Zeugnis für den Auferstandenen

Russisch-orthodoxe Kirche erhebt Weiße-Rose-Mitglied Alexander Schmorell zum Neumärtyrer und Bekenner. Von Michaela Koller
Foto: KNA | Die Ikone des Neumärtyrers Alexander Schmorell wird feierlich in die Mitte der Kirche getragen und eigens verfasste liturgische Texte, die das Werk des Märtyrers darstellen, werden gesungen und gelesen.
Foto: KNA | Die Ikone des Neumärtyrers Alexander Schmorell wird feierlich in die Mitte der Kirche getragen und eigens verfasste liturgische Texte, die das Werk des Märtyrers darstellen, werden gesungen und gelesen.

München (DT) Alexander Schmorell, Kernmitglied der „Weißen Rose“, darf seit vergangenem Samstag in der deutschen Diözese der Russischen Auslandskirche als heiliger Neumärtyrer verehrt werden. Sein Bild in der Ikonostase der russisch-orthodoxen Kirche „Heilige Neumärtyrer und Bekenner Russlands“ zeigt von nun an einen Heiligenschein. Der Mitbegründer der Widerstandsgruppe und Schulfreund von Christoph Probst hatte eine russische Mutter, die zwei Jahre nach seiner Geburt an Typhus starb und ein Kindermädchen, das ihn im russisch-orthodoxen Glauben und auch in der russischen Sprache erzog.

Ansonsten sprach er, wie es in seinem Steckbrief hieß, „Hochdeutsch mit bayerischem Einschlag“. „Er war Mitglied unserer Gemeinde“, sagt der Münchner Erzpriester Nikolai Artemoff im Gespräch mit dieser Zeitung. In der Isarstadt lernte Schmorell in der Zweiten Studentenkompanie der Medizinstudenten Ende Juni 1941 Hans Scholl und ab Sommersemester 1942 auch Willi Graf kennen.

Mit der feierlichen Kanonisierung war am ersten Februarwochenende ein jahrzehntelanger Prozess abgeschlossen worden. Das gründliche Studium der Akten, das der Kanonisierung vorausging, brachte zutage, dass der damals 25-Jährige mit seinem Widerstand Zeugnis für seinen Glauben ablegte, von diesem getröstet sein unausweichliches Schicksal nach seiner Verhaftung annahm und zudem sich bemühte, seine Angehörigen aus dieser Quelle zu stärken. Über den Verbleib der Gestapo-Verhör-Protokolle Schmorells war lange nichts bekannt. Sie wurden nicht in den DDR-Archiven aufbewahrt, wo andere Akten der Weißen Rose zu finden waren. Der Ostblock hielt die Zeugnisse bürgerlichen Widerstands gegen die Nationalsozialisten unter Verschluss, um vor der Welt den Mythos vom einzigen und wahrhaften linken Anti-Faschismus aufrechtzuerhalten.

Genau fünfzig Jahre nach Schmorells Blutzeugnis, im Jahr 1993, geschahen mit Blick auf die russisch-orthodoxe Kanonisierung zwei bedeutsame Ereignisse. Die Akte Schmorell tauchte in Moskau auf. Die Dokumente waren nach dem Zweiten Weltkrieg in die Sowjetunion gebracht worden, da Schmorell aus dem russischen Orenburg am Südausläufer des Uralgebirges stammte. Von dort war er mit vier Jahren nach München gekommen, wo er aufwuchs.

Dort trug sich das zweite hinsichtlich seiner Verherrlichung bedeutsame Ereignis zu: „Gott gefiel es, dass die russisch-orthodoxe Gemeinde, der Alexander Schmorell angehörte, im fünfzigsten Jahr seiner Hinrichtung endlich eine eigene Kirche erwerben konnte, die in unmittelbarer Nachbarschaft der beiden Orte liegt, wo er sein Zeugnis für Christus den Auferstandenen vollendete, dem Gefängnis Stadelheim und dem Friedhof „Am Perlacher Forst“,“ betont Erzpriester Artemoff. Acht Versuche, eine Heimat für die Gemeinde zu finden, seien zuvor vergebens gewesen.

Das Gefängnis, wo er nach kurzer Flucht und mehrmonatiger Haft am 13. Juli 1943 enthauptet wurde, liegt nur zwei Häuserblocks entfernt; der Friedhof mit dem Familiengrab befindet sich in derselben Straße wie die Kathedrale. Die Feierlichkeiten zur Kanonisierung begannen an dieser Stätte, wo Gläubige und Priester nach einer Prozession von der Kathedrale zunächst noch für den „märtyrergleich“ Verstorbenen beteten. Zu den Feierlichkeiten eingeladen waren hohe Würdenträger der Russischen Auslandskirche wie Erzbischof Kirill von San Francisco und Westamerika und Erzbischof Mark von Berlin und Deutschland sowie des Moskauer Patriarchats wie Erzbischof Feofan und Metropolit Valentin von Orenburg. Ein Strauß weißer Rosen stand dabei vor dem schlichten Grabstein.

Die benachbarte Kathedrale ist den Neumärtyrern geweiht, die seit der russischen Revolution für den Glauben an Gott Zeugnis ablegten. „Im Fünfjahres-Plan von Stalin stand, dass der Name Gott vergessen werden sollte“, erinnert Erzpriester Artemoff. An diesem Patronatsfest ist die Ikone des Nazi-Gegners Schmorell feierlich in die Kathedrale getragen worden, als Zeichen seiner Kanonisierung: Sie zeigt einen jungen Mann mit hellbraunen Haaren und einer weißen Rose sowie einem Kreuz in der Hand, als Symbole des Widerstands und des Glaubens.

Wie aus den Verhörprotokollen unzweifelhaft hervorgeht, sah sich Schmorell aufgrund seiner deutsch-russischen Identität in Gegnerschaft zu beiden Totalitarismen des 20. Jahrhunderts: „Sie können sich vorstellen, dass es mich besonders schmerzlich berührte, als der Krieg gegen Russland, meine Heimat, begann. Natürlich herrscht drüben der Bolschewismus, aber es bleibt trotzdem meine Heimat, die Russen bleiben trotzdem meine Brüder.“

Der Medizinstudent hätte sich einen geläuterten Zarismus als geeignete Staatsform in Russland vorstellen können, wie er im am 8. März 1943 unterzeichneten Verhörprotokoll angab. Opposition und freie Meinungsäußerung betrachtete er als grundlegende Voraussetzung eines funktionierenden Staatswesens. Über die Herrschaft der Nationalsozialisten sagte er: „Sie duldet keine Opposition, keine Kritik, deshalb können die Fehler, die gemacht werden, nicht erkannt, nicht beseitigt werden.“

Und in den Flugblättern, die Schmorell teilweise maßgeblich mitgestaltete, fiel die Kritik scharf aus – wie sie eben nur aus der Entrüstung auf Grundlage eines christlichen Gewissens formuliert werden konnte. Schmorell wird im zweiten Appell die Verurteilung des Judenmordes zugeschrieben. Damals nannte die Weiße Rose schon die Zahl 300 000 „auf bestialische Art“ ermordeter Juden seit der Eroberung Polens und fragte, warum sich „das deutsche Volk angesichts dieser scheußlichsten, menschenunwürdigsten Verbrechen so apathisch“ verhalte.

In den Flugblättern der Weißen Rose zeigte sich neben der politischen auch die religiöse Begründung dieses Widerstands: „Wohl ist der Mensch frei, aber er ist wehrlos wider das Böse ohne den wahren Gott, er ist wie ein Schiff ohne Ruder, dem Sturme preisgegeben.“ Und dann wird in demselben Flugblatt Nr. IV Novalis (1772–1801) zitiert mit dem Satz: „Nur die Religion kann Europa wieder aufwecken und das Völkerrecht sichern und die Christenheit mit neuer Herrlichkeit sichtbar auf Erden in ihr friedenstiftendes Amt installieren.“

Im kirchenslawischen Kanon, der bei der Feierlichkeit am Samstagabend zur „Verherrlichung“ nach der Vesper und nach dem Psalmengebet bei Kerzenschein an den Neumärtyrer Alexander von München gerichtet wurde, heißt es: „Erquickt hast du dich an den süßen Worten der göttlichen Vernunft, die dem Munde der Apostel und der Väter entspringen, und unterwiesest in deinen Briefen deine Verwandten in der Wahrheit Christi. ,Gott lenkt alle Dinge so, wie er es will und wie es zu unserem Besten ist.‘“ Es ist das Zeugnis eines tiefen Gottvertrauens bis in die Tod durch das Fallbeil hinein.

Themen & Autoren

Kirche