23. Juni: Die Wochenheilige

Die selige Raffaella Cimatti. Von Claudia Kock

23. Juni: Die Wochenheilige Die selige Raffaella Cimatti

Die Schlacht um Monte Cassino, in der sich zwischen Januar und Mai 1944 die deutsche Wehrmacht und die alliierten Truppen erbitterte Kämpfe lieferten, gehört zu den längsten und blutigsten Kampfhandlungen des Zweiten Weltkriegs. Sie endete mit der völligen Zerstörung der gleichnamigen Benediktinerabtei – bis heute ein Mahnmal für die Sinnlosigkeit des Krieges – und führte schließlich zum Rückzug der deutschen Truppen. Aufgrund der schweren Kämpfe waren viele Strukturen zerstört; das einzige noch funktionierende Krankenhaus der Gegend, das unzählige Kranke und Verwundete zu versorgen hatte, befand sich im etwa 50 Kilometer von Monte Cassino entfernten Alatri. Schwestern vom Krankenpflegeorden der „Suore Ospedaliere della Misericordia“ leisteten hier einen aufopferungsvollen Dienst. Eine von ihnen war Maria Raffaella Cimatti, der es durch einen heroischen Akt gelang, das Krankenhaus vor einer geplanten Bombardierung zu bewahren und so das Leben zahlloser Menschen zu retten. Sie wurde am 12. Mai 1996 von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Ihr Gedenktag ist der 23. Juni.

Santina Cimatti, so ihr bürgerlicher Name, wurde am 6. Juni 1861 im norditalienischen Faenza geboren und kam aus einer sehr einfachen, aber tiefgläubigen Familie. Ihr Vater war Landarbeiter, die Mutter Weberin.

Nachdem ihre beiden Brüder schon in sehr jungen Jahren nach einer persönlichen Begegnung mit Don Bosco bei den Salesianern eingetreten waren, musste Santina zum Lebensunterhalt der Familie beitragen und half der Mutter bei der Weberei und im Haushalt. Erst mit 28 Jahren konnte sie ihren Wunsch verwirklichen, Ordensschwester zu werden, und trat in das römische Mutterhaus der „Suore Ospedaliere della Misericordia“, einer zu Beginn des 19. Jahrhunderts gegründeten Kongregation zur Krankenfürsorge, ein, wo sie den Namen „Maria Raffaella“ erhielt.

1893 wurde sie nach Alatri und anschließend in die Provinzhauptstadt Frosinone gesandt, um hier als Krankenschwester und Apothekerin zu dienen. 1921 wurde sie Priorin der Gemeinschaft in Frosinone, und von 1928 bis 1940 bekleidete sie dieselbe Position in Alatri.

In ihrer Führungsrolle verstand sie sich als demütige Dienerin der Gemeinschaft und kümmerte sich nicht nur liebevoll um die Kranken, sondern übernahm freiwillig den Dienst in den frühen Morgenstunden, um Mitschwestern zu entlasten, und verbrachte ihre Freizeit oft damit, für die Gemeinschaft die Strümpfe zu stopfen. Mit 79 Jahren bat sie um die Entbindung vom Amt der Priorin, um als einfache Schwester der Gemeinschaft weiter zu dienen.

1943 wurde bei Schwester Maria Raffaella eine unheilbare Krankheit diagnostiziert. Im selben Jahr, am 9. September, landeten die Alliierten in Italien. Alatri lag im Gebiet der „Gustav-Linie“, wo schwerste Kämpfe stattfanden. Immer mehr Kranke und Verwundete wurden in das Krankenhaus gebracht, und Maria Raffaella ging trotz ihres fortgeschrittenen Alters und von ihrer eigenen Krankheit gebeugt unermüdlich von Bett zu Bett, um den Kranken Hilfe, Pflege und Trost zu bringen.

Als im Mai 1944 die Nachricht über den Rückzug der deutschen Wehrmacht kam, herrschte zunächst Erleichterung, die aber sofort in Entsetzen umschlug, als bekannt wurde, dass die Deutschen planten, Alatri zu bombardieren, um durch die Trümmer die Alliierten am Nachrücken zu hindern. Nach Absprache mit dem Bischof der Stadt, Edoardo Facchini, machte die betagte Ordensfrau einen mutigen Schritt und ging persönlich in das Hauptquartier der Wehrmacht, wo sie den befehlshabenden Generalfeldmarschall Albert Kesselring bat, von dem Vorhaben abzulassen, da man das Krankenhaus unmöglich evakuieren könne. Tatsächlich änderte Kesselring daraufhin die strategischen Pläne, und Alatri blieb verschont.

Maria Raffaella Cimatti starb wenige Wochen nach Kriegsende am 23. Juni 1945 im Krankenhaus von Alatri und wurde in der Krankenhauskapelle beigesetzt. Nach ihrer Seligsprechung wurden die Reliquien in die Kathedrale der Stadt überführt.