Durch Maria zu Christus

Die Ganzhingabe von Papst Franziskus an die Gottesmutter – Theologische Anmerkungen zur Marienweihe in Fatima am 13. Mai 2013. Von Manfred Hauke
Johannes Paul II., Statue
Foto: dpa | Franziskus steht in der Reihe der Päpste, die – wie Johannes Paul II., dessen Statue in dem portugiesischen Heiligtum steht – eine persönliche Beziehung zu Fátima hatten.
Johannes Paul II., Statue
Foto: dpa | Franziskus steht in der Reihe der Päpste, die – wie Johannes Paul II., dessen Statue in dem portugiesischen Heiligtum steht – eine persönliche Beziehung zu Fátima hatten.

Während der 181. Vollversammlung der Portugiesischen Bischofskonferenz brachte der Patriarch von Lissabon, Kardinal José Policarpo, eine bemerkenswerte Information an die Öffentlichkeit: der neu erwählte Heilige Vater, Papst Franziskus, habe ihn zweimal gebeten, er möge sein Petrusamt der Gottesmutter von Fatima weihen. Diese Weihe habe er auch in der Stille des Gebetes vollziehen können, aber er halte es für sinnvoll, dass sich die ganze portugiesische Bischofskonferenz mit dem Anliegen verbinde. So wird denn bei der Internationalen Wallfahrt in Fatima am 13. Mai 2013, am 96. Jahrestag der ersten Erscheinung Mariens vor den Hirtenkindern Lucia, Jacinta und Francisco, das Pontifikat von Papst Franziskus auf feierliche Weise der Gottesmutter geweiht in den Anliegen der Botschaft von Fatima. Das Weihegebet wird verfasst von Kardinal Policarpo, während der Erzbischof von Rio de Janeiro, Orani Tempesta, die Wallfahrt leitet.

Wünschenswert ist es sicherlich, dass sich möglichst viele katholische Christen diesem Herzensanliegen des neuen Papstes anschließen. Doch was ist das eigentlich: „Marienweihe“? Was sind die theologischen Grundlagen dieser Handlung? Warum gerade die Wahl von Fatima?

„Weihe“ meint im liturgischen und kirchenrechtlichen Bereich einen Ritus, der eine Sache oder Person in besonderer Weise für Gott aussondert und in seinen Dienst stellt. Wer sich Gott weiht, schenkt ihm sein ganzes Leben und stellt sich unter seinen Schutz. Kann bei dieser innigen Verbindung mit dem Dienste Gottes überhaupt von einer Weihe an ein Geschöpf die Rede sein? Können wir uns auch Maria hinschenken, ihr dienen und uns unter ihren Schutz stellen? Dies ist nur denkbar, wenn die Gottesmutter eine einzigartige Würde und eine universale Sendung für die ganze Menschheit besitzt, in der sie an der einzigen weltumspannenden Mittlerschaft Jesu Christi teilhat. Maria wirkt dabei an einem Geschehen mit, das sich auf Gott selbst richtet, der in seinem Sohn unter uns Mensch geworden ist aus der seligen Jungfrau. In der Marienweihe werden eine Person, ein Gegenstand oder eine Gemeinschaft Maria anvertraut. Noch intensiver ist die Selbsthingabe eines einzelnen Gläubigen oder einer Gemeinschaft an die Gottesmutter.

Diese Weihe geschieht durch ein Gebet, das die Hingabe an Maria ausdrückt und die Bitte um ihren Schutz. Papst Pius XII. nennt die Weihe an Maria „eine Ganzhingabe seiner selbst für das ganze Leben und die Ewigkeit“ (21.4.1945).

Johannes Paul II. leitet die Marienweihe ab von der geistlichen Mutterschaft, die sich andeutet in den Worten des Erlösers am Kreuz: „Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich“ (Joh 19, 26f). Das „Testament Christi auf Golgota“ zeigt „die neue Mutterschaft seiner Mutter in der Einzahl, mit Bezug auf einen Menschen …: ,Siehe, dein Sohn‘. … Der Erlöser vertraut seine Mutter dem Jünger an, und zugleich gibt er sie ihm zur Mutter. Die Mutterschaft Mariens, die zum Erbe des Menschen wird, ist ein Geschenk, das Christus persönlich jedem Menschen macht. Wie der Erlöser Maria dem Johannes anvertraut, so vertraut er gleichzeitig den Johannes Maria an. Zu Füßen des Kreuzes hat jene besondere vertrauensvolle Hingabe des Menschen an die Mutter Christi ihren Anfang, die dann in der Geschichte der Kirche auf verschiedene Weise vollzogen und zum Ausdruck gebracht worden ist“ (Redemptoris Mater 45).

Der Lieblingsjünger, der bei Johannes nicht mit Namen genannt wird, steht für jeden Menschen, der Maria als geistlicher Mutter anvertraut wird. Diese symbolische Deutung des Evangeliums entspricht dem Titel „Frau“, mit dem Jesus seine Mutter bereits bei der Hochzeit zu Kana anspricht (Joh 2,4). Maria erscheint darin gleichsam als neue Eva, als „Frau“ schlechthin (vgl. Gen 3,15) und demnach auch als „Mutter aller Lebenden“ (Gen 3,20). Das Johannesevangelium ist im Lichte der Tradition zu lesen, welche die im Text angelegten Linien noch deutlicher auszieht. Das „Kreuzestestament“ Jesu als Grundlage für die universale geistliche Mutterschaft Mariens zu lesen, findet sich ausdrücklich seit dem 12. Jahrhundert (insbesondere in den Schriften Ruperts von Deutz).

Ein weiterer biblischer Ansatzpunkt für die Marienweihe, neben den Worten Jesu am Kreuz, ist die Ganzhingabe Jesu an Maria schon bei der Inkarnation. Bei der Menschwerdung, so betont Johannes Paul II., hat „sich Gott … dem freien und tätigen Dienst einer Frau anvertraut“ (Redemptoris Mater 46). Ausgefaltet wird diese Deutung besonders durch den heiligen Ludwig Maria Grignion von Montfort: Der Sohn Gottes wollte „von dieser liebenswerten Jungfrau abhängig sein … in seiner Empfängnis, in seiner Geburt, in seiner Darstellung im Tempel, in seinem dreißigjährigen verborgenen Leben. Ja noch in seinem Tode, bei dem sie zugegen sein musste, wollte er mit ihr zusammen ein einziges Opfer darbringen. Mit ihrer Einwilligung sollte er dem ewigen Vater geopfert werden, so wie einst Isaak mit Abrahams Zustimmung zum göttlichen Willen. Sie ist es, die ihn gestillt, genährt, gepflegt, auferzogen und für uns dahingegeben hat“ (Die vollkommene Hingabe an Jesus durch die Weihe an Maria, Nr. 18).

Ein dritter biblischer Gesichtspunkt zeigt sich im Jawort Mariens bei der Verkündigung (Lk 1, 38). Das Lukasevangelium stellt dabei Maria auf eine Weise vor, die an die alttestamentliche Gestalt der „Tochter Zion“ erinnert, Sinnbild der „bräutlichen“ Hingabe des Volkes an Gott und der mütterlichen Sorge für die Kinder Israels. Maria erscheint hier als Urbild der Kirche. Da die Perikope von der Verkündigung auf die Inkarnation als Werk des dreifaltigen Gottes weist, zeigt sich die Antwort Mariens als Vorbild für die Ganzhingabe eines jeden Christen an Vater, Sohn und Heiligen Geist. Das Maßnehmen an Maria erscheint so als Weg zu Christus.

Die biblischen Ansatzpunkte für die Weihe an Maria entfalten sich in der Zeit der Kirchenväter. Maria erscheint als „die Jungfrau“ schlechthin (Jes 7,14) und als Urbild der gottgeweihten Jungfrauen. In der Zeit nach dem Konzil von Ephesus (431), das Maria als „Gottesgebärerin“ definiert, wächst die Zahl der Kirchen, die der Gottesmutter geweiht werden. Schon diese Form der Weihe ragt über eine bloße Fürbitte hinaus und bezeichnet eine objektive, bleibende Wirkung für das geweihte Objekt. Die vertrauensvolle persönliche Hinwendung zur Gottesmutter zeigt sich beispielsweise in dem Mariengebet „Unter deinen Schutz und Schirm“, das auf das dritte oder vierte Jahrhundert zurückgeht. Die erste Weihe einer Gemeinschaft an die Gottesmutter vollzieht 626 der byzantinische Kaiser Heraklius in einer Zeit höchster Not. Die hieraus folgende Rettung Konstantinopels wird erwähnt in dem berühmten Hymnus „Akathistos“. Ildephons von Toledo, im Spanien des 7. Jahrhunderts, bezeichnet sich als „Diener Mariens“. Die erste klare Formulierung einer Ganzhingabe an Maria findet sich am Ende der griechischen Väterzeit bei Johannes von Damaskus: wir „weihen dir unseren Geist, unsere Seele, unseren Leib, unser ganzes Sein …“ (Hom. in Dormitionem I, 14).

Im Mittelalter weihen sich Maria Einzelpersonen, aber auch ganze religiöse Gemeinschaften. Die im 13. Jahrhundert in Florenz entstandenen „Diener Mariens“ (Serviten) wollen Christus durch die Verehrung Mariens dienen. Die Karmeliten verbreiten das Skapulier, als verkleinertes Ordensgewand ein Sinnbild für das „Sich-Bekleiden“ mit dem Schutzmantel Mariens, aber auch mit deren Tugenden. Es erinnert an die Taufe, die im Neuen Testament mit dem Bildwort des „Kleides“ dargestellt wird: wir haben „Christus angezogen“ (Gal 3, 27). In Fatima, am 13. Oktober 1913, zeigt sich Maria auch als „Unsere Liebe Frau vom Berge Karmel“. In den jesuitisch geprägten Marianischen Kongregationen findet wir erstmals den Begriff der „consecratio“ für die Weihe an die Gottesmutter.

Im 17. Jahrhundert entwickelt der heilige Ludwig Maria Grignion von Montfort, in Verbindung mit der Französischen Schule der Spiritualität, die Lehre von der vollkommenen Hingabe an Christus durch die Hände Mariens als Verlebendigung des Bundes mit Gott in der Taufe. Gott selbst hat von dem Jawort Mariens seine Menschwerdung abhängig gemacht. In ähnlicher Weise will der Sohn Gottes in den Menschen Gestalt annehmen durch die mütterliche Formung Mariens. Maria ist der wirksamste und schnellste Weg, Christus zu finden und in der Heiligkeit zu wachsen. „Vollkommene“ Weihe meint, Maria alles zu schenken, was uns gehört, damit sie uns Wegführerin sei zu ihrem Sohn.

Die Verehrung des Herzens Mariens ist eng verbunden mit der Weihe an das Herz Jesu. Sie greift zurück auf die biblische Erwähnung des „Erwägens“ der Heilsereignisse im Herzen der Gottesmutter (Lk 2, 19.51) sowie auf die Weissagung Simeons vom Schwert, das die Seele Mariens durchdringen wird (Lk 2, 34f) beim Leiden Jesu. Seit dem 12. Jahrhundert (Ekbert von Schönau) finden wir Gebete an das Herz Mariens und den Ausdruck „unbeflecktes Herz“. Die durch die Sünde gestörte Liebesfähigkeit des Menschen wird in Maria, ohne Sünde empfangen, wiederhergestellt und auf Christus gerichtet. Die erste liturgische Feier des Herzens Mariens geht auf den hl. Jean Eudes zurück (1648). Schon seit 1807 gibt es Ablässe für Weihegebete an das Herz der Gottesmutter. Die Bitte um die Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens findet sich 1917 in den Botschaften von Fatima, vorbereitet durch die Weihe der Welt an das Heiligste Herz Jesu durch Papst Leo XIII. 1899. Am 31. Oktober 1942, zum 25-jährigen Jubiläum der Marienerscheinungen zu Fatima, weihte Pius XII. die Kirche stellvertretend für die ganze Welt dem Unbefleckten Herzen Mariens. Einen Höhepunkt erreichte die Übung der Marienweihe im Pontifikat Johannes Pauls II., dessen päpstliches Wappen die Worte „Totus tuus“ enthält, „ganz Dein“, ein Hinweis auf die Spiritualität des heiligen Ludwig Maria Grignion von Montfort. Auch Benedikt XVI. vollzog 2010 in Fatima eine Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens. Papst Franziskus reiht sich ein in diese Überlieferung.

In der Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens nähert man sich der Gottesmutter, die den Christen mit Christus und dem dreifaltigen Gott verbindet. Das Sich-Anvertrauen an die selige Jungfrau ist die vollkommene Übernahme der Weihe an Gott, dem Ursprung und dem Ziel einer jeden Hingabe. Der Sohn Gottes selbst hat sich bei der Inkarnation Maria anvertraut und uns ihrer mütterlichen Sorge anheimgestellt durch seine Worte am Kreuz. Die universale Mutterschaft der himmlischen Königin ist die Grundlage unserer Antwort, auch in unserem Leben Maria aufzunehmen und uns zu Christus führen zu lassen, dem Alpha und Omega unseres Daseins.

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