Aus den Zeitschriften

Papst Franziskus hält es für geboten, dass die fünfte Bitte des Vaterunsers „und führe uns nicht in Versuchung“ künftig, nach dem Beispiel der französischen Bischofskonferenz, mit „lass uns nicht eintreten in die Versuchung” übersetzt wird.
Aus den Zeitschriften

Papst Franziskus hält es für geboten, dass die fünfte Bitte des Vaterunsers „und führe uns nicht in Versuchung“ künftig, nach dem Beispiel der französischen Bischofskonferenz, mit „lass uns nicht eintreten in die Versuchung” übersetzt wird. Eckart Nordhofen nennt dies in den Stimmen der Zeit (2/2018 Verlag Herder Freiburg) eine „abwegige Idee“. Seine Begründung verdient Beachtung. Nordhofen stellt fest, dass Abraham mit der Aufforderung Gottes, seinen Sohn Isaak als Brandopfer darzubringen, „auf die Probe gestellt“ wurde. Diese „erdachte Lehrperformance“ wird nun mit Bezug auf die Gottesnamen Elohim und Jahwe gedeutet. Dadurch, dass Jahwe sich mit Elohim identifiziere, werde ausgesagt: „Gott bleibt unkalkulierbar“. Fazit: „Der rätsellos liebe Gott, zu dem Franziskus fortan beten lassen will, ist er jetzt nur noch lieb? Was war mit Jesus am Kreuz, der den Psalm der Gottverlassenen betete?“ Seinen eigenen Vorschlag hinsichtlich der fünften Bitte leitet der Verfasser aus der These ab, dass jede Bitte des Vaterunsers auf die vorangegangene antworte. In der vierten Bitte gehe es – richtig übersetzt – um das „himmlische“ Brot, worauf sich dann die fünfte Bitte beziehe: „Führe uns (die wir dein himmlisches Brot gegessen haben, dadurch) nicht in die Versuchung, unseren eigenen Willen mit dem deinigen gleichzusetzen.“ Diese Versuchung der Glaubenden habe mit einem „tückischen Versuchergott“ nichts zu tun. Somit schlägt Nordhofen vor, die fünfte Bitte unverändert zu lassen, aber die Brotbitte dahingehend zu berichtigen, dass wir um das „himmlische“, statt um das „tägliche Brot“ bitten.

In der Herder Korrespondenz (2/2018 Verlag Herder Freiburg) spricht sich der Liturgiewissenschaftler Clemens Leonhard generell dafür aus. „Texte“ in der Liturgie zu ändern, wenn sie für die Beter „mit guten Gründen unerträgliche Inhalte haben“. Mit Fragen der wortgetreuen Übersetzung hält der Verfasser sich nicht auf, als guter Grund genügt die „persönliche Ablehnung“, die dazu führe, sich „dieser Gruppe“ nicht mehr zugehörig zu fühlen. Bereits dann sei der „Preis für die Bewahrung des üblichen Textes zu hoch“. Als einzig sachlich-theologisches Argument wird der Jakobusbrief genannt: „Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt. Denn Gott lässt sich nicht zum Bösen versuchen, er führt aber auch selbst niemanden in Versuchung“ (1, 13).

Über Papst Franziskus hinausgehend will der Verfasser eine Streichung der Bitte: „Man kann den gedanklichen Hintergrund eines zynischen Gottes, der die Menschen durchtestet, um untaugliche auszuscheiden, abschwächen: ,und bewahre uns in der Versuchung‘. Ob Gott die Beterinnen und Beter aktiv in Versuchung führt oder bloß untätig zusieht, wie sie sich am Rand des Scheiterns damit abkämpfen, sind Nuancen eines Problems …“. Schließlich folgen noch ein exegetisches Argument, das Vaterunser sei ein Privatgebet, und ein liturgiegeschichtliches, das Vaterunser – „inhaltlich als Tischgebet ungeeignet“ – sei erst im vierten Jahrhundert wegen der Bitte um Sündenvergebung in die Messfeier aufgenommen worden, der Rest sei darum „inhaltlich irrelevant“. Im liturgischen Kontext habe die fünfte Bitte als solche keine Funktion.

Wie Nordhofen hält Leonhard die deutsche Fassung der Brotbitte für falsch übersetzt, macht aber keinen Verbesserungsvorschlag, sondern nennt sie „in keinem Gebetskontext sinnvoll“. Die korrekte Übersetzung spielt im Falle der Versuchungsbitte keine Rolle, es genügt, dass sie in den Augen des Verfassers „theologisch überholt” ist. Im Falle der Brotbitte wird eine „missverständliche“ Übersetzung ohne Verbesserung angekreidet und in beiden Fällen die Streichung angeraten. Legitimiert wird dies mit dem Hinweis: „Eine Änderung des Vaterunsers wäre im Blick auf die Liturgiegeschichte unauffällig“, zumal es in den ersten christlichen Jahrhunderten üblich gewesen sei, „Gebete, vor allem Vorstehergebete, zu improvisieren“. Orientierung gibt der Philosoph Jörg Splett mit seiner Definition von Versuchung: „Jemand in eine Lage bringen, in der sich ein Nein = Versagen nahelegt“.

Splett unterscheidet zwei Formen von Versuchung, die sich in ihrem Wozu unterscheiden. In der ersten Form besteht die Absicht, das Opfer scheitern zu lassen. Dass dies Gott nicht wollen kann, betont der Jakobusbrief. In der zweiten Form gehe es darum, „jemand über sich hinauszuführen“. Als Beispiel dient die Opferung des Isaak: Abraham wird „zu einer Hoffnungsgewissheit ,wider Hoffnung‘ geführt“, die darin besteht, „dass Gott ihm in dem (jetzt zu opfernden) Sohn verheißungsgemäß Nachkommen schenken werde wie Sterne am Himmel und Sand am Meer“. Die Versuchung besteht in dem „Ruf auf eine neue Stufe des Gottesbezugs“. Wichtig ist Spletts Hinweis, dass eine Versuchung noch keine Sünde ist. Während die Deutung der Opferung Isaaks von Nordhofen eine Abgründigkeit Gottes behauptet, macht Splett deutlich, dass es im Gegenteil um das Festhalten im Glauben an der unerschütterlichen Treue Gottes zu seiner Verheißung geht. Auch der Kreuzestod werde, so Splett, falsch verstanden, wenn er als Glaubensverlust Jesu gedeutet werde: Wenn Jesu Aufschrei am Kreuz „als Schrei ungläubiger Verzweiflung“ gesehen werde, könne er nicht „Urheber und Vollender des Glaubens“ (Hebräer 12, 2) sein. Zu behaupten, dass Jesus „den Ungläubigen ein Ungläubiger geworden“ sei, nennt er eine „vereinnahmende Herabsetzung Christi“. Versuchung, Zweifel und Anfechtung offenbaren unsre „Kleingläubigkeit“: „Wem ich glaube, sollte ich eigentlich wissen; was ich tatsächlich nicht weiß, ist, ob ich ihm glaube.“

In Welt und Umwelt der Bibel (1/2018 Katholisches Bibelwerk Stuttgart) deutet der belgische Neutestamentler Regis Burnet in der Reihe „Die Bibel in berühmten Gemälden“ die Opferung Isaaks von Rembrandt (1625). Leider geht der Verfasser in seiner Deutung kaum über den Hinweis auf die Abweisung des Menschenopfers hinaus. Warum ausgerechnet ein Neutestamentler die Auslegung des Römerbriefs und des Hebräerbriefs ignoriert, bleibt unverständlich. Lohnend ist dagegen die Lektüre der umfassenden Darstellung des heutigen Stands der Erforschung der zwischen 1947 und 1956 in elf Höhlen der Wüste Juda in der Nähe der Siedlung von Qumran gefundenen Manuskripte (um die 40 000 Textfragmente). Zahlreiche Experten gehen den Fragen nach, ob die Siedlung von Oumran etwas mit den Manuskripten zu tun hat, wer die Texte verfasst hat und ob es überhaupt eine Gemeinschaft von Qumran gegeben hat. Für einen Überblick über den aktuellen Wissensstand zur Qumranforschung ist das Heft zu empfehlen. Michael Karger

Weitere Artikel
Die Erneuerung der Kirche geschieht durch die einfachen Menschen. Gebet nach einer Zeit der Gottvergessenheit führt zu einem neuer Glaubenskraft. Die Bibel berichtet immer wieder davon.
13.07.2022, 07  Uhr
Maximilian Mattner
Wer die gebrochene, zum Bösen geneigte Natur des Menschen leugnen will, hat nicht alle fünf Sinne beisammen. Doch genau deswegen gab Gott seinen Sohn hin, um die Sünde der Welt zu überwinden.
25.07.2022, 07  Uhr
Sebastian Moll
Themen & Autoren
Bischofskonferenz Jesus Christus Papst Franziskus Psalmen Rembrandt Harmensz van Rijn Vaterunser Verlagshäuser

Kirche

Beeindruckendes Buch: Andreas Sturm beschreibt seinen Weg zum Austritt aus der katholischen Kirche mit schonungsloser Ehrlichkeit. Ein Spiegel der Kirche unserer Tage.
06.08.2022, 07 Uhr
Peter Winnemöller
Die Mehrheit der Katholiken ist gegen sie. Die Abgabe ist längst nicht mehr zeitgemäß und schon gar nicht zukunftsfähig. Die jüngste Umfrage ist nur ein Warnschuss.
05.08.2022, 11 Uhr
Peter Winnemöller