Kirche

Der „Schott“ des 21. Jahrhunderts

Ein Volksmissale, das keine Wünsche offen lässt: Der „Ramm“ setzt Maßstäbe. Von Clemens Schlip
Faszinierende Formen und Texte des Mysteriums verstehen: Die alte Messe
Foto: KNA | Faszinierende Formen und Texte des Mysteriums verstehen: Die alte Messe – hier eine Aufnahme mit Leo Kardinal Burke in Herzogenrath – hat regen Zulauf unter jüngeren Gläubigen.

Katholiken, die die überlieferte Form der Heiligen Messe bevorzugen, sehen sich immer noch ungerechten Vorwürfen ausgesetzt. Einer der wichtigsten davon dürfte wohl der „Nostalgievorwurf“ sein. Nicht selten wird ihnen pauschal unterstellt, dass sie sich in eine vermeintlich heile katholische Welt vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil zurückträumen.

Gerade unter diesem Gesichtspunkt war es bedauerlich, dass als lateinisch-deutsches Volksmissale bis vor kurzem nur ein unveränderter Nachdruck des „Schott“ von 1962 erhältlich war. Dies konnte den Verdacht nahelegen, dass es sich bei der „Alten Messe“ eben doch nur um ein museales Relikt handelte.

Es ist deshalb zu begrüßen, dass 2015 ein neues lateinisch-deutsches Volksmissale erschien, das nun kaum zwei Jahre später in einer deutlich verbesserten dritten Auflage vorliegt. Erstellt hat es der durch zahlreiche geistliche Kleinschriften bekannte Pater Martin Ramm von der Priesterbruderschaft St. Petrus. Bei der neuen Auflage handelt es sich um eine Großdruckausgabe. Allein durch sein Erscheinen macht dieses Missale deutlich, dass die „Alte Messe“ vital in unserer Gegenwart existiert. Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass in der Publikation immer wieder positiv auf neuere lehramtliche Dokumente wie den Katechismus der Katholischen Kirche und das kanonische Recht von 1983 Bezug genommen wird.

Die kirchliche Druckerlaubnis erteilten der Generalobere der Priesterbruderschaft St. Petrus und der Churer Bischof Vitus Huonder. Dem Buch vorangestellt ist ein Grußwort des Sekretärs der päpstlichen Kommission „Ecclesia Dei“. Aufgenommen wurde auch das Motu Proprio „Summorum pontificum“, mit dem Benedikt XVI. im Jahr 2007 die Position des überlieferten Messritus' deutlich stärkte. Beide Dokumente erinnern implizit an den jahrzehntelangen Kampf um den Fortbestand der überlieferten römischen Liturgie, dessen – bei allen gelegentlichen Rückschlägen – im Ganzen doch staunenswerter Erfolg eine Publikation wie die vorliegende erst möglich machte. Gegenüber dem alten „Schott“ sind zahlreiche Verbesserungen festzustellen. Dazu gehören auch Kleinigkeiten, die aber die Verwendung des Buches erleichtern. So hat dieses Volksmissale gleich sechs Lesebändchen. Außerdem folgt zum Beispiel der „Wettersegen“, der in den Sommermonaten nach der Messe erteilt werden kann, hier direkt auf den Ordo Missae und die Schlussgebete, während man ihn im Schott weit entfernt davon suchen muss. Nicht nur an dieser Stelle bleibt einem lästiges Suchen und Herumblättern erspart. Der Ordo Missae selbst folgt hier erst auf den Abschluss des Kirchenjahres (24. Sonntag nach Pfingsten).

Die Ausgabe enthält sämtliche für die alten Messe zugelassenen Präfationen, das heißt auch die vom Advent, vom Allerheiligsten Altarsakrament, vom Kirchweihfest und von allen Heiligen und Patronen, die im Schott von 1962 nicht aufgeführt sind. Die Karfreitagsfürbitte für die Juden entspricht der von Benedikt XVI. vorgenommenen Änderung. Die „Heiligenfeste für bestimmte Orte“ bieten wesentlich mehr als der Schott. Man findet hier zum Beispiel das Fest „Patrona Bavariae“ oder am 3. Mai die „Auffindung des Heiligen Kreuzes“, die beide im Schott von 1962 nicht enthalten sind. Sehr lobenswert ist, dass das neue Volksmissale auch ein kleines Rituale enthält, also zum Beispiel auch bei Kindertaufen konsultiert werden kann.

Die Übersetzungen halten sich in Syntax und grammatikalischer Struktur insgesamt betrachtet strenger an die lateinischen Vorlagen als die im Schott. Diese größere Treue zum Ausgangstext gelingt, ohne dass dabei der deutschen Sprache Gewalt angetan wird. Man kann dem Übersetzer zu dieser Leistung nur gratulieren.

Besonders hervorzuheben ist eine gut 75 Seiten umfassende Einführung, die unter der Überschrift „Die Messe verstehen – Die Messe lieben“ den Ritus in seinem äußeren Ablauf und in seinem geistlichen Gehalt geradezu meisterlich erschließt.

Die Einführungstexte des Herausgebers zu den einzelnen liturgischen Tagen sind durchgängig präzise und informativ. Es überrascht allerdings, dass bei den „Heiligenfesten für bestimmte Orte“ solche einleitenden Informationen zur Biographie des jeweiligen Heiligen oder zur Bedeutung des Festtags gänzlich fehlen.

Die typographische Gestaltung ist sehr ansprechend und angemessen. Das Buch orientiert sich in vielen Details – etwa durch den durchgängigen rot-schwarzen Zweifarbendruck – an dem Erscheinungsbild eines „richtigen“ Missale. Auch Goldschnitt und schwarzer Rindsspaltledereinband tragen zu einem würdevollen Gesamteindruck bei. Das Volksmissale wirkt zudem so robust, wie man es sich bei einem Buch, das im Idealfall mehrere Jahrzehnte lang wöchentlich oder sogar täglich konsultiert werden soll, nur wünschen kann. Mit dem für die Ausgabe durchaus passend gewählten dünnen Bibelpapier hängt allerdings der größte Kritikpunkt an der vorliegenden Ausgabe zusammen. Die Schrift scheint auf vielen Seiten zu stark durch, auch im Vergleich mit ähnlichen Dünndruckbüchern. Das fällt besonders auf, wenn man rotgedruckte Passagen liest, denen auf der jeweiligen Rückseite schwarzgedruckte Kolumnen gegenüberstehen. Die Lesbarkeit der Texte ist davon allerdings zum Glück nirgends grundlegend beeinträchtigt. Dennoch kann man das Erscheinungsbild nicht völlig zufriedenstellend nennen.

Gegenüber dem Schott von 1962 fällt das Fehlen von Illustrationen auf, die dort zumindest in einfacher Form zum Beispiel einigen Hochfesten vorangestellt waren. Das könnte vielleicht eine Anregung für spätere Auflagen sein.

Die „Tafel der beweglichen Feste“ reicht in der dritten Auflage des neuen Volksmissale vom Jahr 2018 bis 2056. Wie die katholische Kirche im deutschsprachigen Raum im Jahr 2056 genau aussehen wird, das kann heute niemand wissen. Sollte sie dann noch existieren, wird die überlieferte Liturgie jedenfalls sicher ihren Platz in ihr haben (hoffentlich einen besseren als heute). Der Rezensent hält es für sehr wahrscheinlich, dass sich spätestens bis dahin das neue Volksmissale gegenüber seinen Vorgängern durchgesetzt haben wird. Der „Ramm“ wird für das 21. Jahrhundert das sein, was der „Schott“ für das 20. Jahrhundert gewesen ist.

Michael Ramm FSSP: Volksmissale. Das vollständige römische Messbuch nach der Ordnung von 1962, lateinisch/deutsch. Dritte Auflage (Großdruck), gebunden, Thalwil 2017, circa 2000 Seiten; ISBN 978-3-9524756-1-4 (Großdruck)

Bestelladresse: Verlag St. Petrus GmbH, Kirchstraße 16, 88145 Opfenbach, bestellung@petrusverlag.de, Tel. 08385/92210, EUR 70,–

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