„Zeichen für einen Wandel“

Bußgottesdienst zum Auftakt des Internationalen Symposiums „Auf dem Weg zur Heilung und Erneuerung“ in Rom. Von Claudia Kock
Foto: dpa | Im winterlichen Rom hat der Kongress Hoffnung auf einen Neuanfang nach dem bitteren Missbrauchsskandal geweckt.
Foto: dpa | Im winterlichen Rom hat der Kongress Hoffnung auf einen Neuanfang nach dem bitteren Missbrauchsskandal geweckt.

Rom (DT) „Durch seine Wunden sind wir geheilt“: Unter diesem Motto stand ein Bußgottesdienst, der am Dienstag Abend in der römischen Kirche „Sant'Ignazio“ unter Vorsitz des Präfekten der Kongregation für die Bischöfe, Kardinal Marc Ouellet, gefeiert wurde.

Es war der liturgische Höhepunkt zum Auftakt des internationalen Symposiums „Auf dem Weg zu Heilung und Erneuerung“, das in dieser Woche an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom abgehalten wird und in dem sich zahlreiche Bischöfe und andere Vertreter aus 110 Bischofskonferenzen sowie die Generaloberen von 30 verschiedenen Ordensgemeinschaften mit dem Thema des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger in der Kirche auseinandersetzen.

„Missbrauch ist für die Opfer gleichsam eine Todeserfahrung“, sagte Ouellet in seiner Predigt. Die Läuterung und Erneuerung sei Aufgabe der ganzen Kirche, die deutlich ausrufen müsse: „Nie wieder!“ Die Erneuerung könne jedoch nur „durch den persönlichen Glauben, eine echte Beziehung zu Jesus Christus“ stattfinden.

Während der Bußliturgie, die mit fünfzehnminütigem Schweigen in der vollkommen dunklen Kirche begann, baten Bischöfe, Priester, Eltern und Lehrer von Missbrauchsopfern vor einem riesigen Kruzifix um Vergebung für das Unrecht, das die Opfer erlitten haben und erleiden und das ihr Leben schwer belastet oder teilweise sogar zerstört hat.

Kardinal Levada würdigt Rolle der Medien

Die Kirche soll, so die Hoffnung der Veranstalter des Symposiums, in Zukunft eine tragende Rolle im Kampf gegen das Übel des sexuellen Missbrauchs in der ganzen Gesellschaft spielen. Als konkreter Schritt in diese Richtung wird gleich nach dem Symposium das in München stationierte „E-learning Center for Child Protection“ seine auf drei Jahre angelegte Arbeit aufnehmen. In diesem Zeitraum soll ein dreißigstündiges Lehrprogramm zum Schutz von Kindern entwickelt werden, das alle interessierten Personen aus dem Internet herunterladen können. Das Zentrum entstand in Zusammenarbeit mit dem Institut für Psychologie der Gregoriana sowie der Erzdiözese München und Freising. Wissenschaftlicher Leiter des Projekts wird der Ärztliche Direktor am Uniklinikum Ulm, Jörg Fegert, sein.

Der Leiter des Instituts für Psychologie der Gregoriana und akademische Vizerektor der Päpstlichen Universität, Pater Hans Zollner SJ, wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass das Symposium „ein weiterer Schritt auf einem langen und schmerzhaften Weg“ sei, der die Kirche durch die Übernahme der eigenen Verantwortung für ihre Verfehlungen in diesem Bereich und eine neue Kultur des Hinsehens zu einer führenden Kraft im Bereich des Schutzes von Kindern vor Missbrauch weltweit machen könne. Von seiten des Vatikans wird das „E-learning Center“ durch die „Papal Foundation“ finanziell unterstützt. Papst Benedikt XVI. sandte durch Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone eine Botschaft an die Teilnehmer.

Das Symposium wurde am Montag Abend durch den Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre, Kardinal William Levada, offiziell eröffnet. Er begann mit einem Zitat aus Benedikts XVI. Weihnachtsansprache an die römische Kurie im Jahre 2010, wo der Papst über Priester sprach, „die das Sakrament in sein Gegenteil verkehren, den Menschen in seiner Kindheit – unter dem Deckmantel des Heiligen – zuinnerst verletzen und Schaden für das ganze Leben zufügen“. Levada wählte gerade dieses Zitat, da es notwendig sei, „die Ernsthaftigkeit und Schwere dieser Delikte nie aus den Augen zu verlieren“.

Der Kardinal kommentierte anschließend das Rundschreiben, das die Kongregation für die Glaubenslehre im vergangenen Jahr an aller Bischofskonferenzen gesandt hat, um Leitlinien in Bezug auf die Fälle des Missbrauchs Minderjähriger zu entwickeln. „In vielen Fällen kam eine Antwort nur infolge der medialen Aufdeckung von Skandalen in Bezug auf Priester. In Zukunft sollen die Bischofskonferenzen mehr Eigeninitiative zeigen.“

Dabei müssten in erster Linie die Opfer gehört, ihr Leid und ihre Erfahrungen ernst genommen werden. Der Heilige Vater sei hier ein wichtiges Vorbild, da er sich mit vielen Opfern auf seinen Reisen getroffen hat. „Die Opfer haben den Missbrauch durch die Hand geweihter Vertreter der Kirche erfahren. Es ist kein Wunder, dass sie immer wieder betonen, wie wichtig es für sie ist, dass die Kirche eben durch ihre geweihten Vertreter ihnen zuhört, ihr Leiden anerkennt und ihnen hilft, das wahre mitleidende und liebevolle Antlitz Christi zu erkennen“. Von entscheidender Bedeutung im Hinblick auf die Zukunft, so Levada, sei außerdem die Aufklärung der Eltern und auch der Kinder selbst in Bezug auf sexuellen Missbrauch.

Den Opfern zuhören: Dieser Grundsatz fand auch bei den Arbeiten des Symposiums Anwendung, die am Dienstag eröffnet wurden durch den Vortrag von Marie Collins, einer etwa 60-jährigen Irin, die ihren jahrzehntelangen Leidensweg als Missbrauchsopfer schilderte. Sie wurde mit dreizehn Jahren als Patientin in einem Krankenhaus vom Seelsorger, einem jungen Priester, sexuell missbraucht. Da sie katholisch erzogen war und hohe Achtung vor Priestern hatte, ließ sie sich von ihm einreden, dass ein Priester nichts Falsches tun könne und entwickelte selbst starke Schuldgefühle, die sie ihr Leben lang belasteten. Die Folge waren klinische Depressionen, ein Gefühl des Versagens in ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter, jahrzehntelange psychiatrische Behandlungen.

Als sie schließlich mit Hilfe ihrer Therapeuten zu der Einsicht kam, dass der Missbrauch die Wurzel ihrer psychischen Krankheit war, suchte sie das Gespräch mit den Kirchenoberen, wurde aber abgewiesen und nicht ernst genommen. Erst als der Priester später vor einem Gericht seine Schuld zugab und Verantwortung für seine Taten übernahm, setzte bei ihr ein Heilungsprozess ein. Dennoch fiele es ihr immer noch sehr schwer, ihren katholischen Glauben zu praktizieren: „Mein Glaube an Gott ist von all dem unberührt. Ich kann dem Priester, der mich missbraucht hat, vergeben, weil er seine Schuld zugegeben hat. Aber wie soll ich meinen Respekt vor der Kirchenleitung zurückgewinnen? Es genügt nicht, dass sie sich für Priester, die Missbrauch begangen haben, entschuldigt. Sie muss Verantwortung übernehmen für den Schaden und die Zerstörung, die den Opfern und ihren Familien durch Kirchenobere zugefügt wurden, die Fälle vertuscht haben oder falsch mit ihnen umgegangen sind. Erst dann kann ich, ebenso wie andere Opfer, wirklich Frieden und Heilung finden. Der Versuch, einen Skandal für die Institution zu vermeiden, hat einen noch größeren Skandal verursacht: Er hat den Schaden, der durch den Missbrauch hervorgerufen wurde, ausgeweitet und den Glauben vieler Opfer zerstört.“

Betroffene zieht zuversichtliche Bilanz

Ergänzt wurden Collins Ausführungen von der Psychotherapeutin Sheila Hollins, die die innere Dynamik deutlich machte, die bei Missbrauchsopfern stattfindet. Auf diese Weise wurden Marie Collins' Erfahrungen von der persönlichen auf eine allgemeine Ebene gehoben.

Die Arbeiten des ersten Symposiumstages umfassten weiterhin einen Vortrag des nordamerikanischen Psychotherapeuten Monsignore Stephen Rossetti, der vor Naivität im Umgang mit Kindesmissbrauch warnte und Richtlinien darlegte, wie dieser in Zukunft weitestmöglich unterbunden werden könne, sowie von Desmond Nair über Missbrauchsfälle in der Kirche Südafrikas. Zwei Workshops am Nachmittag behandelten die Themen „Internet und Pornographie“ sowie den sexuellen Missbrauch von Erwachsenen mit psychischen Behinderungen.

„Ich bin zuversichtlich, dass dieses Symposium ein Zeichen ist für einen Wandel und einer neuen Haltung innerhalb der Kirche. Und ich glaube, dass auch der Papst vollkommen dahintersteht“, sagte Marie Collins der Presse nach ihrem Vortrag. Am Abend im Bußgottesdienst sprach sie vor dem Gekreuzigten stellvertretend für alle Missbrauchsopfer das abschließende Gebet: „Vergib ihnen [den Tätern], damit deine Kirche durch deine Vergebung geheilt werde.“

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