Zisterziensischer Neuanfang im hohen Norden

Nach 479 Jahren kehren Brüder in ein altes Kloster in Schweden zurück – Treffen von Klostervereinen an Nord- und Ostsee

Ein europäisches Wiedersehen: Einmal im Jahr kommen Vertreter der Zisterzienser-Klosterstätten an Nord- und Ostsee zu Gesprächen, Exkursionen und Gedankenaustausch zusammen. Auf schwedisch, holländisch, polnisch, dänisch, deutsch oder englisch werden Fotos der Klosterstätten ausgetauscht. „Das sieht ja aus wie bei uns“, stellt eine polnische Teilnehmerin überrascht fest. Auf einmal wird ihr klar, woher die Ornamente an den Pfeilern der Kirche zuhause in Bierzwnik/Marienwalde stammen. Andere entdecken im Gespräch ein gemeinsames Mutter- oder Schwesterkloster oder eine „Großmutter“. Zisterziensische Familienverhältnisse, europäische Geschichte.

Die Landkarte an der Wand des Tagungsraums in Aurich zeigt 30 Klosterstätten an Nord- und Ostsee, die sich mittlerweile dem Forum-Netzwerk angeschlossen haben: von Ter Duinen in Belgien bis nach Pelplin in Polen, von Riseberga in Schweden bis Sibculo in den Niederlanden. Gleich zu Beginn begrüßen die Teilnehmer ein neues „Netzwerk-Mitglied“: Das Kloster Roma auf Gotland, 1164 gegründet. Das schwedische Rom ist ein Tochterkloster des 1143 von Mönchen aus Clairvaux („Clara vallis“) gegründeten Klosters Nydala („Nova vallis“), das bis zu seiner Auflösung 1527 das größte und reichste Zisterzienserkloster Schwedens war.

Heute ist das Land weitgehend säkular geprägt, die Christen sind in der Regel Lutheraner. Nur zwei Prozent Katholiken gibt es in Schweden, aber die dortige Kirche ist eine der am schnellsten wachsenden katholischen Kirchen in Europa. Und die Perspektive, die im April in Aurich noch für Überraschung sorgte, ist Anfang Juni bereits Wirklichkeit: Die Zisterzienser sind nach 479 Jahren nach Nydala in Smaaland bei Jönköping zurückgekehrt. 120 Kilometer vom Astrid Lindgren-Geburtsort Vimmerby entfernt wollen die vietnamesischen Zisterzienserpatres Benedict, Johannes Baptist und Simon sowie Prior Luca aus Rom die 500 Flüchtlinge aus Vietnam vor Ort betreuen und die monastische Tradition in Nydala wieder aufnehmen.

Die Ordensregel des „ora et labora“ – „bete und arbeite“ – findet heute in den Klosterstätten im Norden unterschiedlichste Ausprägungen. „Arbeit“ bedeutet das Kloster-Engagement auch für die Teilnehmer des Forums. Manche sind hauptberuflich für „ihre“ Klosterstätte tätig, die meisten aber setzen Talente, Zeit, Wissen und Berufserfahrungen ehrenamtlich ein: Eine pensionierte Grundschullehrerin rettet wichtiges Kartenmaterial aus der friesischen Dorfschule, ein Berufsschullehrer gestaltet zisterziensische Fliesen nach – als Dankeschön für Spender, die die Erhaltung der Klosterstätte Dargun unterstützen –, Juristen konzipieren die rechtliche Struktur der Klostervereine, Wasserbauingenieure in Doberan geben ihr Wissen in gemeinsamen Projekten an Schüler weiter, Vereinsmitglieder übernehmen Führungen oder pflegen den Klostergarten.

Alte Kulturlandschaften

Die Initiatoren Bernhard Buttjer von der Klosterstätte Ihlow und Heinz-Wilhelm Schnieders vom Europahaus Aurich haben 2008 unter dem Motto „Die Zisterzienser – Die Küste – Das Wasser: Europäischer Geist in regionaler Entwicklung“ eingeladen. Die alte Kultur- und Klosterlandschaft Ost- und Westfrieslands liegt in Aurich „vor der Tür“. Das wissenschaftliche Hintergrundwissen über die Wasserbaukunst der Zisterzienser, die mit geschickter Flussregulierung, mit Deich- und Schleusenbau dem Meer fruchtbares Ackerland abgewannen, liefern junge niederländische Wissenschaftler wie Johannes A. Mol (Leeuwarden) und Jakob Loer (Aduard). Exkursionen führen nach Ihlow bei Aurich und zu beeindruckenden Kirchenruinen, zur Torkapelle St. Elisabeth mit Fresken aus dem frühen vierzehnten Jahrhundert und zum Museum der Klosteranlage Hude bei Oldenburg.

Auch das ehemalige niederländische Kreuzherrenkloster und heutige Museum Ter Apel, das zu den 100 wichtigsten Denkmälern der Niederlande gehört, sowie das 1192 gegründete Kloster Aduard bei Groningen sind Ziele der Klosterfreunde. Aduard, eine Tochtergründung des Klosters Klaarkamp, ist Mutterkloster von Ihlow. Von den 50 Gebäuden der einst riesigen Klosteranlage ist heute nur noch die „Abdijkerk“ übrig – entgegen ihrer Bezeichnung nicht die ehemalige Abteikirche, sondern ein Krankensaal der Mönche von 1297, der von den evangelischen Dorfbewohnern Aduards als Kirche genutzt wird. Der Backsteinbau mit originalen Bodenfliesen, die in den 1920er Jahren entdeckt wurden, vermittelt einen Eindruck von den enormen Ausmaßen des einstigen Klosters, in dem um die hundert Mönche und fünfhundert Laienbrüder lebten.

Ubbo Emmius, Gründungsrektor der Universität Groningen, beschreibt in seiner „Friesischen Geschichte“ die Schönheit der Klosteranlage, die bei seinem Besuch um 1600 bereits verlassen war. Die etwa 85 Meter lange Klosterkirche wurde in Folge der Reformation zerstört, aus ihrer Bibliothek überstanden nur wenige Bände Feuer und Zerstörungen.

Die Frage nach der Rückkehr der Zisterzienser und nach dem, was heute von ihrem Erbe noch erhalten werden kann, führt auf eine spannende Spurensuche. Es gibt alle denkbaren Varianten: Vom Klosterleben wie im schwedischen Nydala über die Nutzung als Kirche wie in Pelplin südlich von Danzig, dessen ehemalige Zisterzienserkirche heute katholische Kathedrale der Diözese Pelplin ist, oder Bad Doberan (dem Mutterkloster von Pelplin), dessen evangelisches Münster aus dem 14. Jahrhundert eine europaweit einmalige Ausstattung aus dem Mittelalter besitzt. Am anderen Ende der Skala findet man Ruinen und Reste oder gar nur Fundamente im Erdreich – gerade erst wieder entdeckt wie im niederländischen Klaarkamp. An das 1163 gegründete Kloster in der Nähe des friesischen Dokkum, in dem 754 der Missionar Bonifatius als Märtyrer starb, erinnern nur einige vage Merkmale in der Landschaft. Noch dieses Jahr soll ein Projekt gestartet werden, um die Konturen der alten Klosterfundamente abzustecken und ein Museum einzurichten. „Darum geht es: Verbundenheit von Menschen trotz Zeit, Kultur und/oder Entfernung“ heißt es dazu in einer Klaarkamper Erklärung vom April 2008. Auch in Ihlow gab es nur unterirdische Spuren eines ehemaligen Zisterzienserklosters, bis archäologische Grabungen viele Mosaiksteinchen der Klostergeschichte ans Tageslicht brachten.

Nächste Schritte planen

Die ehemals größte romano-gotische Kirche zwischen Bremen und Groningen wird derzeit durch eine Stahlkonstruktion in Teilen nachgebildet, um die Vorstellungskraft der Besucher anzuregen und die zisterziensische Ausstrahlung neu erlebbar zu machen. In der Unterkirche gibt es im „Raum der Stille“ Möglichkeit zu Besinnung, Meditation und Gottesdienst. Oberirdisch sind Ansätze der Kirchenpfeiler mit neuen Ziegeln nachgebildet, in die Steine der 28 ehemaligen ostfriesischen Klöster eingefügt sind. Für die zukünftige Ihlower Ausstellung nimmt der Ausstellungsmacher und Konzeptionist (unter anderem des gerade eröffneten Internationalen Maritimen Museums Hamburg) Holger von Neuhoff im April „Steine und Worte“ entgegen. Die Vertreter der europäischen Klosterstätten haben sie nach Ihlow mitgebracht: Einen Stein des Klosters Vreta in Schweden, einen Ziegel mit dem Motiv einer stilisierten Blume aus Bierzwnik/Marienwalde in Polen, aus Pelplin einen gotischen Dachziegel und das Gründungsmotto der Pelpliner Zisterzienser von 1276: „Bonum est nos hic esse“ – „Es ist gut für uns, hier zu sein“, das Klaarkamper Motto „Terar dum prosim“ – „Ich möge verwesen, wenn ich nur von Nutzen bin“. Und einen Ziegelstein aus der Gründungszeit des Klosters Scharnebeck bei Lüneburg mit einem Wunsch für Ihlow: „Möge das Böse fern bleiben“. Der Scharnebecker Stein aus dem vierzehnten Jahrhundert ist ein so genanntes Apotropaion, ein Abwehrzauber, wie er in mittelalterlichen Kirchen eingemauert wurde. Der Stein zeigt zwei tief eingedrückte Hundepfoten. Zurück in der Tagungsatmosphäre in Aurich wird allerdings klar, dass das Kloster-Netzwerk vor einer Weichenstellung steht: Wie soll man den Schritt zu gemeinsamen EU-Projekten wagen? Bisher reisten die Teilnehmer bis zu tausend Kilometer an, weil sie die Begegnung mit gleich gesinnten „Klosterfreunden“ schätzten und kreative Anregungen mit nach Hause nehmen konnten. Nun muss aus persönlichem Interesse und Engagement verbindliche gemeinsame Arbeit an der „Rückkehr der Zisterzienser“ an Nord- und Ostsee werden.

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