„Zuflucht der Sünder“

Anrufungen der Lauretanischen Litanei – Teil VIII

Die Anrufung „Du Zuflucht der Sünder“ innerhalb der Lauretanischen Litanei zielt auf die Mittlerschaft und Fürbittbereitschaft der Gottesmutter. Gerade noch wurde sie in edlen Vergleichen wie „Du kostbarer Kelch“, „Du geheimnisvolle Rose“, „Du Morgenstern“ gepriesen, da besinnt sich der Beter auf die Kraft der Gottesmutter. Nach „Du Heil der Kranken“ wird Maria als „Du Zuflucht der Sünder“ angerufen, wobei sie sogleich danach auch als „Du Trost der Betrübten“ verehrt wird. Nachdem der Beter sich nicht genug tun konnte, die vielen Facetten der Kostbarkeit und Schönheit der Gottesmutter in irdischen Begriffen zu fassen, da wird er sich über ihre eigentliche Bedeutung im klaren, nämlich dass sie in allem körperlichen und seelischen Schmerz Hilfe und Trost spenden kann. Es ist sicherlich nicht von ungefähr, dass nach Entstehung der Lauretanischen Litanei um 1200 auch das Votiv- und Andachtsbild der Schutzmantelmadonna im dreizehnten Jahrhundert entstanden ist.

Der Mantel als Schutzsymbol

Die Gottesmutter wird mit weit ausgebreitetem Armen dargestellt, über die das Gewand herunterfällt. Wie ein schützender Mantel umschließt dieser alle, die sich darunter flüchten. In diesem Bild verbinden sich die drei erwähnten Anrufungen zu einem vertrauensvollen Bittruf. Es mag sein, dass die Schutzmanteldarstellung Hinweise auf alte Rechtsriten aus der alttestamentlichen Literatur und aus dem arabischen Raum gibt. Es mag sein, dass es auch aus diesen Darstellungen heraus Verbindungen zu den in der Antike üblichen Patronats- und Fürsorgeverhältnissen gibt. (Einen der frühesten Hinweise finden wir auf den römischen Münzprägungen Trajans aus dem Jahr 113. Der Gott Jupiter hält da als Schutzherr des Vaterlandes seinen Mantel über den nur halb so groß dargestellten Kaiser.) Sicher ist, dass der seit dem frühen zwölften Jahrhundert eingeführte Rechtsritus – zum Beispiel für unehelich geborene Kinder – in der Darstellung der Mantelumhüllung auch einen sichtbaren schützenden Ausdruck erfährt. Die davon betroffenen Kinder nannte man „Mantelkinder“. Und mit Blick darauf nannten sich auch die Kleriker gerne „Mantelkinder“ Mariens.

Die hier abgebildete Schutzmantelmadonna aus dem württembergischen Herlatzhoven ist um 1420 aus Lindenholz geschnitzt worden. Fast lebensgroß steht sie da, anmutig und geradezu königlich. Sie richtet ihren Blick auf die an ihrer Seite Schutzsuchenden. Es sind fünf Frauen und vier Männer, die sich in ihrer Mantelfülle bergen. Weich fällt das Kopftuch unter der Krone hervor. Der weite Mantel umschmiegt die Figur Mariens und die Gruppe der sich bei ihr Bergenden. Weich fallen auch die Falten auf den Boden. Die Gottesmutter hält auf ihrem linken Arme das Jesuskind, das seinerseits spielerisch mit seiner Linken den Mantelsaum Mariens hoch rafft und die darin Zuflucht Suchenden ebenfalls behütet. Mutter und Kind haben diesen unvergleichlich liebevollen, lächelnden, Zutrauen verströmenden Ausdruck, der den Betrachter gefangen nimmt. Hier kann und möchte der Sünder Zuflucht suchen.

Aus dem späten dreizehnten Jahrhundert haben sich die ersten Darstellungen der Schutzmantelmadonna erhalten, nicht nur als Skulpturen sondern auch als Bilder, beispielsweise als Darstellungen auf einer Fahne. So ist auf einem Tafelbild der Vatikanischen Museen, das das Begräbnis des hl. Bernhard von Clairvaux wiedergibt, eine solche Fahne zu sehen. Im 14. und 15. Jahrhundert nehmen die Schutzmantelbilder – entsprechend der Marienverehrung – immer mehr zu. Dabei spielt auch eine Rolle, dass Maria die Menschen mehr vor dem gerechten Zorn des höchsten Richters unter ihrem Mantel birgt, als vor irdischem Unglück bewahren will. Dies zeigt sich vor allem darin, wenn ihre Hände fürbittend gefaltet sind und Engel den schützenden Mantel halten. Aber auch auf unserer Darstellung schmiegen sich die Menschen – in respektvoller kleiner Körperlichkeit gegenüber der großen gotischen Gestalt Mariens erfasst –, eng an die königliche Gestalt Mariens, die ganz Güte, Liebreiz und Mütterlichkeit ausstrahlt. Somit wird schon durch die Bedeutungsperspektive sichtbar gemacht, dass sich die Schutzsuchenden ihrer Niedrigkeit und Sündhaftigkeit bewusst sind. Die Gottesmutter wird hier durch ihre strahlende Offenheit als Zuflucht der Sünder erfahrbar, die in ihrer Mutterschaft den Weg zur Vergebung öffnet.

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Stephan Baier