Worte werden zu Taten

In Berlin geht Sant'Egidio über die Ränder der Gesellschaft in die Herzen der Menschen. Von Josef Bordat
Obdachlosenhilfe im Vatikan
Foto: KNA | Mitglieder der Gemeinschaft Sant'Egidio versorgen Obdachlose in Rom mit Lebensmitteln.

Etwa ein Dutzend Menschen hat sich an diesem stürmischen Herbstabend in der Kirche Heilige Familie im Berliner Szenebezirk Prenzlauer Berg versammelt. Frauen und Männer, die augenscheinlich nicht alle aus der deutschen Hauptstadt stammen. Das ist in Berlin nicht ungewöhnlich. Schon eher, dass sich die bunte Gruppe zu einem werktäglichen Abendgottesdienst in einer katholischen Kirche trifft. Der Altarraum wird von Kerzen erleuchtet, die eine Christus-Ikone in warmes Licht tauchen. Ein angenehmer Kontrast zum düsteren Regenwetter.

Licht ins Dunkel zu bringen, das ist auch das Anliegen der gastgebenden Gemeinschaft: Sant'Egidio. Vor 50 Jahren in Rom von Andrea Riccardi als Laienbewegung gegründet, bilden Gebet, Weitergabe des Evangeliums, Freundschaft zu den Armen, Ökumene, Dialog und Einsatz für den Frieden die Schwerpunkte der Arbeit. In Berlin geht es vor allem um Jugendliche, um alte Menschen, um Flüchtlingsfamilien. Ihrer Armut, aber auch ihrer Einsamkeit begegnet Sant'Egidio mit spiritueller und materieller Hilfe. Dabei gehen sie auch dahin, wo Religion sonst selbst an den Rand gedrängt wird: in die Berliner Schulen.

„Wir sprechen dort unsere Einladung aus, den Armen zu begegnen, etwas für sie zu tun“, erklärt Tobias Müller. Vor zehn Jahren kam auch er auf diese Weise mit Sant'Egidio in Berührung. Er fühlte sich angesprochen von dem Engagement der Gemeinschaft. Mit Kirche hatte er, aus dem ehemaligen Ostteil stammend, nichts zu tun, dem Glauben stand er indifferent gegenüber. „Wenn man damals zu mir gekommen wäre und einfach gesagt hätte: ,Werde Christ!‘ – ich wäre schreiend weggerannt!“, erinnert sich Müller.

So wie Tobias Müller geht es offenbar vielen: Die Institution Kirche wird kritisch gesehen, die tätige Nächstenliebe, die den Jugendlichen in sogenannten „Schulen des Friedens“ vermittelt wird, überzeugt und motiviert zum Mittun. Vor allem in sozialen Brennpunkten wie Neukölln, Marzahn oder Hohenschönhausen ist die Gemeinschaft aktiv. Etwa hundert junge Menschen kommen zu den Treffen und nehmen an den Aktionen teil. „Demnächst wieder: Geschenke einpacken, die wir dann zu den Armen bringen“. So wie einst Sankt Nikolaus.

Wenn Müller über die Reaktionen der Schüler auf den ersten Kontakt mit Sant'Egidio spricht, spürt man die Begeisterung, die ihn damals selbst aktiv werden ließ: „Wer die Armen kennenlernt, etwa in der Begegnung mit Flüchtlingsfamilien, stellt Fragen, die aus dem Evangelium beantwortet werden können. Mit dem Evangelium versteht man den Armen, durch den Armen versteht man das Evangelium.“ Wenn geflüchtete Menschen – auch durch die Hilfe von Sant'Egidio – Hoffnung schöpfen für einen neuen Lebensabschnitt, dann sei das beispielsweise eine konkrete Auferstehungserfahrung. Und die können auch kirchenferne Menschen machen.

Das klingt plausibel und deckt sich mit dem Missionsverständnis, das Papst Franziskus predigt: an die Ränder gehen, die Armen ins Zentrum stellen und so auf die verändernde Kraft des Evangeliums aufmerksam machen. Der Berliner Erzbischof Heiner Koch sieht die Gemeinschaft mit Wohlwollen. Zum 50. Geburtstag sagte er, Sant'Egidio habe die Begeisterung der 68er Jahre bewahrt und auf eine spirituelle Grundlage gestellt. Das Erzbistum unterstützt Sant'Egidio nach besten Kräften. Zum Welttag der Armen (18. November) organisiert die Gemeinschaft ein großes Essen in der Hedwigskathedrale, zu dem 400 Gäste erwartet werden. Gäste – nicht Hilfsbedürftige. Ein Mahl mit ihnen – nicht für sie. Mit vielen helfenden Händen, die nicht notwendigerweise regelmäßig zum Gebet gefaltet sind. So geht Neuevangelisierung in Berlin. In der Arbeit mit Flüchtlingen begegnet Sant'Egidio zwei Phänomenen, die eng zusammengehören und denen die Gemeinschaft entgegenwirken will: Armut und Krieg. „Der Krieg ist der Vater aller Armut“, ist Maria Herrmann überzeugt. Die Würzburgerin hat Sant'Egidio nach Berlin gebracht und leitet die Gemeinschaft vor Ort. Tobias Müller pflichtet ihr bei. Der Wirtschaftsinformatiker ist seit einigen Jahren in der Friedensarbeit tätig, die Sant'Egidio weit über die Kirche hinaus bekannt gemacht hat. Zuletzt gelang es, so Müller, 14 Konfliktparteien aus der Zentralafrikanischen Republik an den Verhandlungstisch zu bringen und einen tragfähigen Frieden auszuhandeln. „Das Entscheidende ist, im Gespräch zu bleiben“, erläutert Maria Herrmann das Vorgehen. „Wir haben ja nur das Wort.“ Aber ein Wort, das Gewicht hat. Und: Aus dem Taten erwachsen.

Beim Abendgebet wurde die Nikodemus-Stelle gelesen (Johannes 3, 1–9), in der es um die „Wiedergeburt aus dem Geist“ geht. Nikodemus trifft Jesus nachts, im Dunkeln, im Verborgenen. Jesus ist das Licht, das ihn den Weg der Erneuerung im Glauben erkennen lassen will. Nikodemus bleibt skeptisch: Von Neuem geboren werden – wie kann, wie soll das geschehen? Die Frage, die auch die Frage Marias ist, stellt sich gerade heute und gerade in Berlin. Sie bekommt im Wirken der Gemeinschaft Sant'Egidio für die Menschen der Stadt eine Antwort: Durch die liebevolle Begegnung mit denen, die man sonst oft ignoriert.

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