Der Erlöser im Fokus

Zur Entstehung und Geschichte des Christusbildes in Ost und West. Von Barbara Stühlmeyer
Heiliges Grabtuch
Foto: dpa | Faszinierend: Das Turiner Grabtuch mit dem Antlitz des Gekreuzigten.

Bilder Jesu Christi tauchen in der Geschichte des Christentums ungeachtet der Skepsis der jüdischen Mitglieder der Gemeinde, denen die Darstellung Jesu aufgrund des alttestamentlichen Bilderverbotes zutiefst suspekt war, schon relativ früh auf. Die Fresken, beispielsweise in den römischen Katakomben, folgen zunächst gängigen Topoi wie etwa dem Bild des antiken Gottes Hermes, der, als Hirte gemalt, das Vorbild für die Bilder von Jesus als dem guten Hirten bilden. Von einem bestimmten Zeitpunkt an nehmen die Jesusbilder jedoch eine bemerkenswert einheitliche Form an. Und dafür gibt es gute Gründe. Denn die in den Ikonen besonders konzentriert präsentierte Form des Jesusbildes hat einige wenige Vorlagen, deren Übereinstimmung nach der Überzeugung einiger Gläubiger und Wissenschaftler darauf hindeutet, dass sie wirklich das Antlitz Jesu Christi zeigen.

Das Grabtuch von Turin und der Schleier von Manoppello sind nur zwei Beispiele für nicht von Menschenhand gemachte Bilder, deren Übereinstimmung miteinander und mit der ostkirchlichen Ikonentradition sowie zahlreichen westlichen Darstellungen wie dem Gerokreuz diese Vermutung nahelegen.

Die Forschung zu diesem Thema füllt inzwischen Bände, darunter auch den vorliegenden, mit 880 Seiten sehr umfangreichen, im Echter Verlag erschienenen, in dem die Vorträge zweier Tagungen zusammengefasst sind, die sich, vom Ostkirchlichen Institut der Universität Würzburg und von der Wiener Katholischen Akademie organisiert, 2014 und 2015 in Würzburg und Wien dem Thema widmeten.

Ideengeber der Veranstaltungen und einer der Herausgeber des lesenswerten Buches ist Karlheinz Dietz, der bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten die Geschichte der Jesusbilder erforscht. Das Spektrum der Autoren mit ihren Forschungsstandorten in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Russland, Italien und den Niederlanden ist ebenso breit gefächert wie die Zugänge, die die einzelnen Wissenschaftler gewählt haben. Gemäß ihrer jeweiligen Profession nähern sie sich den Christusbildern von den Standpunkten des alt- oder neutestamentlichen Exegeten, des Patristikers, Syrologen, Slavisten, Byzantinisten, Ikonenspezialisten, Historikers, Kunst-, Rechts-, Textil-, Liturgie- und Musikwissenschaftlers an. Die überwiegend in Deutsch, zum Teil in Englisch, Französisch und Italienisch verfassten Beiträge zeigen die ganze Bandbreite der unterschiedlichen Herangehensweisen an diese facettenreiche Thematik. Die Reflektion des Übergangs vom alttestamentlichen Bilderverbot durch Christoph Dohmen und der visuellen Elemente frühchristlicher Liturgie durch Stefan Heid bilden den Beginn des ersten Teiles der umfangreichen Studie, der die in Würzburg gehaltenen Vorträge zusammenfasst. Er beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Herkunft und Ursprung des Christusbildes in Ost und West. In dem Bewusstsein, dass in der Fülle der vorhandenen Literatur zum Thema Christusbild die Archeiopoieten im Allgemeinen und deren Beziehung zum Grabtuch von Turin im Besonderen noch einer vertiefenden Behandlung bedürfen, widmete sich die zweite Tagung dann dem Thema „Spuren vom Heiligen Antlitz: Sindon, Sudarium, Mandylion, Veronika und Volto Santo“. Peter Bruhns informiert über die Geschichte von König Abgar und das Christusbild, Gregor Emmenegger erforscht die Verwendung des Abgarbriefes in koptischen Amuletten, Josef Rist stellt das Bild von Kamuliana und seine Bedeutung dar und der Beitrag von Hans Georg Thümmel spannt einen Bogen von den Christusbildern in Byzanz vom 6. Jahrhundert bis zum Ende des Bilderstreits. Erhellend ist der Vergleich dieser Beiträge mit den Überlieferungsgeschichten des Christusbildes aus Edessa, dem armenischen und slawischen Raum und der Sainte Chapelle durch Andrew Palmer, Christian Hannick, Jadranka Prolovic und Jannic Durand.

Rainer Diesel geht in den ersten drei nachchristlichen Jahrhunderten auf Spurensuche und zeichnet den möglichen Weg des Grabtuches Jesu nach. Elisabeth Meier fokussiert die Verehrung der Veronika im 19. Jahrhundert und Ilaria L. E. Ramelli macht nachvollziehbar, wie sich das Jesusbild aus der Entwicklung der Abgarlegende entwickelte.

Eine weitere Gruppe von Beiträgen widmet sich dem Turiner Grabtuch und dem Mandylion sowie deren möglicher Verbindungen und gemeinsamer Überlieferung. Besonders lesenswert wird das Buch durch die fachübergreifende Forschung. So werfen die byzantinischen Hymnen über das Mandylion, die Crolina Lutzka beleuchtet, ein ganz eigenes Licht auf dessen Verehrungsgeschichte, ebenso, wie die Hymnen des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit den Lesern die liturgischen Feiern zur Verehrung des Grabtuchs und der Veronika, über die Alexander Rausch berichtet, näherbringen.

Ob und inwiefern der Schleier der Veronika und das Antlitz von Manopello miteinander in Verbindung stehen, untersucht Robert Falcinelli, während Erwin Pokorny die Technik der Tüchermalerei mit dem Schleier von Manopello in Beziehung setzt und Mechthild Flury Lemberg sich aus fachlicher Sicht zum Material äußert und so eine von Paul Badde vertretene These widerlegt.

Die Autoren sind durchweg renommierte Fachleute auf ihrem Gebiet und die Lektüre ihrer Beiträge ist spannend und erhellend. Sie zeigt, wie intensiv sich Gläubige, Künstler und Wissenschaftler über die Jahrhunderte mit Jesus Christus auseinandergesetzt haben, in dem Gott für uns ein Angesicht bekommen hat. Ihre Beiträge machen zugleich deutlich, dass man von verschiedenen Blickwinkeln aus ausgezeichnet informieren kann, der Glaube aber dennoch ein Schritt ist, den jeder Einzelne für sich gehen darf und der sich nicht zwangsläufig aus einer schlüssigen Beweiskette ergibt. Darum ist es auch nicht tragisch, wenn die Forscher hier und da unterschiedliche Meinungen vertreten. Das Grabtuch von Turin, der Schleier von Manopello und die vielen anderen Bilder Jesu Christi, die aus der Betrachtung dieser geheimnisvollen Fenster in eine andere Wirklichkeit hervorgegangen sind, sollten vielmehr als Wegweiser verstanden werden, die eine Erfahrungsebene aufschließen, die jene der Bilder übersteigt, weil die persönliche Begegnung mit Jesus Christus durch keine Abbildung vollständig darstellbar ist.

Karlheinz Dietz, Christian Hannick, Carolina Lutzka, Elisabeth Maier (Hrsg.):

Das Christusbild: Zur Herkunft und Entwicklung in Ost und West. Echter, Würzburg, 2016, 880 Seiten,

ISBN 978-3-429-04-199-1, EUR 69,–

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