Moskau

25. September: Der heilige Sergius von Radonesch

Als Kind Probleme beim Lesenlernen. Als Mann ein Abt, der Stark im Glauben und groß an Demut war.

Der heilige Sergius von Radonesch
Der heilige Sergius von Radonesch

Gut 70 Kilometer nordöstlich von Moskau liegt das russisch-orthodoxe Dreifaltigkeitskloster, eines der wichtigsten religiösen Zentren der Orthodoxie. Umgeben von einer 1,3 Kilometer langen Schutzmauer befinden sich auf dem Gelände neben den Klausen der gegenwärtig etwa 170 Mönche neun Kirchen, eine Hochschule für die Priesterausbildung, ein Krankenhaus sowie ein Zarenpalais, das von der ehemaligen Herrscherfamilie bei ihren Besuchen bewohnt wurde, und eine Residenz, die der Patriarch von Moskau bei seinen Aufenthalten nutzt. Das Herzstück der Anlage ist die Dreifaltigkeitskathedrale mit dem silbernen Schrein, in dem die Reliquien des Klostergründers, des heiligen Sergius von Radonesch, aufbewahrt werden. Der Schrein ist das ganze Jahr hindurch Ziel unzähliger Pilger; zu den Festtagen des heiligen Sergius, eines der beliebtesten Heiligen der Orthodoxie, ist er Tag und Nacht zugänglich. Als Sergius um das Jahr 1450 vom Moskauer Patriarchat heiliggesprochen wurde, schuf Andrei Rubljow aus diesem Anlass die Dreifaltigkeitsikone, eines der großen Meisterwerke der Ikonenmalerei, das heute in der Moskauer Tretjakow-Galerie aufbewahrt wird, ursprünglich jedoch zur Ikonostase beim Grab des heiligen Sergius gehörte. Papst Johannes Paul II. nahm den heiligen Sergius auch in das Martyrologium Romanum auf; sein Gedenktag ist der 25. September.

Eine Erscheinung

Die Lebensgeschichte des heiligen Sergius wurde kurz nach seinem Tod von einem Mönch namens Epiphanius der Weise aufgeschrieben. Er berichtet, dass der um 1320 geborene Heilige auf den Namen Bartholomäus getauft wurde. Seine Eltern Kyrill und Maria waren Grundbesitzer bei Rostow am Nerosee. Als Fürst Iwan I. an die Macht kam, wurden sie vertrieben und zogen mit ihren drei Söhnen nach Radonesch, unweit des heutigen Dreifaltigkeitsklosters. Bartholomäus war ein intelligenter Junge, hatte aber Schwierigkeiten beim Lesen. Er überwand sie auf wundersame Weise, nachdem er einem Mönch begegnet war, der ihm ein Stück geweihtes Brot zu essen gegeben hatte – dieses Ereignis wird in seiner Biografie als Engelserscheinung gedeutet. Auch Bartholomäus selbst wollte Mönch werden, musste jedoch bis zum Tod seiner Eltern damit warten, da bereits ein älterer Bruder in einem Kloster lebte und er die Eltern nicht allein lassen wollte.

Nach ihrem Tod suchte Bartholomäus seinen Bruder im Kloster auf und bewegte ihn, gemeinsam einen Ort zu suchen, wo sie als Asketen leben könnten. Sie zogen sich in die Wälder zurück und gründeten eine kleine Mönchszelle mit einer hölzernen Kapelle, die der Heiligen Dreifaltigkeit gewidmet war – die Keimzelle der heutigen Dreifaltigkeitskathedrale. Bartholomäus wurde zum Mönch und dann zum Priester geweiht und erhielt den Namen Sergius.

Wahl zum Abt

In den folgenden Jahren schlossen sich ihnen weitere Mönche an. Jeder baute eine kleine Hütte aus Holz, so dass nach und nach eine Siedlung entstand. Sergius wurde zum Abt gewählt, nahm diese Wahl jedoch aus Demut erst bei der zweiten Wahl an, nachdem der erste Abt verstorben war. Nach nicht langer Zeit siedelten sich in der Nähe der Mönche auch Handwerker und Kaufleute an; so entstand neben dem Kloster ein Dorf. Schließlich wurde das Kloster vom damaligen Oberhaupt der Orthodoxie, dem Patriarchen Philotheus von Konstantinopel, offiziell anerkannt. Eine besondere Rolle im russischen Nationalepos spielt der heilige Sergius, da er im Jahr 1380 Dmitri Donskoi, den Großfürsten von Moskau und Wladimir, vor der Schlacht auf dem Schnepfenfeld segnete. Diese Schlacht, in der Dmitri durch seinen Sieg die Mongolenherrschaft in Russland beendete, gilt als Meilenstein in der russischen Geschichte. Unter Dmitri Donskois Ägide konnten Sergius‘ Mönche etwa 40 weitere Klöster in Russland gründen, wobei sie schwer zugängliche Gebiete urbar machten und so zur Besiedelung beitrugen. Als Sergius das Amt des Metropoliten von Moskau angeboten wurde, lehnte er ab, da er ein einfacher Mönch bleiben wollte. Er starb am 25. September 1392. Drei Jahrzehnte später wurden seine Reliquien in die Dreifaltigkeitskathedrale überführt, wo sie bis heute verehrt werden.

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