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Die Ukrainer retten, nicht Kyrills Ansehen

Der Papst sollte sich vom Moskauer Patriarchat nicht noch einmal missbrauchen lassen.
Moskaus Patriarch Kyrill
Foto: IMAGO/Sergei Karpukhin (www.imago-images.de) | Nach den bisherigen Erfahrungen muss dem Vatikan klar sein: Das Moskauer Patriarchat versucht erneut, den Papst zu instrumentalisieren.

Jahrzehntelang hielt das Moskauer Patriarchat demonstrativ Distanz zu Rom. Der sehnlichste Wunsch Johannes Pauls II., Russland zu besuchen, blieb unerfüllt. Jetzt ist es Moskau, das massiv auf eine Begegnung mit Papst Franziskus drängt. Der mit allen Wassern (und Weihwassern) gewaschene Außenamtschef der russischen Orthodoxie, Metropolit Hilarion, verkündete das angeblich geplante „persönliche Treffen“ schon einmal im russischen Staatsfernsehen.

Moskauer Patriarchat versucht, den Papst zu instrumentalisieren

Nach den bisherigen Erfahrungen muss dem Vatikan klar sein: Das Moskauer Patriarchat versucht erneut, den Papst zu instrumentalisieren. Das Ansehen der russischen Orthodoxie ist nämlich im freien Fall, seit Patriarch Kyrill sich öffentlich und wiederholt an die Seite Putins gestellt, den Angriffskrieg auf die Ukraine ideologisch gerechtfertigt und das Leid der Ukrainer ignoriert hat. Kyrill und sein Außenminister Hilarion haben sich zu weltanschaulichen Kombattanten der russischen Aggression gemacht. Innerhalb wie außerhalb der orthodoxen Kirchen hat sich das Moskauer Patriarchat damit unmöglich gemacht.

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Zweimal schon nahm Papst Franziskus das Risiko auf sich, von Kyrill instrumentalisiert zu werden. Die bisher einzige persönliche Begegnung zwischen ihnen kam auf Kuba durch umfassende päpstliche Zugeständnisse zustande: Ort, Zeitpunkt, Setting und Inhalte wurden in Moskau diktiert. Damals verwendete das Moskauer Patriarchat die Begegnung im innerorthodoxen Ringen als Waffe gegen den Ökumenischen Patriarchen, und auch die mit Rom unierten Ukrainer des byzantinischen Ritus fühlten sich mit Recht düpiert.

Der Papst verurteilt den Krieg aufs Schärfste

Noch dramatischer missbrauchte Moskau die Videokonferenz am 16. März, in der Papst Franziskus (assistiert von Kurienkardinal Kurt Koch) dem Moskauer Patriarchen (assistiert von Metropolit Hilarion) ins Gewissen zu reden versuchte – von Bischof zu Bischof, von Bruder zu Bruder. Trotz aller klaren Worte des Papstes versuchte Kyrill, Franziskus zu vereinnahmen. Es habe „ein hohes Maß an Einigkeit und Verständnis“ gegeben; man sei „nicht zu Feinden geworden“. Hatte Kyrill nicht verstanden, dass der Papst den Krieg aufs Schärfste verurteilt?

Jedenfalls versucht Kyrill, seinen Landsleuten, der weltweiten Orthodoxie und den Menschen in der Ukraine einzureden, dass er sich mit seiner Kriegs-Apologetik nicht isoliert hat, ja dass seine Kriegsrhetorik für den Vatikan kein ausreichender Grund ist, zu Moskau auf Distanz zu gehen. Diesem propagandistischen Ziel dienen nun Hilarions Bemühungen, ein Treffen zwischen Kyrill und Franziskus zustande zu bringen. Darauf sollte man in Rom nicht hereinfallen. Der Versuch des Papstes, den verwirrten Bruder in Moskau zum Umdenken und zur Umkehr zu bewegen, ist gescheitert. Jetzt muss der Papst ein klares Zeugnis geben: Rom steht in diesem Krieg auf der Seite der unschuldigen Opfer – nicht an der Seite der Aggressoren und ihrer Apologeten.

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