Istanbul

18. Juli: Die heilige Theodosia von Konstantinopel

Vor dem Hintergrund der Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee soll der Blick in dieser Woche auf eine byzantinische Heilige gerichtet werden, die in der Orthodoxie sehr verehrt wird: die heilige Theodosia von Konstantinopel.

Die heilige Theodosia von Konstantinopel.
Die heilige Theodosia von Konstantinopel. Foto: IN

„Ich denke an die Hagia Sophia, und es schmerzt mich sehr“: Mit diesen Worten reihte sich Papst Franziskus am vergangenen Sonntag auf dem Petersplatz in Rom in den Chor der zahlreichen internationalen Stimmen ein, die die Entscheidung der türkischen Regierung, die Hagia Sophia in Istanbul wieder in eine Moschee zu verwandeln, scharf kritisiert haben. Das im 4. Jahrhundert von Kaiser Konstantin errichtete Gotteshaus war bis zur Eroberung von Konstantinopel durch die Osmanen im Jahr 1453 als Hauptkirche des Byzantinischen Reiches das östliche Pendant zum Petersdom in Rom, und wurde dann zur Moschee umgebaut. 1935 wurde der Bau säkularisiert und in ein Museum umgewandelt, das heute zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Neben dem Papst verurteilten unter anderem Griechenland und Russland sowie die Vereinigten Staaten, die Europäische Union und der Ökumenische Rat der Kirchen die Entscheidung von Staatspräsident Erdogan, das Bauwerk ab dem 24. Juli wieder für das islamische Gebet zu öffnen. Auf dem Hintergrund dieser Ereignisse soll der Blick in dieser Woche auf eine byzantinische Heilige gerichtet werden, die in der Orthodoxie sehr verehrt wird. Da sie vor der Kirchenspaltung von 1054 lebte, ist ihr Name – unter dem Datum des 18. Juli – auch im katholischen „Martyrologium Romanum“ verzeichnet, auch wenn sie im Westen kaum bekannt ist: die heilige Theodosia von Konstantinopel.

Kritisch gegenüber der Ikonenverehrung

Theodosia wurde um das Jahr 700 geboren und trat, vermutlich in jungen Jahren, in ein Nonnenkloster in Konstantinopel ein. Im Jahr 717 wurde die Stadt von den Arabern belagert, die seit 630 versuchten, das Byzantinische Reich zu erobern. Teile des Reiches – in Syrien, Palästina und Nordafrika – waren bereits unter arabische Herrschaft gelangt. Dem byzantinischen Kaiser Leo III. gelang es, die Araber zurückzuschlagen und Konstantinopel vor der Eroberung zu retten. 718 gestattete er wahrscheinlich im Zuge der Waffenstillstandsverhandlungen die Errichtung der ersten Moschee in der byzantinischen Hauptstadt, vor allem für arabische Händler.

Leo III. stammte aus Syrien, was einen gewissen Einfluss des islamischen Denkens auf den christlichen Kaiser vermuten lässt. Er stand der im Byzantinischen Reich weit verbreiteten Ikonenverehrung kritisch gegenüber und bevorzugte das einfache Kreuz als christliches Symbol. Er ist als der erste Bilderstürmer in die Geschichte eingegangen, da er anordnete, eine große goldene Christus-Ikone am Chalke-Tor, dem offiziellen Besuchereingang des Kaiserpalastes unweit der Hagia Sophia, zu entfernen, was zu einem entrüsteten Aufruhr in der Bevölkerung führte. Auch Theodosia und ihre Mitschwestern eilten zum Palasteingang, wo ein Hofbeamter auf einer Leiter stand, um das wertvolle Christusbild herunterzunehmen. Eine aufgebrachte Menschenmenge versuchte, ihn daran zu hindern. Als Theodosia erbost an der Leiter rüttelte, fiel der Hofbeamte zu Boden und starb. Theodosia wurde daraufhin festgenommen und auf den Hinrichtungsplatz geführt, wo ihr das Horn eines Widders durch die Kehle gestochen wurde.

Sie gehörte zu den meistverehrten Heiligen im byzantinischen Konstantinopel

Theodosias Verehrung als Märtyrerin – sie gehörte zu den meistverehrten Heiligen im byzantinischen Konstantinopel und wurde besonders von alten und kranken Menschen als Fürsprecherin angerufen – setzte jedoch erst im Jahr 843 ein, als die byzantinische Kaiserin Theodora nach der Zeit des Ikonoklasmus per Dekret die Ikonenverehrung offiziell wieder einführte. Die Erinnerung daran wird in der Orthodoxen Kirche bis heute an jedem ersten Sonntag der Fastenzeit als „Fest der Orthodoxie“ begangen. Theodosia wurde im Zuge dieser Ereignisse als Vorkämpferin gegen den einsetzenden Bildersturm verehrt.
Theodosias Grab in einer Kirche am Ufer des Bosporus war bis zur Eroberung der Stadt im Jahr 1453 durch die Osmanen eine Pilgerstätte, an deren Stelle sich heute die Gül-Moschee erhebt. Eine sehr vage Erinnerung an Theodosia ist im Namen des Stadtteils erhalten geblieben: Er heißt bis heute im modernen Istanbul „Ayakapi“, das „Tor der heiligen Frau“.

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