Die Sonntagslesung: Hingabe und Nachfolge

Zu den Lesungen des vierten Adventssonntags (Lesejahr B) von Harm Klueting

Sam 7, 1–5.8b–12.14a.16 Römer 16, 25–27; Lukas 1, 26–38

Die Ankündigung der Geburt Jesu überliefert nur Lukas. Das sind, wie die Weihnachtsgeschichte des Lukas, große Texte der Weltliteratur, vor allem aber Kleinodien unter den biblischen Dokumenten des Glaubens, die – besonders mit dem „Magnifikat“ Lukas 1, 46–55) aus dem Besuch bei Elisabet und dem „Benediktus“ (Lukas 1, 68–79) aus der Geburtsgeschichte des Täufers – die christliche Frömmigkeit durch die Jahrhunderte bereichert haben und auch heute noch bereichern. Das gilt auch für die Kunst. So besitzen die Museen viele Gemälde, mit denen große Maler vor allem des späten Mittelalters und der Renaissance uns vor Augen führen, wie der Erzengel Gabriel der Jungfrau Maria die Botschaft verkündet, dass sie bei Gott Gnade gefunden hat und – gezeugt vom Heiligen Geist – einen Sohn gebären wird, der Sohn des Höchsten heißen wird. Die Verkündigung Mariens ist – neben dem Jesuskind in der Krippe von Betlehem mit dazu gehörenden Vorgängen wie der Huldigung der Sterndeuter aus dem Osten, und neben der Kreuzigung – die in der Geschichte der Malerei am häufigsten dargestellte Szene aus dem Glauben der Christen – mit Recht! Denn was in dieser schier unglaublichen Geschichte geschieht, ist die Ankündigung der Menschwerdung Gottes, der Incarnatio. Und es ist die Ankündigung, dass Gott sich dazu keiner Königstochter, sondern eines unbekannten Mädchens aus einem Nest namens Nazaret bedienen wird.

Diese Bibelstelle findet seit Jahrhunderten das Interesse der Ausleger, die uns belehren, dass die Geschichte von der Ankündigung der Geburt Jesu an Maria in Parallele steht zu der Ankündigung der Geburt des Johannes an dessen Vater Zacharias. Die Ausleger weisen auf die Stellen im Alten Testament hin, an denen, ähnlich wie dem Zacharias, die wundersame Geburt eines Sohnes angekündigt wird: Genesis 17 und 18 die Geburt Isaaks durch Abrahams Frau Sara, die schon neunzig Jahre alt und unfruchtbar ist, oder Richter 13 die Geburt Simsons durch die unfruchtbare Frau des Manoach. Auch macht uns die Bibelwissenschaft darauf aufmerksam, dass von der Zeugung durch den Geist und von der Jungfrauengeburt nur an dieser Stelle im Lukasevangelium – und bei Matthäus (Matthäus 1, 18–23) – die Rede ist. Tatsächlich kennt das Markusevangelium die Geistzeugung und die Jungfrauengeburt nicht, während das Johannesevangelium von der Existenz des Gottessohnes vor aller Zeit – „Im Anfang“ (Johannes 1, 1) – spricht. Dazu passt, dass Paulus im Brief an die Galater (Galater 4, 4) die Mutter Jesu – in der lateinischen Bibel „Frau“ nennt. Die Bibelwissenschaft weist auf den Einfluss einer Stelle bei Jesaja (Jesaja 7, 14) auf die Verkündigungsgeschichte bei Lukas hin, wo es heißt: „Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären, und sie wird ihm den Namen Immanuel (Gott mit uns) geben“. Aber lassen wir die Bibelwissenschaft auf sich beruhen. Immerhin zeigt sie uns, wie wichtig die Geschichte der Verkündigung Mariens bei Lukas für unseren Glauben ist.

Zacharias, der Priester im Tempel zu Jerusalem, dem der Erzengel Gabriel die Geburt eines Sohnes verkündet, hat Zweifel: „Woran soll ich erkennen, dass das wahr ist? Ich bin ein alter Mann, und auch meine Frau ist in vorgerücktem Alter“ (Lukas 1, 18), so spricht er zu dem Engel. Ganz anders Maria! Auch sie hat zunächst Zweifel: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne.“ Darauf antwortet der Engel mit der Ankündigung der Zeugung durch den Heiligen Geist: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten.“ Der Engel lässt es nicht bei dieser für Maria und für die Gläubigen aller Zeiten so unglaublichen Ankündigung, sondern begründet sie mit dem Hinweis auf Elisabet, die Mutter des Täufers, für den Lukas zwar nicht von einer Geistzeugung spricht, wohl aber von wunderbaren Umständen: „Auch Elisabet, deine Verwandte, hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen; obwohl sie als unfruchtbar galt, ist sie jetzt schon im sechsten Monat“, verbunden mit dem entscheidenden Satz: „Denn für Gott ist nichts unmöglich“. Vielleicht ist es das, was Maria überzeugt, denn dann kommt das Wort der Jungfrau, das den großen Kontrast zu den Zweifeln des Zacharias bildet: „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast.“ Das ist Ausdruck glaubender Annahme und vollkommener Hingabe: „Dein Wille geschehe“ – „Fiat voluntas tua“ –, wie im Vaterunser. Die weibliche Form Magd des Herrn – lateinisch in der für Katholiken maßgeblichen lateinischen Bibel „ancilla Domini“ kommt, um noch einmal die Bibelwissenschaft zu befragen, in der ganzen Bibel nur an dieser Stelle vor. Auch das zeigt uns ihre einzigartige Bedeutung.

Und dann der zweite Teil dieser Antwort der Jungfrau: „Mir geschehe, wie du gesagt hast.“ Darin liegt vollkommene Hingabe an den Willen Gottes. Diese Hingabe ist Nachfolge – Nachfolge Christi. Von Hingabe und Nachfolge sprach auch eine große Heilige des 20. Jahrhunderts, Edith Stein. Nachfolge war für sie das Ernstnehmen der Bitte „Fiat voluntas tua“ – „Dein Wille geschehe“, welches zugleich das „non mea voluntas sed tua fiat“ – „Nicht mein Wille, sondern deiner geschehe“ – ist, mit dem Jesus sich in der dunklen Stunde des Gartens von Getsemani dem Willen des Vaters hingibt. Für Edith Stein muss dieses „Dein Wille geschehe“ in „seinem vollen Ausmaß Richtschnur des Christenlebens sein“.

In vielen Schriften Edith Steins ist von Nachfolge die Rede, auch in einer Ansprache zur Professfeier einer Schwester im Karmel im niederländischen Echt, wohin sie, die konvertierte Jüdin, Ende 1938 aus dem Kölner Karmel geflohen war. Im Sommer 1940 sagt sie in dieser Ansprache: „Und nun hören wir das zweite Wort der Jungfrau: ,Siehe, ich bin eine Magd des Herrn, Mir geschehe nach deinem Wort‘. Es ist der vollkommenste Ausdruck des ,Gehorsams‘. Gehorchen heißt, auf das Wort eines andern hören, um den eigenen Willen dem eines andern zu unterwerfen. Der vollkommenste Gehorsam ist der Gehorsam, der dem Allerhöchsten geleistet wird: die Unterordnung des eigenen Willens unter den göttlichen Willen. Und diesen vollkommenen Gehorsam übte die Jungfrau, da sie sich eine Magd des Herrn nannte und es in Wahrheit war: sich mit allen ihren Kräften für den Dienst des Herrn bereitstellen.“ „Ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe, wie du gesagt hast“ – mit diesem Wort wird die „ancilla Domini“, die Jungfrau und Gottesmutter zum Vorbild der Nachfolge Christi. Im 2. Samuelbuch hören wir von David, der um 1 000 v. Chr. König von Juda wurde. Sein Königspalast – ein „Haus aus Zedernholz“ – ist fertig. Jetzt will er für die „Lade Gottes“ oder die Bundeslade, die das Volk Israel nach dem Auszug aus Ägypten begleitet hatte und als Gottes Thron galt (Numeri 10, 35f.), die aber immer noch in einem Zelt steht, ein Haus errichten. Diese Absicht findet die Zustimmung des Propheten Natan. Aber Gott will kein Haus: „Du willst mir ein Haus bauen, damit ich darin wohne?“. Stattdessen verspricht Gott dem König David, ihm ein Haus zu erbauen – ein Versprechen, das an das Versprechen der Jungfrau Maria erinnert, die Magd des Herrn – dem „Sohn eine würdige Wohnung“, wie es im Tagesgebet zum Hochfest Mariä Empfängnis heißt – sein zu wollen. Gott lässt Natan sagen: „Nun verkündet dir der Herr, dass der Herr dir ein Haus bauen wird.“ Gemeint ist kein Haus aus Stein oder aus Zedernholz. Lateinisch „domus“ kann Haus als Bauwerk oder Haus als Dynastie meinen. Joseph, der Nährvater Jesu, stammt aus dem „Haus und Geschlecht Davids“ (Lukas 2, 4).

Und mehr noch: Gott verspricht dem David einen leiblichen Sohn, um seinem Königtum Bestand zu verleihen. Der Satz: „Ich will für ihn Vater sein, und er wird für mich Sohn sein“ bezieht sich zwar – wie der in der Lesung ausgelassene Satzteil „Wenn er sich verfehlt, werde ich ihn nach Menschenart mit Ruten und mit Schlägen züchtigen“ (2 Samuel 7, 14b) zeigt – auf Davids leiblichen Sohn und Nachfolger Salomo, wurde aber immer als Wurzel der Messiaserwartung verstanden und in der christlichen Auslegung auf Jesus, den „Sohn Davids“ (Matthäus 1, 1) und „Sohn des lebendigen Gottes“ (Matthäus 16, 16) bezogen. Wenn Gott nach 2 Samuel 7 kein Haus haben will, sondern dem David ein Haus und ein Königtum verheißt, das „auf ewig Bestand haben“ soll, so ist das letztlich der Tempel, von dem Jesus sagt, dass er ihn nach Abbruch des Tempels von Jerusalem „in drei Tagen wieder aufrichten“ werde, der „Tempel seines Leibes“ (Johannes 2, 19.21). Das ist gemeint mit den feierlichen Worten am Ende des Römerbriefes über die „Offenbarung jenes Geheimnisses, dass seit ewigen Zeiten unausgesprochen war“ im „Evangelium und der Botschaft von Jesus Christus“. Man kann es auch anders sagen: Dieses Geheimnis ist die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus.

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