Zwischen Ordensleben und Weltpriestertum

Eine neuer Sammelband über den heiligen Philipp Neri und sein Oratorium. Von Urs Buhlmann

Ohne Zweifel zählte er zu den herausragenden Persönlichkeiten einer Epoche, die an herausragenden Persönlichkeiten nicht arm war. Philipp Neri lebte und wirkte im Rom der Renaissance. Große Bauten, die das Bild der Ewigen Stadt bis heute prägen, wurden im 16. Jahrhundert, in das die Lebenszeit des in Florenz geborenen Hl. Philipp fällt (1515–1595), begonnen. Hier hinein fällt auch der Beginn jenes Projektes, das als katholische Reform bekannt geworden ist und das das Schifflein Petri nach den aufwühlenden Ereignissen der Reformation wieder in ruhigere Fahrwasser lenkte. Die vielen Heiligen, die sich damals in Rom geradezu drängten, wurden durch die von ihnen gegründeten neuen Orden zu wesentlichen Werkzeugen der Glaubenserneuerung. Philipp Neri fügte dieser ruhmreichen Reihe mit seinem „Oratorium“ eine Zwischenform hinzu, die Elemente des Ordenslebens aufnahm, dessen prägendes Kennzeichen, die Gelübde, aber nicht kennt.

Der Wiener Oratorianer Paul Bernhard Wodrazka hat sich in den vergangenen Jahren durch mehrere Veröffentlichungen zum heiligen Philipp zum Experten für die Geschichte seiner Kongregation entwickelt. Sein neues Buch stellt nun weniger den heiligen Gründer in den Mittelpunkt, sondern will die Gemeinschaft der Oratorianer vorstellen. Das ist deswegen eine lohnende und auch notwendige Aufgabe, weil der Begriff Oratorium ja bis heute eine Vielzahl von ganz unterschiedlichen Realitäten meint und erfasst, je nachdem, ob er kirchengeschichtlich, bauhistorisch oder musikwissenschaftlich angewandt wird.

Wichtige Grundlagen legt die Historikerin Elisabeth Garms mit einem Artikel über das Rom zur Zeit des heiligen Philipp. Es schließt sich an die bereits mehrfach mit „philippinischen“ Themen hervorgetretene Theologin Ulrike Wick-Alda, die die Biographie Philipps vorstellt. Man erfährt, dass der zunächst als Philosophie-Student nach Rom gekommene Sohn eines verarmten Notars einer der ersten war, der die bis daher eher als Schreckorte verschrienen Katakomben besuchte. Philipp, zu dessen geistlichen Prägungen auch die Beschäftigung mit den Wüstenvätern zählte, empfing in einer dieser Katakomben 1544 eine Stärkung durch den Hl. Geist, den Anruf, jetzt ernst zu machen mit einem Leben aus dem Evangelium. Sieben Jahre später sollte dies zu seiner Priesterweihe als Spätberufener führen. Drei Elemente spielten künftig in seinem Leben eine Rolle, die man den eremitischen, den caritativen und den apostolischen Anteil nennen könnte. Wie sie am besten miteinander auszubalancieren wären, beschäftigte den zunächst in einer losen Priestergemeinschaft Wohnenden. Seit dem Jahr seiner Weihe hatte er einen Kreis von meist Jüngeren um sich, die, wie er selber, auf der Suche nach geistlicher Unterweisung und einer sinnvollen Lebensstruktur waren. Daraus entstand, in drei aufeinanderfolgenden Stadien, das Oratorium. Der Austausch über die Hl. Schrift, wohl in etwa vergleichbar dem heutigen Bibelteilen, aber ergänzt durch den Kommentar geistlicher Autoren, bildete den Ausgangspunkt. Weil der Kreis sich bald ausweitete, nutzte man den Speicher oberhalb eines Kirchenraumes als neuen Aufenthaltsort – von Philipp als Oratorium bezeichnet und baulich dazu adaptiert. Der bisher ganz familiäre Rahmen wurde verlassen und ein System von Vorträgen eingeführt, die immer auch kirchengeschichtliche Themen umfassten. Dazu traten der Gesang geistlicher Lieder und Gebete zum Schluss. Die dritte Phase mit noch einmal mehr Teilnehmern, Jungen und Alten, Niedrig- und Hochgestellten, setzte nach dem Umzug in die der Gruppe übergebene Kirche S. Maria in Vallicella, der heutigen Chiesa Nuova, der Mutter- und Hauptkirche des Oratoriums, ein. Die Priester, die sich Philipp angeschlossen hatten, hielten nun abwechselnd Vorträge und Predigten und es wurde auf hohem Niveau musiziert und gesungen – der Anfang des Oratoriums als musikalischer Gattung. Weil nach wie vor aber auch Laien sich mit Beiträgen beteiligten, kam es zu Verleumdungen, die sich erst legten, als deutlich wurde, dass der Rahmen des theologisch Erlaubten nie überschritten wurde. Das offizielle Zeichen der Anerkennung stellte die Errichtung der „Kongregation des Oratoriums“ durch Papst Gregor XIII. im Jahre 1575 dar. Damit war eine Neugründung vollzogen, die sich von der äußeren Form her noch stark an die in Rom zahlreichen Bruderschaften anlehnte, aber bereits ihre eigene Methode gefunden hatte. In einer Zeit, in der dies noch nicht die Regel war, ermahnte Philipp die mit ihm lebenden Priester eindrücklich zur täglichen Messe, die von ihm in einer sehr emotionalen, häufig durch Ekstase unterbrochenen Weise zelebriert wurde. Man zeigt sich in der Hauptkirche der Oratorianer noch heute einen Kelch, in den der Heilige gebissen haben muss.

Allmählich bildeten sich die spezifischen Elemente für die Leitung des von ihm geforderten und geförderten priesterlichen Zusammenlebens heraus, ungeachtet der Tatsache, dass auch Laienbrüder zum Oratorium stoßen durften und dass die Anbindung der nicht zum klerikalen Stand Gehörenden über das sogenannte „Kleine Oratorium“ eng und vertrauensvoll blieb. Herausgeber Wodrazka informiert umfassend über die Struktur- und Organisationsfragen des Oratoriums. Dieses habe eine doppelte Aufgabe: Mit Hilfe der erwähnten Methode sich den Laien-Mitgliedern zu widmen und sie auf jede denkbare Weise priesterlich zu betreuen, besonders durch die Spendung des Beichtsakraments, das immer einen besonderen Stellenwert in der Tätigkeit eines Oratorianer-Priesters eingenommen hat. Sodann sei die vorbildliche Ausübung des Priesteramtes selbst ein Schwerpunkt in der Wirksamkeit eines Oratoriums. Es sei Absicht des Hl. Philipp gewesen, den Weltklerus zu erneuern; die Priester des Oratoriums sollten ihnen als Vorbilder dienen. Kein geringer Anspruch also, der durch den bei den Seinen verbreiteten Satz: Zum Oratorianer-Priester wird man geboren, noch einmal eingeschärft wird. Dabei legte der hl. Gründer großen Wert darauf, dass die Mitglieder seines Instituts keine Ordenspriester sind, sondern gemeinschaftlich lebende Weltpriester, die allein durch ein Band der Liebe miteinander verbunden sind. Der Verzicht auf die Gelübde – der unter anderem auch dazu führt, dass die Mitglieder des Oratoriums ihr Privateigentum behalten dürfen – werde durch den festen Vorsatz ersetzt, bis zum Tod in der Gemeinschaft zu bleiben, aber in einer jeden Tag neuen und freiwilligen Hingabe. Die Gesamtgemeinschaft ist als Bund unabhängiger Häuser organisiert. Sie hat keinen Generaloberen, sondern lediglich einen Visitator, der die einzelnen Häuser der Reihe nach besucht. Ein wichtiges Instrument zur Stärkung der Identität sind die alle sechs Jahre in Rom stattfindenden Generalkongresse, zu denen die Oberen der einzelnen Häuser und weitere Delegierte anreisen. Zurzeit gibt es weltweit über 80 Häuser mit rund 570 Mitgliedern. Die Eigenart des Oratoriums als Nicht-Orden und nicht zentral geführte Gemeinschaft macht es in besonderer Weise verwundbar bei politischen oder auch wirtschaftlichen Problemen im jeweiligen Land: Ist ein Haus einmal aufgehoben, gibt es keine externen Hebel, das Grundeigentum zu reklamieren. Es ist also ein in jeder Beziehung anspruchsvolles Projekt, das Philipp ins Leben gerufen hat und das vor allem auf besonders geeigneten und dafür motivierten Priester-Persönlichkeiten beruht. Zu diesen zählte der seliggesprochene John Henry Kardinal Newman, der zu den Mitgründern des Oratoriums auf der britischen Insel gehörte. Er nannte zwei Voraussetzungen für eine genuin oratorianische Berufung: Eine große Fröhlichkeit nach dem Vorbild des heiligen Gründers, der als Apostel der Freude bekannt war. Auch wünscht Newman eine gewisse „Gentlemanlikeness“, worunter er ein großes Taktgefühl, ein feines Gespür für die Eigenart des Nächsten, ein herzliches, aber nicht aufdringliches Auftreten versteht. Es ist dies ein geistlicher Weg, der, gemessen an der eher geringen Zahl der Oratorianer, viele Selige und Heilige hervorgebracht hat. Auch sie werden in dem Band, der des weiteren auch eine Reihe schwer auffindbarer rechtlicher und liturgischer Dokumente enthält, vorgestellt. Pater Wodrazka und seine Mitstreiter haben ein spannendes Werk vorgelegt, das spirituell verdichtete Einblicke in ein einzigartig dastehendes Institut der Kirche ebenso gewährt wie auf den zweiten Apostel Roms.

Paul Bernhard Wodrazka (Hrsg.), Philipp Neri und das Oratorium. Die Attraktivität seiner Botschaft, Verlag nova et vetera, Bonn 2012, 329 Seiten, ISBN 978-3-936741-29-2, EUR 32,–

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