Wo die Wende christliche Früchte trägt

Ettaler Benediktiner haben Kloster Wechselburg im Osten Deutschlands wiederbesiedelt – Erweiterung geplant

Dort, wo die Zwickauer Mulde am Fuße des Rochlitzer Berges eine Schleife macht, erhebt sich auf einer Anhöhe das kleine Städtchen Wechselburg. Jahr für Jahr ist der Ort inmitten des sächsischen Hügellandes Wallfahrtsziel von Gläubigen aus dem Bistum Dresden-Meißen. Aus der Ferne erblicken die Pilger neben der evangelischen St.-Otto-Kirche die Südseite des Schlosskomplexes. Die Wallfahrtskirche „Heilig Kreuz“, eine romanische Basilika aus dem 12. Jahrhundert mit Lettner und Triumphkreuzgruppe im Innern, liegt versteckt auf der Nordseite.

Die Geschichte der Wallfahrtskirche und des zum Barockschloss umgebauten Klosters spiegeln die Höhen und Tiefen von über 800 Jahren Zeitgeschichte wider. Mitte des 12. Jahrhunderts war Graf Dedo von Groitzsch Landesherr der Region um Rochlitz, zu der auch Zschillen (der mittelalterliche Name von Wechselburg) gehörte. Er strebte die Gründung eines Hausklosters an. 1174 kamen Augustinerchorherren vom Petersberg bei Halle (Saale) und nahmen ihre „vita communis“ im Stift Zschillen auf. Zu diesem Zeitpunkt stand laut Urkunde von 1168 bereits ein Teil der Kirche zu Ehren des heiligen und siegreichen Kreuzes, der seligen Gottesmutter Maria und des Evangelisten Johannes (dargestellt in der Triumphkreuzgruppe).

Die Kanoniker trieben die Pfarrseelsorge voran und erlangten eine bedeutende Stellung, was sich an der architektonischen Gestaltung der Kirche belegen lässt. In der dreischiffigen Pfeilerbasilika mit kreuzförmigem Grundriss finden sich, lange vor den Domneubauten in Magdeburg oder Naumburg, westliche, zum Teil schon gotische Formen. Nach dieser ersten Blüte ging das Stift wegen angeblichem Verfall der Augustinerchorherren 1278 an den Deutschen Ritterorden. Über die folgende Zeit lassen sich heute nur noch architektonische Veränderungen berichten (Einwölbung).

Der tiefgreifendste Einschnitt für das Stift Zschillen war die Reformation und die damit einhergehende Säkularisation. Landesherr Herzog Moritz tauschte 1543 Zschillen gegen strategisch wichtigere Burgen ein. Seitdem heißt der Ort Wechselburg. Das Stift wurde unter den neuen Besitzern, der gräflichen Familie von Schönburg, zum „Schloss“. Die Kirche nutzte man zu Wirtschaftszwecken. Erst 1683, als Wechselburg zur festen Residenz einer Linie der Schönburgischen Familie wurde, richtete man die Basilika als evangelische Schlosskirche ein. Dabei entfernte man Krypta, Hochchor und Lettner, fügte aber die Einzelteile großteils zu einem Altaraufbau und einer barocken Kanzel zusammen. So konnten Denkmalpfleger 1971/72 den Lettner wieder aufrichten, nachdem er fast 300 Jahre auseinandergerissen war.

1884 wurde die restaurierte Stiftskirche zur katholischen Basilika neu geweiht, weil das Wechselburger Grafenpaar zum katholischen Glauben konvertierte. Die Bemalung des Innenraumes entfernten Denkmalschützer 1952 wieder. Einziges erhaltenes Zeugnis der Konversion ist das Gnadenbild der Gottesmutter der immerwährenden Hilfe, das den Marienaltar ziert.

Auf den Zweiten Weltkrieg folgte die Enteignung im Zuge der sowjetischen Bodenreform. Seitdem ist die Basilika Pfarr- und Wallfahrtskirche. Das Schloss diente als Krankenhaus. Trotz der Enteignung betete ein Mitglied der gräflichen Familie schon seit den 60er Jahren der DDR-Zeit für die klösterliche Neubesiedlung von Wechselburg. Schwester Antonia von Schönburg-Glauchau, Benediktinerin der Abtei St. Gabriel in Bertholdstein (Steiermark), kam 1904 in Wechselburg zur Welt. Unermüdlich warb sie bei verschiedenen Frauenklöstern für die Wiederbelebung Wechselburgs. Gemeinsam mit einer Mitstreiterin sorgte sie bereits 1972 für die Einrichtung geeigneter Räume im gotischen Torhaus. Doch alle Versuche blieben bis zur Wiedervereinigung 1989/90 erfolglos.

Die Benediktiner der bayrischen Abtei Ettal erwogen bereits in den 80er Jahren die Gründung eines neuen Klosters, aber es schien noch nicht die richtige Zeit zu sein. Als die „Mauer“ fiel, eröffnete sich eine neue Herausforderung: Mit einer Gründung in den neuen Bundesländern könnten die Benediktiner einen Dienst zum geistlichen Zusammenwachsen leisten. Bereits 1990 brach Pater Rupert nach Bautzen auf und wirkte in der Pfarrseelsorge mit. Er knüpfte erste Kontakte und im Juni 1991 standen drei Orte im Bistum Dresden-Meißen zur Wahl: das alte Domstift zu Bautzen, das im Aufbau begriffene Tagungshaus in Schmochtiz und Wechselburg. Noch auf der Rückfahrt nach Ettal entschied sich der damalige Abt Edelbert dafür, dem Konvent Wechselburg als neue Niederlassung vorzuschlagen. Nach einem langen Entscheidungsprozess und viele Gesprächen mit staatlichen und kirchlichen Stellen stand einer benediktinischen Neugründung in Wechselburg nichts mehr im Wege. Am 28. August 1993 nahmen vier Ettaler Benediktiner in Wechselburg das Chorgebet auf.

Seit den vergangenen 14 Jahren ist Wechselburg wieder zu einem geistlichen Zentrum geworden. Die vier Ordensbrüder zogen im Jahr 2000 vom gotischen Torhaus, in dem sie sieben Jahre auf engstem Raum zusammenlebten, in den renovierten Teil des sogenannten Kleinen Schlosses um. Aus diesem Teil war nach zwei Jahren Verhandlungen die psychiatrische Kinder- und Jugendklinik ausgezogen und in 14 Monaten aufwändiger Sanierungsarbeiten ein neuer Klostertrakt sowie ein Jugend- und Familienbildungshaus für bis zu 60 Personen entstanden. Im Jahr 2002 kam der renovierte ehemalige Wäschereitrakt hinzu, in dem eine behindertengerechte Wohneinheit, ein Meditationsraum, eine Klause sowie ein Klosterladen Platz gefunden hatte.

Die Auslastung des Jugendhauses stieg in den vergangenen sieben Jahren stetig an. Beeindruckend ist die Vielfalt der verschiedenen Gruppen. Nach Auskunft des Priors, Pater Gabriel, nutzen katholische wie evangelische Gruppen gleichermaßen das Haus für Einkehrtage, Freizeiten oder Tagungen. Auch Nichtchristen, wie zum Beispiel Schulklassen, kommen nach Wechselburg und erleben mit großem Interesse das benediktinische Leben. Junge Gläubige schätzen besonders die Wechselburger Jugendvesper, die viermal im Jahr stattfindet und zuletzt über 200 Jugendliche aus dem ganzen Bistum anzog. Gestaltetes Stundengebet, verschiedene Workshops und Nachtanbetung in der Basilika gehören zu ihren festen Bestandteilen.

Diese Erfolge haben auch das Kloster wachsen lassen. Frater Victor, der nach der Wende zum katholischen Glauben kam, trat 1998 in die Gemeinschaft ein und hat mittlerweile seine ewige Profess abgelegt. Pater Georg kam im Herbst 2005 von Ettal nach Wechselburg und übernahm von Pater Rupert die Leitung des Jugend- und Familienhauses. Mit Frater Martin, der ursprünglich aus Thüringen stammt, leben zurzeit sechs Benediktiner in Wechselburg.

Ähnlich den Augustinerchorherren im Mittelalter ist den Benediktinern die Seelsorge der mittlerweile räumlich stark gewachsenen Pfarrei mit vier Gottesdienststationen anvertraut.

In Zukunft könnte das Gebet von Schwester Antonia von Schönburg-Glauchau, die mittlerweile in Freude über die Wechselburger Neubesiedelung gestorben ist, noch größere Früchte tragen. Das Schloss, das 1753 auf den romanischen Fundamenten der alten Klostergebäude errichtet wurde, steht seit zwei Jahren leer. „Eine Nutzung dieses Gebäudes brennt uns unter den Nägeln“, gibt Pater Gabriel, Oberer in der noch vom Kloster Ettal abhängigen Gemeinschaft zur Auskunft. Der Landkreis Mittweida hat dem Kloster bis 2010 das Vorkaufsrecht eingeräumt. Die Sanierungskosten für das zweistöckige Gebäude mit einem dreistöckigen Dachgeschoss sind mit einem zweistelligen Millionenbetrag für das kleine Kloster aber zu hoch. „Für dieses Projekt brauchen wir einen Partner, der mit uns das alte Klostergebäude übernimmt. Nicht nur finanziell, sondern auch personell würden wir uns mit sechs Mitbrüdern zu sehr verausgaben“, erklärt Pater Gabriel. Die konkrete Planung hängt vom Partner ab: „Wir wollen uns bewusst offen halten.“ Das Kloster strebt in Absprache mit dem Mutterkloster eine Selbstständigkeit an. Neben den klösterlichen Räumen könnte ein Flügel des neuen Gebäudes Einkehrenden Unterkunft geben, die im „Kloster auf Zeit“ mitleben wollen. Zudem könnte ein Tagungstrakt mit Einzel- und Doppelzimmer die Mehrbettzimmer im Jugendhaus sinnvoll ergänzen. Gelingt die Erweiterung, könnte über 450 Jahre nach dem Auszug der letzten Mönche der alte Klosterkomplex wieder mit monastischem Leben erfüllt werden.

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