Zwei Übel, eine Wurzel

Podium: „Eine Lobby für das Leben“ in Köln. Von Regina Einig
Foto: dpa | Der gesellschaftliche Konsens markiert oft das Ende der politischen Möglichkeiten. Vom Thema Abtreibung wollen die meisten lieber die Finger lassen, Wolfgang Bosbach (CDU) verkörpert mit seiner konsequenten Haltung ...
Foto: dpa | Der gesellschaftliche Konsens markiert oft das Ende der politischen Möglichkeiten. Vom Thema Abtreibung wollen die meisten lieber die Finger lassen, Wolfgang Bosbach (CDU) verkörpert mit seiner konsequenten Haltung ...

Köln (DT) Sind weniger Abtreibungen ein Zeichen der Hoffnung? Nicht unbedingt. Zwar teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden in dieser Woche mit, die Zahl der gemeldeten Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland habe im ersten Quartal dieses Jahres um 5, 5 Prozent niedriger gelegen als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Von Januar bis Ende März 2015 wurden mehr als 26 400 Schwangerschaftsabbrüche gezählt (2014: 27 900). Doch auch die Zahl der Geburten sei gesunken, unterstrich Wolfgang Bosbach (CDU) am Dienstag auf dem Podium „Eine Lobby für das Leben“, das die Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA), die Christdemokraten für das Leben (CDL) und das Katholische Bildungswerk Köln im Kölner Domforum veranstalteten. Die Veranstaltung fand unter Polizeischutz statt, eine Handvoll Demonstranten hatte sich vor dem Gebäude eingefunden und hielt Transparente an die Glasscheiben des Saals.

Solange das Verhältnis von Schwangerschaften und Abtreibungen besorgniserregend hoch bleibt, fehlt es Lebensschützern nicht an dringenden Baustellen. Die Erwartungen des Gesetzgebers in den 90er Jahren, die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche durch die Neuregelung und die Beratungspflicht deutlich zu senken, habe sich nicht erfüllt, so Bosbach. Obwohl das Bundesverfassungsgericht dem Gesetzgeber seinerzeit eine Beobachtungs- und Nachbesserungspflicht auferlegte, für den Fall, dass sich seine Erwartung nicht bewahrheite, gebe es „einen breiten gesellschaftlichen Konsens über Parteien und Fraktionen hinweg, dieses Thema nicht mehr anzufassen“.

Silvia Florian von „esperanza“ beim Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln sah die Situation etwas positiver: Seit dreißig Jahren gehe sowohl die Zahl der ungewollten Schwangerschaften als auch der Abtreibungen leicht zurück – letztere auch im Verhältnis zu den Geburten. Etwa hunderttausend Abtreibungen pro Jahr bleiben dennoch eine ungeheure Zahl. Florian wies auf die psychologischen Folgen der geltenden Gesetze zum Schwangerschaftsabbruch hin: „Die Tatsache, dass der Schwangerschaftsabbruch nicht strafrechtlich verfolgt wird bedeutet für viele Menschen, dass er erlaubt ist.“ Bleibt die „marginal klein gewordene“ Zahl der Konfliktberatungen. Sie ist Florian zufolge seit dem Ausstieg der katholischen Beratungsstellen aus dem gesetzlichen Beratungssystem von zuvor zwanzig Prozent auf auf ein Prozent gesunken. Auf die Frage, ob die Entscheidung zum Ausstieg damals richtig gewesen sei, antwortete der emeritierte Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner: „Da bin ich mir ganz sicher.“ Der Kardinal sah sich durch die Entwicklung der gesellschaftspolitischen Debatte in seiner Einschätzung bestätigt, dass die Abtreibungspraxis wie eine Wanderdüne sei und in der Euthanasie ende. Nicht von der Hand zu weisen ist die Einschätzung Bosbachs, dass die Bevölkerung in Deutschland der aktiven Sterbehilfe heute mehrheitlich zustimmen würde: „Es wäre tragisch, den assistierten Suizid zu einer Art Behandlungsalternative zu machen – wie palliativmedizinische Versorgung oder die ambulante beziehungsweise stationäre Hospizarbeit“, so der Vorsitzende des Innenausschusses des Deutschen Bundestags. Darum unterstütze er einen Gesetzentwurf, der das Geschäftsmodell Sterbehilfe unter Strafe stellt.

Einig war man sich auf dem Podium, dass die Förderung der Hospizarbeit ein Gebot der Stunde sei. Elke Mannel, ehrenamtliche Beraterin bei ALfA, berichtete von Hospizmitarbeitern, die „auf sich allein gestellt sind – auch finanziell“. Glaubwürdigkeit verlangt Konsequenzen: Wenn Christen aktive Sterbehilfe verbieten wollen, müssen sie einer alternden Gesellschaft Alternativen nennen. Bosbach verwies angesichts der vielen Vereinsamten und Alten auch auf die Bedeutung der Hospizarbeit mit Blick auf die Debatte um den assistierten Suizid. Angesichts der Entwicklung in den Niederlanden und in Belgien warnte er davor, die „Tür immer weiter zu öffnen“. Auf die Frage, wie ernst die Diskussion um Abtreibung als Menschenrecht zu nehmen sei, antwortete Bosbach, die Verfassung unterscheide bei der Unantastbarkeit der Menschenwürde nicht danach, ob ein Mensch schon geboren sei oder nicht. Es gebe nur einen abgestuften strafrechtlichen Schutz. Bosbach erinnerte an den „großen Wunsch, ein Thema nicht wieder zu einem gesellschaftlichen Streitthema zu machen“ und schloss zugleich aus, dass eine Partei oder Fraktion, die Union eingeschlossen, diese Debatte noch einmal beginnen wolle.

Beide Übel – Abtreibung und aktive Sterbehilfe – entspringen derselben Wurzel. Mannel kritisierte die „Hopp- und Weg-Mentalität“, bei der alles als „machbar“ gelte. Gerade Eltern behinderter Kinder würden vielfach diskriminiert. Dass es Pflegenden bald ähnlich ergeht, ist nicht auszuschließen. Ein entspannter Umgang mit dem Ende des Lebens aus dem christlichen Glauben heraus bietet einen Ansatz. Meisner warb für eine „Kultur des österlichen Sterbens“: „Wir müssen den Tod wieder als positive Größe ins Leben hereinlassen.“

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