Ein Kampf um die Macht

Die Absetzung des Malteser-Großkanzlers Boeselager hat nun auch zu einer Krise zwischen Vatikan und Ordensleitung geführt. Von Guido Horst
Malteser-Großmeister Matthew Festing und Papst Franziskus, 2016
Foto: KNA | Ob sich Malteser-Großmeister Matthew Festing und der Papst in Zukunft noch so unbefangen begegnen wie während der Privataudienz im Sommer 2016?

Rom (DT) Die Auseinandersetzung um die vom Malteser-Großmeister Frá Matthew Festing erzwungene Beendigung der Amtszeit des ehemaligen Großkanzlers Albrecht Freiherr von Boeselager hat sich inzwischen längst zu einem Tauziehen zwischen Papst und Vatikan auf der einen und der Ordensleitung der Maltester auf der anderen Seite ausgeweitet. Und der inhaltliche Grund für den Konflikt, bei dem es anfänglich um die Kooperation der Hilfsdienste des Ordens mit anderen Organisationen bei Dritte-Welt-Projekten ging, in deren Verlauf auch Kondome und Verhütungsmittel verteilt worden seien, hat sich inzwischen auf eine ganze Reihe von anderen sensiblen Fragen ausgeweitet.

Im Grunde geht es um Fragen der Macht – wie der letzte Schlagabtausch zwischen Vatikan und Ordensleitung zeigt: Am 22. Dezember hat eine Mitteilung des Heiligen Stuhls darüber informiert, dass Papst Franziskus eine fünfköpfige Kommission damit beauftragt hat, den Vatikan über die Hintergründe der Angelegenheit des entlassenen Großkanzlers von Boeselager zu informieren. Mitglieder der Kommission sind der Vatikandiplomat Erzbischof Silvio Tomasi, früherer Beobachter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen in Genf, der Jesuitenpater Gianfranco Ghirlanda, ehemals Rektor der Universität Gregoriana, der Anwalt Jacques de Liederkerke, der Investmentbanker Marc Odendall und Marwan Sehnaoui, der Präsident des Malteserordens im Libanon.

Daraufhin teilte die Ordensleitung der Malteser in den Weihnachtstagen mit, die Amtsenthebung Boeselagers sei eine interne Entscheidung des Souveränen Malteserordens und falle „allein in dessen Kompetenz“. Die Einrichtung einer vatikanischen Untersuchungskommission sei ein „Missverständnis des Staatssekretariats“ und „inakzeptabel“. Großmeister Festing habe dies in einem Brief an Papst Franziskus dargelegt.

Erklärungen haben die Lage eskalieren lassen

Am 10. Januar präzisierte dann eine weitere Mitteilung der Ordensleitung, man lehne die Kooperation mit dem Vatikan rund um die Absetzung des Großkanzlers ab. Der Malteserorden sei ein unabhängiges Völkerrechtssubjekt und die Personalie Boeselager eine interne Angelegenheit des Ordens. Die vatikanische Untersuchungskommission habe keine Kompetenz.

Dem widersprach der Vatikan mit einer Mitteilung vom vergangenen Dienstag: Der Heilige Stuhl bekräftige sein Vertrauen in die fünfköpfige Untersuchungskommission, die den Papst „über die Krise der aktuellen zentralen Ordensleitung informieren soll“, und weise jeden Versuch zurück, die Mitglieder der Kommission und ihre Arbeit zu diskreditieren. Der Vatikan, so die Erklärung weiter, „vertraue auf die volle Zusammenarbeit aller in dieser so delikaten Phase und erwartet den Bericht der genannten Gruppe, um dann, soweit es ihn betrifft, die geeignetsten Entscheidungen für das Wohl des Souveränen Ritterordens von Malta und der Kirche treffen zu können“.

Dass es zu dieser Eskalation der Erklärungen und Gegenerklärungen zwischen Vatikan und der Spitze des Malteserordens wegen der zurückliegenden Verteilung von Verhütungsmitteln im Rahmen von Kooperationen mit anderen Hilfsdiensten in Ländern Asiens und Afrikas gekommen sein soll, will in Rom niemand so recht glauben. Stattdessen erfährt man im Vatikan, dass die Souveränität des Malteserordens als völkerrechtliches Subjekt ein hohes Gut sei. Sie ermögliche es dem Orden, über diplomatische Kanäle an Stellen zu wirken, die der Kirche verschlossen bleiben, und versetze den Orden in die Lage, die diplomatischen Aktivitäten des Vatikans zu ergänzen. Dass allerdings der Papst und das Staatssekretariat, allen voran Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, jetzt mit der Einsetzung der fünfköpfigen Untersuchungskommission die Souveränität des Malteserordens missachtet hätten, wie das Großmeister Festing erklärt, weisen selbst führende Ordensmitglieder zurück.

Denn es hat bereits einen Konflikt zwischen dem Vatikan und den Maltesern gegeben, in dem es um die Souveränität des Ritterordens ging, einen Konflikt, der als „Canali-Affäre“ in die jüngere Ordensgeschichte eingegangen ist. Kardinal Nicola Canali war Mitte vergangenen Jahrhunderts Großprior des Malteser-Ordens und wollte diesen wegen vermeintlichen Lotterlebens führender Ordensmitglieder unter die Kontrolle des Vatikans bringen. Ein Kardinalsgericht hat den Fall 1953 entschieden und festgestellt, dass der Orden eine duale Natur besitzt. Aufgrund einer Lehensakte Kaiser Karls V. besitze er die Rechte eines souveränen Staates und sei daher in weltlichen Angelegenheiten vom Vatikan unabhängig. In seiner Eigenschaft als religiöser Orden unterstehe er dagegen der Aufsichts- und Disziplinargewalt des Vatikans. Der Orden hat sich damals das Urteil der Kardinäle zu eigen gemacht und müsste sich auch heute noch daran gebunden fühlen.

Die auf diesem Sachstand berufene vatikanische Untersuchungskommission arbeitet bereits intensiv und dürfte ihren Bericht bald vorlegen. Auch hat Baron Boeselager inzwischen beim zuständigen ordensinternen Magistral-Gericht Einspruch gegen seinen Ausschluss aus dem Orden und seine Amtsenthebung eingelegt, wozu ebenfalls mit einer Entscheidung zu rechnen ist. Ob man dann auf die Präservativ-Vorwürfe zurückkommen muss oder vielleicht auf finanzielle Transaktionen – wie etwa die angeblich 120 Millionen Schweizer Franken schwere Spende, die der Orden von einem Gönner in Frankreich erhalten haben soll – oder auf freimaurerische Einflüsse auf die Malteser, was ebenfalls durch die – meist angelsächsischen – Medien geistert, oder aber auf das Verhältnis zwischen (ehelosen) Professrittern und den Obödienzrittern, also gewöhnlichen Laien, wird man sehen müssen. Wenn man jedenfalls in Ordenskreisen nach dem Kern der im vergangenen Dezember mit der Entfernung Baron Boeselagers eskalierten Krise fragt, hört man eine andere Geschichte.

Des Großmeisters eigenwillige Personalpolitik

Ihr zufolge hat die aktuelle Ordenskrise im Sommer 2014 begonnen. Damals stand die Wahl der neuen Ordensleitung an, mit der der seit 2008 amtierende Großmeister Festing ab dann zusammenzuarbeiten hatte. Und Festing habe das zu wählende Generalkapitel mit einer Liste von zwanzig Namen überrascht, die er sich für die insgesamt 23 Personen umfassende Ordensleitung wünsche. Das Generalkapitel sei dem Wunsch des Großmeisters nicht gefolgt und nur drei der von Festing vorgeschlagenen Leute hätten es in die Ordensleitung geschafft. Auch Baron Boeselager habe nicht auf der Wunschliste des Großmeisters gestanden. Seitdem habe es in der Ordensleitung geknirscht, zumal Festing begonnen habe, mehr und mehr Professritter an seine Seite zu ziehen und mit ihnen eine parallele Ordensleitung aufzubauen, was seinen persönlichen Geldfonds immer weiter anschwellen ließ – einer der Punkte, worüber es zu Konflikten mit dem Großkanzler Boeselager kam.

Das Gespräch in Anwesenheit des Kardinalpatrons Raymond Leo Burke zwischen Festing und Boeselager am vergangenen 6. Dezember, in dem es zum endgültigen Bruch kam, krankte an dem Mangel, dass dem deutschen Baron mitgeteilt wurde, auch der Vatikan beziehungsweise der Papst selber wünschten seinen Rücktritt vom Amt des Großmeisters. Dass das nicht stimmt, hat Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin in zwei Schreiben an den Großmeister, vom 12. und vom 21. Dezember, festgestellt. Die englische Zeitschrift „The Tablet“ hat am 5. Januar aus dem zweiten Brief zitiert, worin es, auch nach Auskünften aus Ordenskreisen, heißt: „Wie ich es schon in meinem vorangegangenen Schreiben ausgedrückt habe: Zum Gebrauch und zur Verbreitung von Methoden und Mitteln, die dem Moralgesetz entgegenstehen, bittet Seine Heiligkeit eine Dialog darüber, wie eventuelle Probleme angegangen und gelöst werden können. Aber er hat nie gesagt“, betont Kardinal Parolin, „irgendjemanden wegzuschicken.“ Die versuchte Täuschung, Boeselager glauben zu lassen, auch Franziskus wünsche seinen Abgang, hat das bereits schwer angeschlagene Klima in der Ordensleitung nun so vergiftet, dass eine Lösung der Krise bei den Maltesern in Rom außerordentlich schwer werden dürfte.

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