbindung gebracht wird. Es ist ein undogmatisches, von der Existenz eines natürlichen Sittengesetzes ausgehendes und nicht konfessionell gebundenes Christentum, das gerade deshalb so viel Anklang fand. Es muss betont werden, dass Lewis Zeit seines Lebens ein überzeugter Anglikaner blieb (anders als sein Freund Tolkien oder Chesterton) und insbesondere mit dem Papsttum seine liebe Not hatte. Und doch hat er ohne Zweifel und auch für Katholiken annehmbar die Grundprinzipien der christlichen Heilsbotschaft in einer Weise vermitteln können, mit der ein Mensch des 20. und wohl auch des 21. Jahrhunderts etwas anfangen kann.

„Von fundamentalistisch-evangelikaler Seite gibt es Vorbehalte gegen Lewis' Werk und seine Person“

Das gilt in noch stärkerem Maße für die „Chroniken von Narnia“, die zwischen 1950 und 1956 erschienen. Nach Ansicht von Tolkien, dessen Freundschaft zu Lewis sich daraufhin abkühlte, sind diese Romane um eine Gruppe Kinder und Erwachsene, die in der erdachten Welt Narnia leben, sogar „zu christlich angehaucht“. (Außerdem nahm er an, dass Lewis in einigen Details bei ihm abgekupfert hätte). In der zentralen Gottheit, dem Löwen Aslan, der einen notwendigen Opfertod sterben muss, tritt einem eine unverhüllte Christus-Allegorie entgegen. Tolkien geht in seinen phantastischen Romanen viel subtiler vor, doch ist dies letztlich ein Streit um des Kaisers Bart. Tolkien, der Anhänger der Alten Messe war und einen Priester-Sohn hatte, und Lewis kämpften nicht an verschiedenen Fronten, nur mit anderen Methoden. Es gelingt Lewis jedenfalls, mit seinem Erzählstoff, der Schöpfung, Schuld und Sühne, Auferstehung und das Ewige Leben kennt, Leser – junge wie alte – dazu zu bringen, „in dieser übergreifenden Erzählung zu leben – in die Geschichte hineinzugelangen und nachzufühlen, wie es ist, ein Teil davon zu sein“, wie sein Biograf sagt.

Bemerkenswert, dass einer der erfolgreichsten Autoren des 20. Jahrhunderts ein christliches Narrativ zugrunde legt, was man aktuell von der magisch-schamanistischen Welt des Harry Potter nicht sagen kann. Es verwundert nicht, dass ein heutiger Oxforder Literaturprofessor, Philipp Pullman, erklärter Atheist, keine Gelegenheit auslässt, auf Lewis zu schimpfen und sogar eine „Gegen-Romanwelt“ (His Dark Materials) vorgestellt hat, um sein Anliegen literarisch zu vertreten. Von fundamentalistisch-evangelikaler Seite gibt es Vorbehalte gegen Lewis' Werk und seine Person, ebenso aber Vereinnahmungsversuche.

C.S. Lewis, der uns in dieser Biografie sehr umfassend, wenn auch vielleicht etwas langatmig vorgestellt wird, verdient, vom deutschsprachigen Leser noch mehr, aber vor allem in all seinen Dimensionen wahrgenommen zu werden. Dass ein Experte für englische Literatur des Mittelalters und der Renaissance, der sich seinen Glauben erkämpfte, um darüber in intellektuell redlicher Weise Auskunft zu geben, zur Reizfigur der sich als Humanisten bezeichnenden Atheisten wurde, ist letztlich ein ermutigendes Zeichen. Pullman fühlt sich gar versucht, den Leichnam Lewis' auszugraben, um ihn „mit Steinen zu bewerfen“. Auch so kann man bestätigen, dass Glaube und Religion nicht irrelevant sind. Wer zum Grund diesen Hasses vordringen will, wer vor allem die Anziehungskraft guter christlicher Literatur erkunden will, kommt künftig an der Biografie von Alister McGrath nicht vorbei. Mit C.S. Lewis lernt man, wie ein Mensch der Moderne theologischen Selbststand gewinnen kann.

Alister McGrath: C.S. Lewis – Die Biographie. Brunnen-Verlag, Basel 2015, 492 Seiten, ISBN 978-3-7655-1806-6, EUR 24,99

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