Kirche

Zwischen Abwehr und Missionsauftrag

Das Buch „Einfach nur Jesus?“ zeigt eine kaum mehr rationale Kritik am „Mission Manifest“. Dabei fehlt den Autoren der Blick auf eine alternative Sicht der Dinge. Von Martin Brüske
"Mission Manifest" - Zwischen Abwehr und Missionsauftrag
Foto: Winkler | Mit dem „Mission Manifest“ haben die Autoren affektive Abwehrreaktionen ausgelöst.

Als „Mission Manifest“ im Januar dieses Jahres erschien, war schnell klar, dass dieses Buch, seine Thesen und die Wirklichkeit christlichen Lebens, die damit in den Fokus der Aufmerksamkeit der kirchlichen Öffentlichkeit geriet, polarisieren würden. Begeisterte Zustimmung wie aggressive, letztlich auf Vernichtung zielende Kritik waren sofort auf dem Plan. Obwohl es selbst gänzlich ohne Aggressivität daher kommt, löste es heftigste affektive Abwehrreaktionen aus. Der hier zu besprechende Band „Einfach nur Jesus? Eine Kritik an Mission Manifest“ kehrt nun leider nicht zur wissenschaftlichen Nüchternheit zurück, sondern perpetuiert fast durchgehend (Ausnahmen: Spielberg und Höhn) diese kaum mehr rationale, sondern hoch emotionalisierte Abwehr. Allerdings beanspruchen die Autorinnen und Autoren programmatisch Wissenschaftlichkeit.

Verschaffen wir uns einen Überblick: Gunda Werner ordnet das Manifest in den Horizont einer auch im Katholizismus erstarkenden charismatisch-pentekostalen Frömmigkeit ein, die allerdings hier stärker autoritäts- und hierarchiebezogen sei als im Original, konstatiert ein dichotomisches Weltbild und postuliert eine alternative Deutung christlicher Existenz, bei der Entschiedenheit für Gott ihre Ambiguitäten nicht aufhebe. Hans-Joachim Höhn bleibt im Ton respektvoll, gibt einiges an Geschick im Bereich des Marketing zu, meint aber, dass im Manifest die argumentative Vermittlung des Glaubens, die Aufgabe einer Fundamentaltheologie im katholischen Sinn, deutlich zu kurz komme. Magnus Striet diagnostiziert Inkompatibilität mit der Moderne und vermutet die Ursache gegenwärtiger religionsproduktiver Tendenzen in der fundamentalistischen Flucht vor Verunsicherung und der entsprechenden Sehnsucht nach Eindeutigkeit. Ursula Nothelle-Wildfeuer behauptet den Ausfall der diakonischen Dimension wie einen insgesamt unzureichenden Missionsbegriff und kritisiert die von ihr wahrgenommene Tendenz zur „Versektung“ und „Evangelikalisierung“.

Christiane Florin schreibt einen Beitrag über ein Buch, dass sie eigentlich völlig belanglos findet und gibt dabei ihre Anmutungen zu Protokoll. Franca Spies greift Rahners bekanntes Zitat über den Christen der Zukunft auf, bemerkt die Krise der Volkskirche, kann aber in Johannes Hartls Gebetshaus nur illegitime theologische Komplexitätsreduzierungen identifizieren. Bernhard Spielberg stellt vorsichtig und durchaus gewichtig Rückfragen aus der Sicht einer ernsthaft an Kirchenentwicklung interessierten praktischen Theologie. Albert Gerhards schließlich fragt nach Defiziten in der Menschenfähigkeit katholischer Liturgie, die die negative Folie der Attraktivität evangelikal-freikirchlicher Gottesdienstformen bilden. Letztere vermag er jedoch ebenfalls nur negativ zu bewerten.

Wichtiger aber als die Einzelanalyse der Beiträge ist die Identifizierung der grundsätzlichen Konfliktlinie zwischen „Mission Manifest“ und „Einfach nur Jesus?“. Tatsächlich gibt es auf beiden Seiten verbindende Wahrnehmungen der religiösen Grundsituation der Gegenwart. In dem man sie namhaft macht, wird deutlich, was eigentlich auf dem Spiel steht – und die entscheidende Rückfrage klar, die an die Kritikerinnen und Kritiker von „Mission Manifest“ zu richten ist.

Letztere gehen in ihrer sozial-kulturellen Imagination davon aus, unentrinnbar im „stahlharten Gehäuse“ der Moderne zu sitzen (in Anknüpfung an eine berühmte Metapher Max Webers). Glaube ist hier letztlich nur in einem trotzigen „dennoch“ möglich. Damit verbunden ist ein normativer Anspruch, der bei den Protagonistinnen und Protagonisten schnell in Aggressivität und Ressentiment umschlägt: Nur wer die Grundannahmen der Konstitution dieser geheimnisvollen Hypostase namens „Moderne“ teilt, so allerdings, wie sie von den Autorinnen und Autoren selbst definiert werden, darf auch gläubig leben. Alles andere muss Scharlatanerie und Bauernfängerei sein und entsprechend – heftig! – abgewehrt werden. Sie können nicht das Licht sehen, sondern nur den Schatten. Und dieser Schatten hat die Gestalt eines Gebetshauses, das sich in ein Monstrum verwandelt.

Ist diese Sicht aber tatsächlich ohne Alternative? Existiert das „stahlharte Gehäuse“ wirklich? Allein die Einsicht, dass in den letzten Jahrzehnten seriös und ohne den geringsten Anflug von romantischen Restaurationsträumen auch andere Sichtweisen formuliert wurden, müsste zur Versachlichung der Debatte beitragen. Wie also sieht diese Alternative aus?

Zwei der bedeutendsten Denker der Gegenwart, der Philosoph Charles Taylor und der Soziologe Hans Joas, beide bekennende und praktizierende Katholiken, sind sich an entscheidender Stelle einig über die Lage des Glaubens in der Gegenwart unserer nordatlantischen Welt: Glaube sei hier keine einfache Selbstverständlichkeit, sondern eine Option. Taylor besteht darauf, dass die Optionalisierung des Glaubens keineswegs seine Schwächung bedeuten muss, sogar das Gegenteil, seine Vertiefung, sei möglich.

Für Joas ereignen sich darüber hinaus Vorgänge der Säkularisierung nicht einfach notwendig, sondern sind nicht selten „hausgemacht“. Jeder einzelne Fall ist anders. Diese Offenheit der Situation und ihr dynamischer Charakter lässt Joas auch mit der Möglichkeit einer religiösen Revitalisierung rechnen. Die Hypostase namens „Moderne“ mit ihren unausweichlichen Zwangsläufigkeiten existiert für ihn ganz ausdrücklich nicht!

Es ist kein Zufall, dass Joas und Taylor öffentlich starke Zustimmung zum Pontifikat von Papst Franziskus geäußert haben. Joas hat diese mit einer aufregenden Begriffskombination verknüpft – auf die Optionalisierung antworte der Appell des Papstes zu einer wesentlich missionarischen Kirche: „Was die Optionalisierung angeht, würde er das zwar nie so ausdrücken. Aber es steckt in seinem Aufruf drin, dass die Kirche wieder hauptsächlich missionarisch sein muss. Sie muss Menschen finden und für die Botschaft begeistern - und zwar da, wo diese sind“ (Joas/Spaemann, „Beten bei Nebel“, S. 54). Hier werden also von einem der bedeutendsten Sozialwissenschaftler der Gegenwart „Optionalisierung“ des Glaubens und „Mission“ als Grundausrichtung der Kirche zustimmend in die größte denkbare Nähe gesetzt!

Genau hier liegt die entscheidende Konfliktlinie zwischen „Mission Manifest“ und „Einfach nur Jesus?“. Wenn Joas richtig damit liegt, dass Säkularisierungen oft Folgewirkungen aus verpassten Antworten in konkreten Situationen sind und dass eine entscheidende Antwort auf die Optionalisierung in der von Papst Franziskus programmatisch verkündeten missionarischen Neuausrichtung der Kirche liegt, dann kommt alles darauf an, dass wir diesen Turnaround schaffen. Damit sollten die Kritikerinnen und Kritiker von „Mission Manifest“ die Heftigkeit ihrer Abwehr noch einmal prüfen. Vor allem sollten wir aber zu einer seriösen Debatte zurückkehren, die nicht aus emotionaler Abwehr gespeist wird, sondern aus der nüchternen Wägung der Argumente!

Ursula Nothelle-Wildfeuer, Magnus Striet (Hrsg.):
Einfach nur Jesus?
Eine Kritik am „Mission Manifest“.
Herder, Freiburg 2018. ISBN: 978-3-451-38318-2, EUR 18,-

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