Ein Befreiungsschlag

Vor zehn Jahren trat das Motu proprio „Summorum pontificum“ in Kraft. Von Sebastian Krockenberger
Messe in der außerordentlichen Form
Foto: KNA | Die Liturgie ist ein Geschenk Gottes: Ein Priester zelebriert die heilige Messe in der außerordentlichen Form.

Für Joseph Ratzinger stehen Liturgie und Eucharistie im Mittelpunkt von Glaube und Kirche. „Im Umgang mit der Liturgie entscheidet sich das Geschick von Glaube und Kirche.“ Dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch sein Werk.

„Kirche ist Anbetung“, sagte er 1980 als Erzbischof von München und Freising: „Kirche besteht als Liturgie und in Liturgie.“ Er erkennt in dieser Sicht „keinerlei ästhetische oder liturgische Verklärung und Verengung des Zustandes und des Wesens von Kirche. Denn die Gestalt des christlichen Gottesdienstes ist zugleich Abbildung für den Weg und die Weise menschlichen Lebens.“ Auch ist die Eucharistie „kein Spiel, sondern Wirklichkeit“. Denn „Christus hat wahrhaft sich ausgeteilt, in dem zerrissenen Brot sich gegeben, dass sein Leben das unsere sei“.

Zur Weiterentwicklung der Liturgie erklärte Ratzinger in einer Predigt aus den 70er Jahren: „Immer gilt es einerseits, den Reichtum des Betens und Hoffens und Glaubens der Völker einzulassen, aber anderseits, ihn so zu reinigen, dass die Mitte nicht verdeckt wird, dass das eigentliche Geheimnis Jesu Christi rein und groß sichtbar bleibt. Wer dies verstanden hat, weiß, dass die geschichtlich gewachsene Eucharistie der Kirche nicht Abfall vom Ursprung ist, sondern dessen wahre Frucht.“

Mit der Liturgiereform von 1969 wurde der katholische Gottesdienst neu gestaltet. Ratzinger sagte bei dieser Gelegenheit: „Wir alle müssen uns wieder neu darüber klar werden, dass die Eucharistie nicht in der Verfügung des Priesters und nicht in der Verfügung einer einzelnen Gemeinde steht, sondern dass sie das Geschenk Jesu Christi an die ganze Kirche ist und dass sie in ihrer Größe nur bleibt, wenn wir sie in dieser Unbeliebigkeit annehmen.“

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, wie sehr Ratzinger die alte Messe, die bis 1969 gefeiert wurde, schätzt und wie ihm die würdige Feier des Gottesdienstes am Herzen lag. Zweimal zelebrierte er als Präfekt der Glaubenskongregation ein Pontifikalamt im alten Ritus.

Der Erlass des Motu proprio „Summorum pontificum“ am 7. Juli 2007 – es trat am 14. September desselben Jahres in Kraft – war ein folgerichtiger Schritt. Die Feier der Messe in der alten Form wurde dadurch erheblich erleichtert. Die alte Messe gilt seitdem als außerordentliche Form des einen römischen Ritus, die Novus-Ordo-Messe als ordentliche Form.

Im Begleitschreiben zu diesem päpstlichen Gesetzesakt erklärt Benedikt XVI.: „Was nun die Verwendung des Messbuches von 1962 als Forma extraordinaria der Messliturgie angeht, so möchte ich darauf aufmerksam machen, dass dieses Missale nie rechtlich abrogiert wurde und insofern im Prinzip immer zugelassen blieb.“ Auch macht er sein pastorales Anliegen deutlich: „Viele Menschen, die klar die Verbindlichkeit des II. Vaticanums annahmen und treu zum Papst und zu den Bischöfen standen, sehnten sich doch auch nach der ihnen vertrauten Gestalt der heiligen Liturgie, zumal das neue Missale vielerorts nicht seiner Ordnung getreu gefeiert, sondern geradezu als eine Ermächtigung oder gar als Verpflichtung zur ,Kreativität‘ aufgefasst wurde, die oft zu kaum erträglichen Entstellungen der Liturgie führte.“

Ratzinger soll „bestürzt“ gewesen sein, als er 1970 in Regensburg die Einführung der neuen Messe erlebte. Im Begleitschreiben erwähnt er auch seine persönlichen Erfahrungen mit der neuen Liturgie: „Ich spreche aus Erfahrung, da ich diese Phase in all ihren Erwartungen und Verwirrungen miterlebt habe. Und ich habe gesehen, wie tief Menschen, die ganz im Glauben der Kirche verwurzelt waren, durch die eigenmächtigen Entstellungen der Liturgie verletzt wurden.“

Als Papst machte er später darauf aufmerksam, dass der alte Ritus auch ständig neue Anhänger gewinnt: „Hatte man unmittelbar nach dem Ende des II. Vaticanums annehmen können, das Verlangen nach dem Usus von 1962 beschränke sich auf die ältere Generation, die damit aufgewachsen war, so hat sich inzwischen gezeigt, dass junge Menschen diese liturgische Form entdecken, sich von ihr angezogen fühlen und hier eine ihnen besonders gemäße Form der Begegnung mit dem Mysterium der heiligen Eucharistie finden.“

Benedikt XVI. geht es „um eine innere Versöhnung in der Kirche“ und um innere Kontinuität. „Was früheren Generationen heilig war, bleibt auch uns heilig und groß“, erklärt er. „Es tut uns allen gut, die Reichtümer zu wahren, die im Glauben und Beten der Kirche gewachsen sind, und ihnen ihren rechten Ort zu geben.“

Rückblickend sagte Benedikt XVI. 2010 im Gesprächsband „Licht der Welt“ über „Summorum pontificum“ und die alte Form der Messe: „Ich habe die vorangegangene Form vor allem deshalb besser zugänglich machen wollen, damit der innere Zusammenhang erhalten bleibt. Wir können nicht sagen: Vorher war alles verkehrt, jetzt ist alles richtig; denn in einer Gemeinschaft, in der das Beten und die Eucharistie das Allerwichtigste sind, kann nicht etwas ganz verkehrt sein, was früher das Allerheiligste war. Es ging um die innere Aussöhnung mit der eigenen Vergangenheit, die innere Kontinuität des Glaubens und Betens in der Kirche.“ Ratzinger sieht im Erlass von „Summorum pontificum“ eine Notwendigkeit, um „die innere Kontinuität des Glaubens und Betens in der Kirche“ sicherzustellen.

„Als leuchtendes Erinnerungssignal“ soll der Ritus von 1962 auch aus Sicht Robert Spaemanns präsent bleiben. „Ein Ritus ist eine geistliche Lebensform, nicht die Form einer gelegentlichen Andachtsübung oder eine Nostalgieveranstaltung“, erklärt der Philosoph. Die alte Liturgie fasziniere dadurch, dass sie in einer Zivilisation des Kurzlebigen, des raschen Wandels und der unaufhörlichen Berieselung mit Worten als etwas ganz anderes erscheine. In seinem vielbeachteten Vortrag von 1994 über die Bedeutung und Zukunft des „klassischen römischen Ritus“ hatte er beklagt, dass der alte Ritus in der deutschen Kirche geradezu unterdrückt werde. Ausgerechnet hier würde jeder ökumenische Geist enden.

Spaemann widmete 2002 „in herzlicher Verehrung“ Joseph Ratzinger zum 75. Geburtstag den Aufsatz „Ritual und Ethos“. Darin hebt Spaemann die Bedeutung der Rituale für das alltägliche Leben hervor: „Nur wo das Nichtkontingente, das Absolute als es selbst erinnert wird, nur dort behalten die Zeremonialien des Alltags ihre Kraft, Kontingenz zu überwinden und Sinn zu vermitteln.“

Nun sind zehn Jahre seit dem Erlass des Motu proprio „Summorum pontificum“ vergangen. Im Gespräch mit der „Tagespost“ sagte Spaemann, Benedikt XVI. habe erkannt, dass die neue Messe nicht die Erwartungen des Konzils erfüllte: „Er wollte eine Verbindung von alter und neuer Messe.“ Rückblickend auf sein jahrelanges Engagement für die alte Messe erklärt Spaemann: „Benedikt wollte zeigen, dass die alte Messe eine Zukunft hat. Er hat uns – auch mich – ermahnt: Bleibt Eurer Sache treu!“ Und Spaemann stellt fest: „,Summorum pontificum‘ war ein Befreiungsschlag. Vor allem, weil es sagte, dass jeder katholische Priester den alten Ritus zelebrieren darf. Und Benedikt sagte: Kein Papst hat das Recht, die alte Messe zu verbieten. Und deshalb sind die Verbote in der Zeit seit Paul VI. alle rechtswidrig, weil der Papst damals seine Kompetenzen überschritten hat.“

Immer wieder haben diese beiden Männer, Papst Benedikt XVI. und Robert Spaemann, darum gerungen, wie die Kirche in rechter und würdiger Weise Gott anbeten solle. Die Messe in der überlieferten Form ist für sie der Referenzrahmen. Um die Brüche und Wunden zu heilen, die durch die Liturgiereform seit 1969 aufgerissen wurden, erließ Papst Benedikt XVI. „Summorum pontificum“.

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