Wortlos predigen durch das Beispiel

Betrachtungen über den Nährvater Jesu (Teil IX) – Du weiser Joseph. Von Klaus-Peter Vosen

Vom heiligen Thomas von Aquin wird berichtet, dass er als junger Student des Dominikanerordens überaus schweigsam gewesen sei. Das rief den Spott seiner Kommilitonen hervor, die ihn darum „den stummen Ochsen“ nannten. Der Lehrer des heiligen Thomas aber, der heilige Albertus Magnus, habe sie scharf zurechtgewiesen und ihnen prophezeit, dass Thomas dereinst mit seiner Lehre die ganze Welt erfüllen werde. Und so ist es dann auch gewesen. Thomas wurde der größte Theologe des Mittelalters, wenn nicht der größte Theologe des Christentums überhaupt. Und er war nicht nur ein Genius der Wissenschaft, sondern auch der Frömmigkeit, der Gottesliebe, des Gebets, wie nicht zuletzt die Sakramentshymnen zeigen, die ihm zugeschrieben werden. Auch ist Thomas ein liebevoller und kluger Seelsorger gewesen, wie sein Mahnbrief an Frater Johannes über die rechte Art zu studieren zeigt.

Wenn Weisheit bedeutet, um die – im Licht des Christentums – „gottbestimmte“ Ordnung der Dinge und die Natur des Menschen aus Einsicht und Erfahrung zu wissen, daraus die richtigen Handlungsprinzipien abzuleiten und anderen entsprechend raten zu können, dann ist Thomas von Aquin weise gewesen. Die Zeit des „Stummseins“, des stillen Sehens, Studierens und Betens ist ihm zum Erwerb der Weisheit notwendig gewesen. Gerade auch des Betens: Denn Weisheit ist in der Heiligen Schrift auch eine andere Bezeichnung für Christus. Wer ihn, das Licht der Welt hat, der ist weise.

„Der einmal Blitze zünden will, muss lange dunkle Wolke sein“, sagt das Sprichwort. Joseph von Nazareth ist nach dem Zeugnis der biblischen Offenbarung offenbar zeitlebens noch weniger als Thomas von Aquin ein redseliger Mensch gewesen, keiner, der sofort meinte, alles ganz genau zu wissen und sich zu allem und jedem äußern zu können. Soweit wir sehen, sagt er im Verlauf des ganzen Evangeliums kein einziges Wort. Das bedeutet natürlich nicht, dass er grundsätzlich geschwiegen hätte. Jedoch zeichnet der heilige Text ja auf, was uns zu unserem Heil zu wissen notwendig und nützlich ist. Von Joseph wird uns nur durch Maria gleichsam in indirekter Rede eine Äußerung mitgeteilt. „Dein Vater und ich haben dich voller Angst gesucht“, sagt die Gottesmutter, nachdem der verloren gegangene zwölfjährige Jesus wiedergefunden worden ist. Joseph muss also der Mutter Jesu gegenüber diese Angst irgendwie ins Wort gebracht haben. Ansonsten und insgesamt aber ist es der Heiligen Schrift wichtiger uns zu vermitteln, dass Joseph hörbereit, nachdenklich und bereit gewesen ist, Gottes Ruf zu folgen, als dass er große Reden geschwungen habe. So wird eindrucksvoll unterstrichen, was uns zum Heil dient: nicht als „wunderbarer Ratgeber“ und „Weltenschiedsrichter“ in die Geschichte einzugehen, sondern für Christus ganz durchlässig und aufnahmebereit zu werden. Wer so lebt wie Joseph, der braucht gar nichts zu sagen: Der predigt laut und rät weise durch sein Beispiel.

In einer Welt, in der der Wortreichtum dominiert, wo eine Sturzflut der Worte durch die Medien auf uns niedergeht, Worte, die vielfach immer weniger besagen, und von denen man sich später oft wünscht, sie wären nie ausgesprochen worden – in einer solchermaßen lauten und leeren Welt steht Joseph wie ein Signal, das zur Kurskorrektur einlädt. Er ist still und weise; weise gerade, weil er still ist, damit ihn die Weisheit selbst ganz erfüllen kann. Die einzige Äußerung Josephs, die die Heilige Schrift indirekt erwähnt, ist seine Angst, Christus könnte verloren gehen.

Das alles bedeutet nicht, dass eine Ideologie des stillen Kämmerleins propagiert werden sollte. Es gibt Situationen, in denen wir nicht schweigen können und dürfen. Aber ein wenig mehr weises Schweigen wäre eine Wohltat für diesen Planeten. Wir haben zum Erwerb der Weisheit keine Selbsterfahrungsseminare, keine Kurse in östlichen Weltanschauungen und kruden esoterischen Lehren nötig. Schauen wir auf den Nährvater Christi: Er zündet durch sein Beispiel in der Tat Blitze, die eine wortverdunkelte Welt erhellen.

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