Rom

22. Juni: Der heilige Flavius Clemens

Der heilige Flavius Clemens wurde laut Martyrologium Romanum von Kaiser Domitian ermordet, weil er an Christus glaubte.

Flavius Clemens
Flavius Clemens ist eine faszinierende Gestalt, die mehr Einblick in die frühen Jahre des Christentums gibt als jene Gestalten, deren Geschichte vom Dickicht frommer Legenden überwuchert ist. Foto: IN

Das Martyrologium Romanum ist das Verzeichnis aller in der katholischen Kirche verehrten Heiligen und Seligen. 1584 erstmals veröffentlicht, wurde es nach dem Zweiten Vatikanum nach modernen historischen Gesichtspunkten überarbeitet: Während als rein legendär betrachtete Gestalten entfernt wurden, blieben andere, bei denen zumindest ein historischer Kern erkennbar ist, erhalten. Zu diesen gehört der heilige Flavius Clemens, an den das Martyrologium Romanum unter dem Datum des 22. Juni mit folgenden Worten erinnert: „Zu Rom: das Gedächtnis des heiligen Märtyrers Flavius Clemens. Von Kaiser Domitian, mit dem er als Konsul amtiert hatte, wurde er, weil er die Götter leugne,  in Wahrheit aber weil er an Christus glaubte, ermordet.“

Desinteresse gegenüber allen staatlichen Belangen

Die erste historische Information, die wir über Flavius Clemens haben ist, dass er als Kind oder Jugendlicher im Dezember des Jahres 69 auf dem Kapitol in Rom in Sicherheit gebracht wurde, da schwere Kämpfe die Stadt erschütterten. Im Jahr zuvor hatte Kaiser Nero Selbstmord begangen; seitdem kämpften mehrere Anwärter um den Thron, darunter Vespasian, ein Großonkel von Flavius Clemens. Ebenfalls auf dem Kapitol verschanzt war Flavius Clemens' Großcousin, der spätere Kaiser Domitian.

Der Aufstieg der Familie hatte in den 40er Jahren des ersten Jahrhunderts begonnen, als Kaiser Claudius die Brüder Vespasian und Flavius Sabinus – Flavius Clemens' Großvater – in den Senat aufnahm, wo beide eine steile politische Karriere machten. Als Claudius' Nachfolger Nero starb, war Flavius Sabinus amtierender Stadtpräfekt von Rom, während sein gleichnamiger ältester Sohn – Flavius Clemens‘ Vater – zum Konsul für das Jahr 69 designiert worden war. Gegen Ende des Jahres 69 ging Vespasian als Sieger aus den Thronwirren hervor und begründete die neue Dynastie der Flavier.

Es war zu erwarten, dass Flavius Clemens als Mitglied des Kaiserhauses und Enkel und Sohn von Männern, die höchste politische Ämter bekleidet hatten, ebenfalls eine politische Karriere machen würde – aber dies geschah nicht. Im Gegenteil: Der zeitgenössische Schriftsteller Sueton schreibt, Flavius Clemens sei „von verachtenswerter Interesselosigkeit gegenüber allen staatlichen Belangen“ gewesen.

Der Teilnahme an öffentlichen Götteropfern bewusst entzogen?

Diese knappe Information wird dann interessant, wenn man den Blick auf Flavius Clemens' Ehefrau Flavia Domitilla richtet, deren Name ebenfalls im Martyrologium Romanum verzeichnet ist. Eusebius von Caesarea und Hieronymus berichten, dass sie wegen ihres christlichen Glaubens auf die Pontinischen Inseln verbannt wurde und dort starb.

In Rom erinnern bis heute die Domitilla-Katakomben an sie: ein frühchristlicher Friedhof, der auf einem von ihr zur Verfügung gestellten Landstück errichtet wurde. Wenn ihr Ehemann Flavius Clemens ebenfalls Christ war, dann bekommt seine vermeintliche „Interesselosigkeit“ an der Politik einen ganz anderen Wert: Er könnte auf eine politische Karriere verzichtet haben, da mit dieser auch religiöse Pflichten im römischen Staatskult verbunden waren.

Um sich diesen – etwa der Teilnahme an öffentlichen Götteropfern – zu entziehen, könnte sich Flavius Clemens von politischen Ämtern ferngehalten haben.
Trotzdem wurde Flavius Clemens von Domitian, der inzwischen den Kaiserthron bestiegen hatte, für das Jahr 95 zum Konsul designiert – wohl weil der kinderlose Kaiser die beiden Söhne seines Großcousins als Thronfolger auserwählt hatte. Noch während des Konsulats wendete sich jedoch das Blatt: Domitian ließ Flavius Clemens hinrichten, und zwar, wie der Historiker Cassius Dio gegen Ende des zweiten Jahrhunderts schrieb, wegen „Atheismus“. Er fügte hinzu: „Noch viele weitere, die den jüdischen Bräuchen folgten, wurden mit demselben Vorwurf verurteilt: Einige wurden getötet, andere durch den Einzug des Vermögens bestraft.“

Durch vermeintlichen "Atheismus" den Zorn der Götter beschworen

Dies weist auf eine Christenverfolgung hin, denn wie wir von den frühchristlichen Apologeten wissen, wurde den Christen vorgeworfen, durch ihren vermeintlichen „Atheismus“ den Zorn der Götter auf den Staat zu lenken. Auch die „jüdischen Bräuche“, die Cassius Dio erwähnt, sind ein Indiz für eine Christenverfolgung, da die Römer in dieser frühen Zeit die Christen als jüdische Sekte und noch nicht als eigenständige Religion wahrnahmen. Flavius Clemens ist ein Heiliger, von dessen Geschichte wir nur wenige unklare Bruchstücke kennen. Dennoch oder gerade deshalb ist er eine faszinierende Gestalt, die mehr Einblick in die frühen Jahre des Christentums gibt als jene Gestalten, deren Geschichte vom Dickicht frommer Legenden überwuchert ist.

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