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Von Venedig in die Münchner Innenstadt – der Klausurorden der Servitinnen von Marie-Thérese Knöbl
Foto: IN | Schwester Maria Elektra, die Gründerin des Münchner Klosters.
Foto: IN | Schwester Maria Elektra, die Gründerin des Münchner Klosters.

Vor genau 300 Jahren, im Jahr 1715, entstand das Münchner Servitinnenkloster, das älteste heute noch bestehende Kloster in der an Klöstern einst sehr reichen Münchner Innenstadt. Die Klostergründung wurde durch den Friedensschluss von Rastatt am 6. April 1714 ermöglicht und geht zurück auf ein Gelübde der Gattin Max Emanuels, der bayerischen Kurfürstin Therese Kunigunde: In den Kriegswirren nach Venedig vertrieben, hatte Therese Kunigunde von Polen dort durch ihre Freundin Gräfin Zinsendorf, die selbst Schwester im Orden der Servitinnen in Venedig war, die Anregung erhalten, in München ein Kloster mit ewiger Anbetung zu stiften.

Dies gelobte sie zu tun, wenn sie heil wieder nach Bayern zurückkehren sollte und setzte ihre Freundin Zinsendorf, Schwester Maria Elektra, als Gründerin des neuen Münchner Klosters ein. So entstand als kontemplativer Klausurorden ein neuer Ordenszweig der auch unter dem Namen „Diener Mariens“ bekannten Serviten, die in Italien bereits über einen Ordenszweig für männliche Berufungen und einen nicht-kontemplativen Ordenszweig für weibliche Berufungen verfügten.

Der seit 1304 päpstlich anerkannte Orden der Serviten hatte seinen Ursprung in Italien und wurde dort im 13. Jahrhundert durch den heiligen Philipp Benitius (gestorben 1285) und sechs weitere florentinische Kaufleute edler Herkunft gegründet, um in Zeiten hasserfüllter Parteikämpfe ein Zeichen der Brüderlichkeit zu setzen und in frei gewählter Armut und Entsagung stellvertretend für die übrige Bevölkerung Buße zu tun und zu beten. In dieser Tradition stehen auch die Anbetungsschwestern in der Münchner Herzogspitalstraße, die nach dem Stifterwillen der Kurfürstin seit dem frühen 18. Jahrhundert stellvertretend für die Münchner Bevölkerung in Armut, Keuschheit und Gehorsam leben und für das Land Bayern beten. Die Servitinnen widmen sich ganz der Ewigen Anbetung, ihre Ordenskleidung ist ein schlichter schwarzer Habit. Auch die Mutter von König Ludwig II. wurde in diesem Habit in der Wittelsbachergruft der Münchner Theatinerkirche bestattet, denn sie war wie die Frau von Rudolf von Habsburg Mitglied im Dritten Orden der Servitinnen. Eine weitere historische Besonderheit zeichnet diesen Orden aus: Das noch heute bestehende, vom bayerischen Kurfürstenpaar gegründete Münchner Servitinnenkloster ist das einzige Münchner Kloster, das vollkommen unbeschadet die Säkularisation überstanden hat.

Ziel einer beliebten Wallfahrt

Die ersten Nonnen des Servitinnenklosters kamen aus Venedig. Ihr Wirkungsbereich lag in dem ab Mitte des 16. Jahrhunderts entstandenen Herzogspital, nach dem noch heute die Herzogspitalstraße in München benannt ist. Es war ursprünglich von Herzog Albrecht V. zur Aufnahme kranker Hofbediensteter gestiftet worden und wurde von seinen Nachfolgern erweitert. Ab 1728 erbaute Johann Anton Trubillio zusammen mit dem Maurermeister Johann Michael Proebstl für die Nonnen eine um mehrere Höfe gruppierte barocke Klosteranlage mit einer lang gestreckten Fassade zur Herzogspitalstraße hin. Sie wurde östlich der 1555 erbauten Spitalkirche St. Elisabeth errichtet, dem Ziel einer beliebten Wallfahrt zum viel verehrten Gnadenbild der Schmerzhaften Muttergottes. Zusätzlich zu den Bauten unterstützte Kurfürstin Therese Kunigunde die Schwesternschaft durch die Einrichtung einer Stiftung zum Wohle des Klosters, aus denen die Schwestern eine kleine Leibrente für das Allernötigste beziehen sollten. Im Oktober 1728 zogen in einer feierlichen Sakramentsprozession 26 Servitinnen in den Klosterneubau neben der Herzogspitalkirche ein, kurze Zeit später verzeichnete die Klostergemeinschaft bereits 50 Mitglieder, die sich ganz der Ewigen Anbetung widmeten.

Sichtbar ohne Erfolg hatte die Bayerische Staatsregierung zu Beginn des 19. Jahrhunderts unter Federführung des aufklärerischen Ministers Montgelas versucht, das Kloster der Servitinnen aussterben zu lassen. Zwar durften, wie bei anderen Klöstern auch, ab 1803 keine Neuaufnahmen mehr erfolgen, doch weigerte sich König Max I. Joseph auf Drängen seiner Tochter Auguste, ein Aufhebungsdekret für das Servitinnenkloster zu unterzeichnen. Doch das „Aussterbedekret“, das heißt, das Verbot von Neuzugängen, blieb bestehen und so wurden 1817 die letzten Schwestern der ebenfalls zum Aussterben bestimmten Klostergemeinschaft der Chorfrauen von Notre Dame aus Nymphenburg hierher versetzt. Ab 1826 war es den Nonnen jedoch dank zahlreicher Fürbitten und der Güte König Ludwigs I. wieder erlaubt, Novizinnen aufzunehmen. Der Konvent vergrößerte sich daraufhin in weniger als zwei Jahrzehnten von 16 auf 43 Schwestern und gelangte zu neuer Blüte, so dass es den Servitinnen sogar möglich wurde, das Spital zu kaufen und ab 1860 in eigener Regie weiterzuführen.

Das Gotteshaus ist der Mater Dolorosa geweiht

Das Kloster hat die Säkularisation aber auch aus anderen Gründen überlebt: 1801 übernahmen die Schwestern eine Bildungsanstalt für Mädchen, die eine Volksschule, eine Mittelschule und ein Lyzeum umfasste. 1869 wurde die Schule von 700 Grundschülerinnen, 200 Feiertagsschülerinnen und 116 Kommunionkindern besucht. Unter dem Nationalsozialismus wurde die Schule geschlossen, Kirche und Kloster wurden 1944 bis auf den Barockturm, der auch in dem Spitzweggemälde „Der Klapperstorch“ zu sehen ist, vollkommen zerstört. Von der wertvollen Kirchenausstattung hat sich nur das berühmte Gnadenbild der Schmerzhaften Muttergottes, ein Schnitzwerk von Tobias Bader aus dem Jahre 1651, erhalten. Der Mater Dolorosa ist auch das neue Gotteshaus geweiht.

Heute leben noch sieben Schwestern und ein Spiritual im letzten deutschen Kloster der Servitinnen, darunter eine Novizin. Ihr Dienst ist die Ewige Anbetung, das Chorgebet und die Verehrung der schmerzhaften Mutter Gottes, wie es die Statuten des Ordens vorsehen. Früher waren auch eine Hostienbäckerei und eine berühmte Paramentenstickerei in dem Klausurkloster untergebracht. Die Hostienbäckerei wurde in die Mission gegeben, die Paramentenstickerei ist seit dem Ableben der letzten Meisterin unbenutzt. Die Schwestern widmen sich jedoch noch allen anfallenden Arbeiten in Haus, Garten und Kreuzgang, der Herstellung von Kerzen und Karten für den kleinen Devotionalienkiosk vor der Kirche, der nach den Gottesdiensten geöffnet hat, besorgen das Orgelspiel, den Blumenschmuck und die Reinigung von Kirche und Kirchenwäsche der Herzogspitalkirche, und sind in ihrer stillen und treuen Frömmigkeit ein wichtiger Bestandteil des katholischen Lebens in der Münchner Innenstadt.

Auf Initiative Kardinal Faulhabers, der die erste Anbetungsstunde außerhalb der Klausur vor dem Allerheiligsten abhielt, wurde 1935 auch Laien die Möglichkeit der Anbetung des Allerheiligsten in der Herzogspitalkirche aus gegeben. In der Ewigen Anbetung werden die Schwestern nun regelmäßig von Laien unterstützt, die einzelne Stunden am Tag oder in der Nacht übernehmen. Wer einmal in der Nähe der äußerlich unscheinbaren Kapelle ist, die nur wenige Minuten von den belebten Verkehrsknotenpunkten Sendlinger Tor, Karlsplatz/Stachus, Hauptbahnhof und Marienplatz entfernt liegt, sollte sich einen Besuch des Allerheiligsten an diesem geschichtsträchtigen und wohltuend ruhigen Ort nicht entgehen lassen.

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