Zwischen Wunder und Pragmatismus

Überraschungen bei Restaurierungsarbeiten in der Jerusalemer Grabeskirche. Von Johannes Schidelko
Foto: KNA | Jerusalems spannendste Baustelle liegt in der Grabeskirche.

Jerusalem (DT/KNA) Ein architektonischer Schandfleck und Anachronismus im Zeitalter der Ökumene soll bald der Vergangenheit angehören: Die marode und seit 70 Jahren von Stahlträgern zusammengehaltene Kapelle über dem Grab Christi in Jerusalem wird restauriert. In einer Geheimaktion einigten sich die Leiter der drei verantwortlichen Konfessionen der Grabeskirche – Griechisch-Orthodoxe, Armenier und Katholiken (vertreten durch die Franziskaner) – Ende März auf die überfällige Renovierung einer der heiligsten Stätten der Christenheit.

Seit Mai sind die Arbeiten im Gange, sie dürften noch bis weit ins nächste Jahr hinein dauern. Im oberen Teil strahlt jedoch bereits jetzt der zuvor fast schwarze Stein in hellen Beige-Tönen. Die lärmenden Arbeiten mit Presslufthammer und Steinsäge sind weitgehend auf die Nachtstunden verlegt. Die Liturgien und der Pilgerbetrieb sollen möglichst wenig beeinträchtigt werden. Dennoch wird es auch tagsüber laut, wenn der Bautrupp der griechischen Firma hinter hohen weißen Absperrwänden hämmert, klopft, schabt und schleift. Meter für Meter werden die Steine und Platten abgenommen. In einem auf der Empore errichteten Laboratorium werden sie untersucht, gereinigt, ausgebessert und gegebenenfalls ersetzt.

Die Kirchenführer haben sich auf eine konservative Restaurierung des 8, 30 mal 5, 90 Meter großen und 5, 90 Meter hohen Baus verständigt. Die Ädikula über dem Heiligen Grab solle nicht verändert werden, sie müsse hinterher genauso aussehen wie bisher: also wie die Kapelle, die nach dem verheerenden Brand von 1808 von den Griechen im Stil des osmanischen Barock mit einem russischen Zwiebelturm errichtet wurde. Und freilich muss die Statik stimmen – eventuell mit einer Titan-Verstärkung –, um die Sicherheit der täglich tausenden Pilger zu gewährleisten.

Allerdings sind die Arbeiten umfangreicher als zunächst angenommen. Die Architekten und Bauleute von 1810 begingen Fehler und verwendeten falsche Materialien. Dann griffen der Ruß von Kerzen und Weihrauch den Stein an, ständig brannten Kerzen direkt an der südlichen Außenmauer – und kippten regelmäßig um. Mehrere kleine Erdstöße schadeten der Stabilität. Schließlich machten die hohe Bodenfeuchtigkeit in der Jerusalemer Altstadt und Abgase den Marmor porös. Nicht zu übersehen sind auch die Folgen des Pilgertourismus, die Ausdünstungen durch menschlichen Atem und Schweiß – gerade im Innern der Grabkammer. Aber es war schon eine Sensation, dass sich die Konfessionen des Gotteshauses über der Kreuzigungs- und Grabstätte Christi überhaupt auf eine Renovierung verständigen konnten. Dies galt als nahezu unmöglich, denn seit 1852 regelt ein „Status quo“ das oft schwierige Nebeneinander der christlichen Gemeinschaften in der Grabeskirche. Sein Prinzip: Der damalige Stand, die Besitzrechte und -pflichten sowie die räumliche und zeitliche Nutzung der verschiedenen Stätten und Gebäudeteile wurden eingefroren und dürfen nicht verändert werden.

Ob das Restaurierungsabkommen tatsächlich ein Wunder war – wie der griechische Patriarch Theophilos meinte – oder ein der Not geschuldeter Pragmatismus, sei dahingestellt. Sicherlich sind die jetzt zuständigen Kirchenleiter flexibler und offener als ihre Vorgänger. Allerdings reagierten auch sie letztlich auf äußeren Druck: Im Februar 2015 erschien unangemeldet die israelische Polizei in der Grabeskirche und sperrte die Grabkapelle für Kleriker und Pilger – wegen Gefahr durch die instabilen Strukturen. Nach Protesten der sofort herbeigeeilten Kirchenoberen wurde die Sperre nach vier Stunden wieder aufgehoben. Aber hinter verschlossenen Türen begannen Sondierungen und Absprachen – die dreizehn Monate später zu dem Bauprojekt führten. Das griechische Team unter Leitung von Antonia Moropoulou von der Technischen Universität Athen behebt nicht nur Schäden. Ihnen bietet sich auch die einmalige Chance zur Erforschung der Grabkapelle mit ihrer spannenden Geschichte.

Seit Kaiser Konstantin an der von der Ortskirche überlieferten Stelle des Grabes Christi eine Basilika errichtete, wurde das Gotteshaus samt Grabmonument mehrfach zerstört und wieder aufgebaut. Dabei wurden über dem Heiligen Grab offenbar immer neue Schichten konstruiert. Nach dem Zwiebel-Prinzip legte man neue Platten über bestehendes Material, wie die jetzigen Arbeiten zeigten. Eine große Überraschung erlebten die Restauratoren, als in diesen Tagen unter den Platten auf der Südseite der gewachsene Fels zutage trat. Offenbar der Fels, den Konstantin stehen ließ, als er sein erstes Monument über dem vermeintlichen Grab des Josef von Arimathäa schuf. Bislang vermutete man, bei der Zerstörung im Jahr 1009 habe Kalif al-Hakim das Heilige Grab dem Erdboden gleichgemacht. Nach der geltenden Vereinbarung muss dieses mögliche Originalteil des antiken Grabes wieder unter Marmorplatten verschwinden, um die Rotunde im bisherigen osmanischen Barock wiederherzustellen. Vielleicht aber modifizieren die drei Kirchenführer doch noch einmal ihren Plan und lassen diesen Teil sichtbar – hinter Glas. Das wäre in der Tat ein weiteres „Wunder“.

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