Würzburg

9. Januar: Die selige Julia von Certaldo

Einige Heilige müssen unter dem Aspekt der Volksfrömmigkeit betrachtet werden, da sie in ihrem realen Leben und Wirken kaum greifbar sind, aber durch ihre volkstümliche Verehrung zur Verbreitung des Glaubens beigetragen haben. Zu ihnen gehört die selige Julia von Certaldo.

Julia von Certaldo
Aus Julias Zelle heraus entwickelte sich im 15. Jahrhundert ein Augustinerkonvent, der 1783 säkularisiert und 2001 in ein Museum für sakrale Kunst umgewandelt wurde. Foto: IN

„Die Erinnerungen an meine Kinder- und Jugendzeit sind voller Bilder der Volksfrömmigkeit – die Prozessionen, die bei Regen und Sonnenschein durch die engen Gassen zogen; der Klang der Glocken, der die Luft erfüllte, wenn der Priester einem Todkranken die Sterbesakramente brachte…“ Mit diesen Worten erinnerte sich der kürzlich im Alter von 94 Jahren verstorbene Kardinal Prosper Grech an seine Kindheit im katholischen Malta der Vorkriegszeit. Papst Benedikt XVI. bezeichnete die Volksfrömmigkeit als „,Inkarnation des Glaubens‘: eines Glaubens, der mit dem Herzen gelebt wird, wo das Übernatürliche natürlich wird und das Natürliche vom Übernatürlichen erleuchtet wird“. Und Papst Franziskus hat im Advent einem Aspekt der Volksfrömmigkeit ein ganzes Apostolisches Schreiben gewidmet: „Admirabile signum“ über die Bedeutung und den Wert der Weihnachtskrippe. Auch einige Heilige müssen unter dem Aspekt der Volksfrömmigkeit betrachtet werden, da sie in ihrem realen Leben und Wirken kaum greifbar sind, aber durch ihre volkstümliche Verehrung zur Verbreitung des Glaubens beigetragen haben. Zu ihnen gehört die selige Julia von Certaldo, deren Gedenktag die Kirche am 9. Januar feiert.

Leben nach augustinischer Spiritualität

Julia Della Rena wurde um 1320 in einer vornehmen, aber verarmten Familie im toskanischen Ort Certaldo geboren, wo damals auch der berühmte Humanist Giovanni Boccacio lebte, der mit seiner Novellensammlung „Il Decamerone“ die Grundlage für die europäische Prosaliteratur legte. Als junges Mädchen verlor Julia beide Eltern und trat als Magd in den Dienst der Familie Tinolfi im nahegelegenen Florenz. Hier kam sie in Kontakt mit den Augustiner-Eremiten und schloss sich deren Drittorden an, lebte also nach der augustinischen Spiritualität, ohne in ein Kloster einzutreten. Die Stadt Florenz, damals eine aufblühende Handels- und Kulturmetropole, mit ihren Eitelkeiten stieß Julia ab; sie sehnte sich nach einem verborgenen Leben in Gebet und Einsamkeit. So machte sie sich auf, um in das heimatliche Certaldo zurückzukehren. Auf dem Weg dorthin rettete sie ein Kind aus einem brennenden Haus und brachte es wohlbehalten zu seinen Eltern zurück, was Julia die Bewunderung der ganzen Stadt einbrachte, aber ihren Wunsch nach Zurückgezogenheit nur noch verstärkte.

Bereits zu Lebzeiten als Heilige verehrt

In Certaldo steht die romanische Kirche „Santi Jacopo e Filippo“. Hier bat Julia darum, als Reklusin leben zu dürfen. Sie bezog eine Zelle, die zwei Fenster besaß: eines zum Kircheninnern, von dem aus Julia der Messe folgen und durch das sie die Kommunion empfangen konnte, und eines nach draußen, wo das Volk sie aufsuchte und mit Speisen versorgte. Nach Julias Einzug wurde das Zimmer von außen feierlich zugemauert. Über Julias Leben als Reklusin gibt es nur eine mündliche, legendenhaft ausgeschmückte Überlieferung. So soll sie sich für die ihr gebrachten Speisen mit Blumen bedankt haben – zu jeder Jahreszeit und ohne ihre Zelle verlassen zu können. Sicher ist, dass sie bereits zu Lebzeiten als Heilige verehrt wurde. Nach etwa 30 Jahren, die sie in Buße, Gebet und Askese in ihrer Zelle verbracht hatte, starb sie am 9. Januar 1370. Sie wurde in der Kirche beigesetzt; bereits zwei Jahre nach ihrem Tod wurde über ihrem Grab ein ihr geweihter Altar errichtet. Der seligen Julia wird mehrmals die Befreiung der Stadt Certaldo von der Pest zugeschrieben; seit 1506 feiert die Stadt offiziell jedes Jahr ein Fest zu ihren Ehren, das mit einer feierlichen Prozession verbunden ist. Um diese nicht im Winter durchführen zu müssen, wird das Fest heute immer am ersten Sonntag im September begangen. Die über mehrere Jahrhunderte nur volkstümliche lokale Verehrung der seligen Julia wurde 1819 von Papst Pius VII. offiziell für die ganze Kirche bestätigt.

Aus Julias Zelle heraus entwickelte sich im 15. Jahrhundert ein Augustinerkonvent, der 1783 säkularisiert und 2001 in ein Museum für sakrale Kunst umgewandelt wurde. Die Kirche blieb bestehen; sie beherbergt bis heute die Gräber der seligen Julia und ihres berühmten Zeitgenossen Giovanni Boccacio.

 

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